Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 21.07.17

„Der Trainer traut mir etwas zu“

AUS DEM TRAININGSLAGER (VII): Philipp Klement im „Interview der Woche“ über eine schwierige Zeit und eine neue Chance.
(1/2) Ein Sprinter wird Philipp Klement in diesem Leben nicht mehr…
(1/2) Ein Sprinter wird Philipp Klement in diesem Leben nicht mehr… | Peter H. Eisenhuth
(2/2)  …aber fußballerisch gibt es kaum einen Besseren im Kader des FSV Mainz 05.
(2/2) …aber fußballerisch gibt es kaum einen Besseren im Kader des FSV Mainz 05. | Peter H. Eisenhuth

Grassau. Die vergangenen anderthalb Jahre dürften Philipp Klement weniger als Achterbahnfahrt, denn als Freefall-Tower vorgekommen sein. Ersten Bundesligaeinsätzen, viel Lob aus Trainermund und einem Profivertrag im Winter 2015/16 folgte wenige Monate später ein tiefer Sturz. Schon während des Trainingslagers im vorigen Sommer war nicht zu übersehen, dass Martin Schmidt in seinen Überlegungen keinen Platz mehr für Klement hatte – irgendwann war der inzwischen 24-Jährige wieder komplett zur U23 abgeschoben, für die er seit 2014 insgesamt 72 Drittligaspiele absolviert hat.

Unter Sandro Schwarz („Ich weiß, was Philipp kann, und ich weiß auch, dass er das Vertrauen braucht“) erhält Klement eine neue Chance im Bundesligakader. Im Gespräch mit SPORTAUSMAINZ.de spricht Klement über die schwierige vorige Saison, Mentaltraining, die Bedeutung des Trainerwechsels und Selbstvertrauen.

 

Herr Klement, neue Saison, neue Chance: Wir fühlen Sie sich nach den ersten zweieinhalb Wochen der Vorbereitung?

Es läuft gut bis jetzt. Ich fühle mich in der Mannschaft wohl, das Trainerteam kenne ich ja schon länger. Das ist für mich vielleicht auch ein kleiner Vorteil…

…auch weil Sie schon die Spielidee kennen, die Sandro Schwarz der Mannschaft vermitteln will?

Ja. Für den Großteil der Mannschaft ist das neu, für mich aus der U23 altbekannt. Man merkt im Moment noch, dass es für viele ein Cut ist. Aber das ist normal. Es wäre ja auch ungewöhnlich, dass ein neuer Trainer kommt und alles so macht, wie es vorher war. Und es braucht eine gewisse Zeit, bis sich die neuen Vorstellungen eingespielt haben.

Gehen wir mal ein Jahr zurück. Da saßen wir in Saint-Vincent im Aostatal, Sie hatten ein paar Monate vorher Ihren ersten Profivertrag unterschrieben…

…genau, im Winter…

…und nach der Sommervorbereitung waren Sie plötzlich komplett bei der U23.

Das kam so nach und nach. Im ersten halben Jahr bin ich noch ein bisschen hin- und hergeswitcht, aber eine realistische Chance hatte ich schon nicht mehr, glaube ich.

Was war das für ein Gefühl?

Das stellt man sich natürlich anders vor. Ich hatte zu der Zeit auch körperlich meine Problemchen und war nie bei 100 Prozent. Und dann gab es noch ein paar Nackenschläge. Als der Euro-League-Kader bekanntgegeben wurde, war ich nicht nominiert – das war ein recht deutliches Anzeichen dafür, welche Rolle ich spielen würde. Und dass man dann nicht mit dem größten Selbstbewusstsein herumläuft, ist ja irgendwie logisch. Ende der Hinrunde war ich eigentlich wieder fit, aber im Winter hieß es, dass ich nur noch zur U23 gehöre. Ich bin trotz allem gut damit umgegangen und habe in der Dritten Liga eine gute Rückrunde gespielt.

Bei Ihren U-23-Spielen hatte man schon den Eindruck, dass das Ganze gewaltig an Ihnen genagt hat. Sie hatten in der Saison zuvor auf Schalke Ihren ersten Bundesligaeinsatz gehabt, dann kam der Profivertrag und auf einmal ging es rapide in die andere Richtung. Das muss man im Kopf erst mal verarbeiten, oder?

Also, ich würde lügen, wenn ich sagte, es sei eine einfache Zeit gewesen. Klar habe ich mir viele Gedanken und in dieser Phase auch schlechte Spiele in der U23 gemacht. Das war mir bewusst, aber ich glaube, das ist menschlich. Es ist einfach so, dass im Fußball der Kopf eine große Rolle spielt, und wenn man andere Gedanken im Kopf hat und nicht so positiv gestimmt ist, spiegelt sich das oft auch auf dem Platz wider. Gerade auch bei einem Spielertypen wie mir, der auch von seinem Selbstbewusstsein lebt. Ein Innenverteidiger hat es vielleicht ein bisschen einfacher, der spielt seinen Stiefel herunter und kann das trotzdem solide spielen. Aber ein Offensivspieler muss Aktionen starten, und das fiel mir damals schwer.

Wie sind Sie aus diesem Tief herausgekommen? Haben Sie das mit sich alleine ausgemacht, oder hatten Sie jemanden, mit dem Sie das aufarbeiten konnten?

Ich arbeite seit einiger Zeit mit einem Mentaltrainer. Das tut mir gut, ich behalte das auch bei. Das war für mich schon noch mal ein Schritt nach vorne. Aber damit habe ich erst in den letzten Wochen der Saison angefangen – gute Spiele hatte ich auch vorher schon wieder gemacht.

War es für Sie ein schwieriger Schritt? In anderen Sportarten wird schon länger mit Mentaltrainer gearbeitet, aber unter Fußballern wurde man dafür früher leicht abschätzig angeguckt.

Nee, es gibt vielleicht mal einen dummen Spruch. Aber jeder sagt, wie wichtig der Kopf beim Fußball ist, und im Endeffekt mache ich ja nichts anderes, als meinen Kopf zu trainieren. Was soll also dagegensprechen; es ist ja auch kein Psychologe, sondern ein Mentaltrainer, der mir hilft.

Hatten Sie im Winter darüber nachgedacht, den Verein zu verlassen?

Letzten Sommer nach der Vorbereitung hatte der Trainer das Thema schon mal angesprochen, auch das war ein Zeichen für mich, dass ich in der Ersten Mannschaft keine Chance haben würde. Da kam ich auch schon ins Grübeln, aber im Winter habe ich nicht so viel davon gehalten.

Aber Sie hätten ja auch ein Jahr nach vorne denken können, um in diesem Sommer zu gehen, auch wenn Ihr Vertrag noch ein Jahr läuft. Zumal absehbar war, dass die Zweite Mannschaft in die Regionalliga absteigen würde.

Ja, aber als dann der Trainerwechsel bekanntwurde, wusste ich für mich auch, wie es weitergeht. Ich weiß, was Sandro von mir hält, und das ist für mich jetzt eine neue Chance.

Vorige Saison war aber auch Sandro Schwarz an dem Punkt angelangt, dass er Sie nicht mehr in die Startelf stellte. Beim Auswärtsspiel in Osnabrück saßen Sie auf der Bank – aber als Sie in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurden, haben Sie das Spiel mit zwei Toren zu einem 2:1-Seg gedreht. War das der Knotenlöser?

Das könnte man jetzt natürlich so hinstellen. Es war jedenfalls gerechtfertigt, mich nicht aufzustellen. Meine Trainingsleistungen waren einfach nicht so, wie sie sein sollten, auch wenn ich meine Spielleistungen okay fand. Wir hatten vor dem Spiel in Osnabrück ein längeres Gespräch, in dem Sandro mir seine Entscheidung erklärt hat. Wir haben ganz offen darüber gesprochen. Natürlich war ich erst einmal enttäuscht, als ich das hörte. Und ich dachte mir: „Wo bin ich jetzt gelandet? Jetzt sitze ich hier schon auf der Bank.“ Aber was bleibt mir in einer solchen Situation anderes übrig? Wenn ich reinkomme, muss ich Gas geben. Wenn ein Trainer solche Entscheidungen trifft und auch begründet, kann ich damit umgehen. Hab ich dann ja auch gemacht.

Als der Trainerwechsel verkündet wurde, war das der Knopf, der gedreht werden musste, um Sie positiv in die neue Saison gehen zu lassen?

Klar war das für mich ein positiver Wechsel. Wenn man sich mit Sandros ganzer Spielweise beschäftigt, weiß man, dass die zu meiner ganz gut passt. Wir haben ja auch zweieinhalb Jahre miteinander gearbeitet, und dass in dieser Zeit ein besonderes Verhältnis entsteht, ist ganz normal. Und wenn ich dann die Zusage bekommen habe, dass ich fester Bestandteil des Profikaders bin – klar könnte man da schlechtere Laune haben…

In welchen Bereichen müssen Sie gegenüber dem vorigen Jahr noch zulegen?

Zum einen muss ich körperlich dranbleiben, gesund sein, zum anderen muss ich selbstbewusster auftreten. Ich muss auf dem Trainingsplatz Selbstbewusstsein ausstrahlen und darf nicht so viel zweifeln, nicht in die Vorbereitung gehen und denken, ich sei derjenige, der von unten kommt und sich unterordnen muss. Der Trainer hat mir zugesichert, dass ich ein ganz normales Kadermitglied bin, und so will ich auch auftreten und meine Stärken einbringen. Bis jetzt gelingt mir das ganz gut.

Warum mangelte es Ihnen trotz Ihrer fußballerischen Fähigkeiten in der Vergangenheit an Selbstbewusstsein?

Gute Frage. Jetzt weiß ich, dass der Trainer auf mich baut und mir etwas zutraut. Das war vorher nicht ganz der Fall, und das hat mich irgendwann runtergezogen. Davon habe ich mich zu sehr beeinflussen lassen, und das hat man mir angemerkt. Sicher ist es die Kunst, sich von solchen Urteilen nicht abhängig zu machen. Wenn ich 100 Bundesligaspiele hätte, würde ich das vielleicht hinbekommen, aber in der Phase war ich nicht so gefestigt, um zu sagen: Ich mache mein Ding und der Rest ist mir egal. So etwas sieht man ja selbst beim FC Bayern, wo Spieler unter einem Guardiola vielleicht besser zurechtgekommen sind als unter Ancelotti. Ich glaube, das ist menschlich: Ob man einen Chef hat, der einen antreibt und lobt, beeinflusst einen anders, als wenn ein Trainer kritischer ist.

Ihr Manko ist Ihre Sprintfähigkeit…

…stimmt…

…Sie haben heute im Training auch die Ohrenschnipper bekommen, weil Sie der Langsamste Ihrer Gruppe waren…

…(lacht) da hatte ich die falschen Gegner.

Kann man daran noch arbeiten, oder müssen Sie das gar nicht, weil Sie den Nachteil durch Ballsicherheit, Auge und Passspiel wettmachen können?

Beides, würde ich sagen. Man muss daran arbeiten. Ich werde nie derjenige sein, der das Sprintduell gewinnt, sondern muss versuchen, meine Stärken auszuspielen. Wenn ich jetzt anfinge, den Ball am Gegner vorbeizulegen, um den zu überrennen – das passt einfach nicht zu mir. Ich muss versuchen, bei meiner Schnelligkeit das Beste herauszuholen und die Stärken weiter auszubauen, damit das Manko nicht so sehr zum Tragen kommt.

Wie schätzen Sie den Kader ein?

Von den Einzelspielern her gut. Es muss sich jetzt noch finden, aber Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden, vor allem, wenn man sieht, wie viele jüngere Spieler wir haben – ich gehöre mit meinen 24 Jahren jetzt schon zur Mitte – das ist schon beeindruckend. Auch im Umgang untereinander passt es, und das muss immer eine Stärke von Mainz 05 sein: Wenn ein Erfolgsstreben in der Mannschaft drin ist und gleichzeitig ein guter Umgang, dann ist die Mannschaft meistens in ihren Möglichkeiten erfolgreich. Jetzt liegt es an uns, mit dem Trainerteam zusammen diese Möglichkeiten auszuschöpfen.

Hatten Sie irgendwann im Laufe der vergangenen Jahre mal einen Plan B für den Fall, dass es mit dem Profifußball nichts wird?

Klar mache ich mir Gedanken. Als ich in Nürnberg war, hatte ich überlegt, ein duales Fernstudium zu beginnen, aber es wäre zu kompliziert gewesen, das mit dem Fußball zu kombinieren. Über ein Fernstudium habe ich schön öfter nachgedacht, aber im Endeffekt würde ich schon gerne im Fußball bleiben, auch später im Trainerbereich. Ich will nicht nur irgendwas studieren, um zu studieren, sondern es sollte mir schon etwas bringen. Jetzt versuche ich mich privat weiterzubilden, viel zu lesen, das Handy öfter wegzulegen. Ich habe auch mit Stefan Bell darüber gesprochen, der sehr gebildet ist und viel liest. Er meint auch, dass man sich mit Büchern das beibringen kann, was man will, während man in einem Studium auch vieles macht, was man letztlich nicht braucht. Sicher, man hat dann einen Abschluss in der Hand, ich will das nicht kleinreden. Aber ich glaube nicht, dass es mir viel bringen würde.

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

 

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