Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 07.12.2022

Schmidt will Aarón nicht gehen lassen

Nicht alle nach Malle (5) | Der Sportdirektor des FSV Mainz 05 möchte den Vertrag mit dem spanischen Linksverteidiger gerne verlängern – weiß aber, dass es den in die Heimat zieht. Im Trainingslager offenbart der Schweizer zudem, in wen er sich 1978 verliebt hat.
Wer bei Mainz 05 einen Vertrag (verlängern) will, muss sich mit Sportdirektor Martin Schmidt einig werden...
Wer bei Mainz 05 einen Vertrag (verlängern) will, muss sich mit Sportdirektor Martin Schmidt einig werden... | Lukas Schmidt / lps-photography
...ob Aarón das will oder es den Spanier in die Heimat zieht, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden.
...ob Aarón das will oder es den Spanier in die Heimat zieht, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. | Lukas Schmidt / lps-photography

Aus Palma de Mallorca berichtet Peter H. Eisenhuth.

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Palma. Der Dienstagabend war kein schöner Abend für Martin Schmidt. Vor dem Fernseher musste er mitansehen, wie seine Schweizer Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Katar von Portugal „zerlegt und aufgefressen“ wurde und mal wieder im Achtelfinale eines großen Turniers scheiterte. „Zum fünften Mal hintereinander.“ Schön bei diesem 1:6 war nur das Ambiente: Der Sportdirektor des FSV Mainz 05 war Gast bei einem gemütlichen Abendessen im Haus von Sportvorstand Christian Heidel im Hafenstädtchen Santa Ponça, als er sah, wie die „Nati“ unterging.

Nebenbei waren damit auch die letzten Mainzer Profis ausgeschieden, der erkrankte Silvan Widmer und der für ihn in die Anfangself gerückte Edimilson Fernandes. Bereits am Montag hatte es Jae-sung Lee mit Südkorea gegen Brasilien erwischt.

Alle drei WM-Fahrer des Bundesligisten dürfen jetzt bis kurz vor Weihnachten Urlaub machen und sollen am 22. Dezember mit individuellen Laufprogrammen beginnen. Ein paar Tage früher als die Kollegen, die gerade ihr erstes Trainingslager in der Winterpause absolvieren. „Es hätte keinen Sinn, sie aus dem Hochsommer und dem Druck, der mit dem Turnier verbunden war, direkt zu Hause wieder einsteigen zu lassen.“

Aarón blüht auf

Die Mainzer Woche auf der Insel unterscheidet sich stark von gewohnten Trainingslagern. Der Freizeitanteil der Spieler ist höher, die Tage sind nicht komplett für alle durchstrukturiert, sondern, sofern nicht noch ein Testspiel ansteht, nach dem Mittagessen ist frei. Nicht mal mehr die üblichen Kleidungsvorschriften gelten.

Bei aller Ernsthaftigkeit, die Trainer Bo Svensson in den Übungseinheiten und den Spielen von seinen Akteuren fordert, dominiert ansonsten der Spaß. Ein ernsteres Thema wird, wie Schmidt sagt, wohl frühestens nach der Rückkehr nach Deutschland, vielleicht aber auch erst während der Tage in Andalusien behandelt werden: eine mögliche Vertragsverlängerung mit Linksverteidiger Aarón.

„Der blüht hier extrem auf, er fühlt sich pudelwohl“, erzählt der Sportdirektor – das muss man nicht, kann man aber als Indiz dafür betrachten, dass der Spanier nach dem Ende seines bis Sommer nächsten Jahres laufenden Kontrakts in die Heimat zurück will.

Siegt Mainz über das Heimweh?

Das wollte Aarón schon vor eineinhalb Spielzeiten. „Für ihn war es sonnenklar, dass er geht, und er war brutal enttäuscht, dass wir ihn nicht haben gehen lassen“, sagt Schmidt. Damals lag eine sechsmonatige Ausleihe nach Celta de Vigo hinter ihm, danach fehlte ihm offenbar das Verständnis dafür, dass die 05er weiterhin mit ihm planten. „Inzwischen weiß er, warum.“

Den Mainzer Verantwortlichen hätte man es freilich nicht verübeln können, wären sie darauf erpicht gewesen, den Außenbahnspieler loszuwerden. Zu sehr waren dessen Leistungen nach einer sehr starken ersten Saison in den Keller gesackt. Doch Svensson glaubte offenbar daran, das Potenzial der mit fast zehn Millionen teuersten Mainzer Verpflichtung wieder hervorrufen zu können. Und siehe da: In der vorigen Saison kam Aarón auf 28 Einsätze, meist von Beginn an, seit Beginn der laufenden Runde gehörte er durchweg der ersten Elf an.

Wenig verwunderlich also, wenn Schmidt sagt: „Wir wollen ihn nicht so schnell gehen lassen“ – dass dies ein ablösefreier Abschied wäre, macht den Gedanken noch unerfreulicher –, „aber wir wissen, dass er Heimweh hat.“ Der 25-Jährige wiederum wisse, dass er in Mainz eine sportliche Zukunft habe. „Wenn das für ihn passt, stricken wir etwas.“

Vergleich mit Fernandes

Aarón ist nicht der einzige 05-Profi, der unter Svensson eine solche Entwicklung genommen hat. Bei Edimilson Fernandes lag der Fall ähnlich, mit den Unterschieden, dass der Schweizer 2019 für 7,5 Millionen gekommen war und keine starke erste Bundesligasaison hatte. Weder unter Sandro Schwarz noch unter Achim Beierlorzer und Jan-Moritz Lichte erfüllte er auch nur ansatzweise die hohen Erwartungen; auch Svensson hatte in seiner ersten Rückrunde keine Verwendung für ihn.

Ausleihen nach Bielefeld und zu den Young Boys Bern für je eine Halbserie verliefen wenig verheißungsvoll, in diesem Sommer galt Fernandes als unbedingter Verkaufskandidat. Die Mainzer hatten ihn aufgegeben, der Spieler fühlte sich am Bruchweg nicht wohl. Das hat sich diametral geändert. Ein Gespräch mit Svensson führte dazu, dass sich Fernandes plötzlich präsentierte, als hätte er einen weitaus talentierteren Zwillingsbruder geschickt.

Fan von Kempes und Argentinien

„Er hat wieder eine Bindung gespürt und Vertrauen, und dadurch konnte er wieder Leistung bringen“, sagt Schmidt. Mehr noch: Fernandes wurde zur Entdeckung der Saison auf der Innenverteidigerposition. Die Folge: Mitte November verständigten beide Seiten sich darauf, ihre Zusammenarbeit bis 2026 fortzusetzen. Ähnliches würde der Sportdirektor in absehbarer Zeit gerne von Aarón berichten.

Was die Weltmeisterschaft angeht, kann Martin Schmidt nach dem Schweizer Aus im Übrigen den Patrioten in die Ecke stellen und seiner wahren Leidenschaft frönen – er ist Fan von Argentinien. Seit der WM 1978, der ersten, die der damals Elfjährige aufmerksam verfolgte und bei der ein überragender Mario Kempes die Gastgeber zum Titel führte. Jetzt drückt Schmidt die Daumen, dass Lionel Messi seine sensationelle Karriere auf die gleiche Weise krönt.

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