Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 23.07.17

„Nicht meine Spielidee“

AUS DEM TRAININGSLAGER (X): Sandro Schwarz will Mainz-05-Fußball spielen lassen.
Ist zufrieden mit dem, was er bisher sieht: Sandro Schwarz.
Ist zufrieden mit dem, was er bisher sieht: Sandro Schwarz. | Peter H. Eisenhuth

Grassau. Seit beim FSV Mainz 05 die Vorbereitung auf die Bundesligasaison 2017/18 begonnen hat, ist immer wieder die Rede davon, Sandro Schwarz vermittele der Mannschaft seine Spielidee. Der Cheftrainer selbst grätscht bei dieser Formulierung schon mal dazwischen. „Das ist nicht meine Spielidee“, betont er. „Das sind die Ideen, die wir im Nachwuchsleistungszentrum niedergeschrieben haben und die ich zuletzt auch mit der U23 umzusetzen versucht habe.“

Der Verweis auf „Schwarz‘ Spielweise“ ist dennoch nicht gänzlich unangebracht, weil auch sein Vorgänger Martin Schmidt häufig von der 05-Philosophie sprach, damit aber etwas anderes meinte – nämlich sortenreinen Umschaltfußball, den er in seiner letzten Saison am Bruchweg zusehends defensiver interpretierte. Mit dem Trainerwechsel wird „nicht alles komplett auf den Kopf gestellt“, wie Schwarz sagt. „Grob zusammengefasst kann man sagen, dass wir in beide Richtungen aktiv sein wollen: in der Arbeit gegen den Ball und in Ballbesitz.“

Die Leute begeistern

Präferiertes Defensivverhalten des neuen Cheftrainers ist die Vorwärtsverteidigung, das Attackieren des Gegners schon in dessen Hälfte. „Wir wissen aber auch, dass es Phasen geben wird, in denen wir Druck überstehen müssen, dann ist mehr der tiefere Block gefragt.“ In Ballbesitz müsse sich seine Mannschaft danach ausrichten, was der Gegner ihr anbiete. „Steht er tiefer, brauchen wir ein sauberes Positionsspiel, steht er höher und hat selbst gerne die Kugel, gehen wir ins Umschaltspiel.“ Die Bausteine können sich von Woche zu Woche unterscheiden, eines aber müsse immer gelten: „Wir wollen die Leute begeistern mit unserer Arbeit, unserer Bereitschaft und der Intensität, die wir an den Tag legen.“

Ballbesitzfußball ist freilich nicht nur für die meisten Akteure im Kader eine relativ neue Variante, sondern „das schwierigste Thema überhaupt: gegen einen sehr defensiv eingestellten Gegner Chancen en masse herauszuspielen, gleichzeitig nichts zuzulassen und am besten das Spiel auch noch zu gewinnen“. Dafür benötige man ein gewisses Selbstverständnis, müsse mit viel Selbstvertrauen auftreten.

Schließlich geht es ja nicht einfach nur um lange Ballbesitzzeiten, wie sie unter Vorvorgänger Kasper Hjulmand ebenso ermüdend wir erfolglos zum Konzept gehörten, sondern um zielstrebigen Fußball. „Das ist eine Entwicklung, von der man nicht sagen kann, dass sie im Oktober oder November abgeschlossen sein wird. Das ist ein Prozess, der nie endet. Und als Trainer müssen wir bei der Vermittlung Geduld haben.“

Struktur ist vorhanden

Wer die 05er in den vergangenen Tagen während des Trainingslagers in Grassau und in den Testspielen gegen den FC Tokyo (5:2) und die SpVgg Greuther Fürth (0:0) beobachtete, konnte unschwer erkennen, dass dieser Prozess zumindest schon begonnen hat. Die Struktur ist vorhanden, die Spieler wissen im Prinzip, welche Positionen sie in welchen Situationen einnehmen müssen.

Gegen den Zweitligisten hatten die 05er es nach dem Seitenwechsel mit einem Team zu tun, das sich, gewollt oder ungewollt, nur noch im und am eigenen Strafraum aufhielt. Dass seine Elf es dagegen oft über die Flügel probierte, war für Schwarz in Ordnung – wenn das Zentrum dicht ist, müsse der Ball nach außen. Was er sich als nächste Schritte wünscht, sind noch mehr Tiefenläufe und noch mehr Zielstrebigkeit beim letzten Pass. Aber diese Elemente kämen zum Tragen, sobald die Eingewöhnungsphase etwas länger dauere und die Beine nicht mehr so schwer seien wie in dieser Phase der Vorbereitung.

Ballbesitzspiel braucht Raumaufteilung

Begeistert zeigte der Mainzer Trainer sich von zwei Statistiken in diesem Test: 66:34 Prozent Ballbesitz plus mehr Balleroberungen – „das sind geile Werte“. 14 Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte seien ebenfalls mehr als ordentlich. „Überragend wird’s ab 20. Aber wenn wir bei unserer Dominanz zusätzlich so oft die Kugel erobern, spricht das schon jetzt für unser Positionsspiel.“ Denn auch dies ist ein wichtiger Faktor in der künftigen Spielweise: „Wir definieren uns nicht nur über Ballbesitz, sondern brauchen auch eine gute Raumaufteilung, um bei Ballverlusten sofort ins Gegenpressing zu kommen und den Ball zurückzuholen“, sagt Schwarz. „Das ist der Algorithmus für unser Spiel.“ 

 

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