Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 10.07.2018

Der Nussknacker muss noch die Bälle tragen

AUS DEM TRAININGSLAGER (III): Ridle Baku geht in seine erste echte Saison als Profi. Der defensive Mittelfeldspieler soll und will an die Schlussphase der vorigen Runde anknüpfen.
Einer, der man nicht motivieren muss und der morgens um 7 schon ein Lachen im Gesicht hat: Ridle Baku.
Einer, der man nicht motivieren muss und der morgens um 7 schon ein Lachen im Gesicht hat: Ridle Baku. | Peter H. Eisenhuth

Venlo. Ridle Baku war im Trainingslager des FSV Mainz 05 in Venlo schon Gesprächsthema, bevor er selbst am Gespräch teilnahm. Jean-Philippe Mateta nämlich, einer der französischen Neuzugänge des Bundesligisten, erzählte, er teile sich ein Zimmer mit dem Mittelfeldspieler. Offensichtlich hatten die Verantwortlichen bei der Belegung Aspekte der Ahnenforschung einfließen lassen – die familiären Wurzeln beider Spieler nämlich liegen im Kongo, im „großen Kongo“, wie Mateta auf Nachfrage eines Journalisten bestätigte, in der Demokratischen Republik Kongo. In der dortigen Nationalsprache Lingála können sie denn auch am ehesten miteinander kommunizieren.

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Doch während der neue Stürmer in Frankreich geboren wurde und noch nie in der Heimat seiner Eltern war, handelt es sich bei Ridle Baku um einen echten Määnzer Bub, vor 20 Jahren und drei Monaten in der Landeshauptstadt geboren, hier aufgewachsen, in der IGS Bretzenheim zur Schule gegangen und als Neunjähriger zu den 05ern gekommen.

Und das macht ihn zu einem ganz besonderen Jungprofi. Baku ist einer, der das vereinseigene Nachwuchsleistungszentrum von Anfang bis Ende durchlaufen, der sich über die einzelnen Jugendteams und die U23 in den Bundesligakader gearbeitet hat. Einer wie Suat Serdar, dem dies in ähnlicher Form gelungen war, und dessen Wechsel zum FC Schalke 04 einen Platz im Mittelfeld freimacht, um den sich Baku bewirbt.

Sehr bodenständig, eher zu schüchtern

Ansprüche darauf erhebt er nicht, zumindest nicht verbal. „Jetzt will ich erst mal die Vorbereitung gut bestreiten, und dann sehen wir, wie die Hinrunde verläuft, wie ich mich entwickele“, sagt er. „Wichtiger als selbst zu spielen, ist, dass wir die ersten Spiele gewinnen.“

Nonverbal allerdings lässt Baku in seinem ersten Trainingslager mit den Profis sehr wohl erkennen, dass er zu Beginn der neuen Saison da weitermachen will, wo er die letzten drei Partien der vorigen Runde erlebt hat: auf dem Platz. Sandro Schwarz bestärkt ihn in dieser Einstellung und in der Art des Fußballspiels. „Ridle ist ein Panzer, ein kleiner Nussknacker“, betonte der Cheftrainer zum einen die starke Physis des jungen Spielers. Zum anderen verfüge Baku über fußballerische Qualität, sei fleißig, arbeite sehr gut gegen den Ball und unternehme viele Läufe in den Strafraum.

„Es geht für Ridle nicht darum, die beiden Tore gegen Leipzig und Dortmund zu bestätigen“, sagt Schwarz. „Aber all diese anderen Dinge, die er mitbringt, brauchen wir von ihm.“ Etwaige Befürchtungen, dem 20-Jährigen könne der Hype aus der Schlussphase der Saison 2017/18 zu Kopf steigen, teilt Schwarz nicht. „Ridle muss man nicht bremsen oder runterholen, der ist total bodenständig. Eher ist er ein bisschen zu schüchtern.“

Glück, dass der Trainer an ihn glaubte

In jedem Fall scheint Baku in der Lage, sein bisheriges Leben als Fußballprofi richtig einzuordnen. Er weiß, dass er gerade einmal drei Bundesligaspiele auf dem Buckel hat und dass er hart dafür arbeiten muss, daraus in den kommenden Monaten 30 zu machen oder mehr. Und ihm ist bewusst, dass es auch ganz anders hätte kommen können.

Zum Beispiel, wenn der Fehlpass in der zehnten Minute seines Debütspiels den Leipziger Führungstreffer nach sich gezogen hätte. Wenn er sich nicht von Mitte der ersten Halbzeit an selbst aus einem ganz tiefen Loch herausgezogen hätte. Und wenn sein Trainer nicht Sandro Schwarz gewesen wäre, der diese Entwicklung registrierte und honorierte und an Baku glaubte, sondern einer, der ihn spätestens zur Pause vom Platz geholt hätte.

„Dass aus dem Fehlpass kein Tor wurde und ich stattdessen kurz vor Schluss eines schieße“, war Matchglück“, sagt er. „Und dann war es mein Glück, einen Trainer zu haben, der einen durchspielen lässt“ – Sandro Schwarz hatte in diesem Moment nicht mehr viele Anhänger im Stadion. Doch die Entwicklung gab dem Coach Recht.

In Bruchsal aus dem Bus geholt

Für Baku hatte dieser erste Bundesligaeinsatz von Anfang bis Ende etwas Surreales. Nach der U-19-EM drei Wochen vor dem Beginn der Regionalligasaison zur U23 gestoßen, dort rasch zum Leistungsträger im defensiven Mittelfeld aufgestiegen und nicht nur vom routinierten Nebenmann Sebastian Tyrala mit Lob überhäuft, trudelte er nach sechs, sieben Wochen mit der Mannschaft in ein Tief, aus dem es erst in der Schlussphase, nach dem Trainerwechsel von Dirk Kunert zu Thomas Krücken, wieder hinausging.

„Das war eine sehr schwierige Zeit“, räumt Baku ein, „man musste kämpferisch vorangehen. Das ist nicht so meine Eigenschaft, ich versuche, spielerische Elemente auf den Platz zu bringen.“ Letzteres sei in der vierten Liga ohnehin nicht so einfach gewesen, da die meisten Mannschaften mit hohen Bällen statt Flachpässen agierten. „Ich musste mich erst finden und mein Spiel ein bisschen verändern.“

An einen Einsatz in der Ersten Mannschaft hatte er, ungeachtet der 57 Minuten im Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart nicht mehr gedacht. „Ich bin davon ausgegangen, dass es wenn, dann überraschend käme – aber nicht, dass es so überraschend kommt.“ Zur Erinnerung: Baku saß an jenem Sonntag im U-23-Mannschaftsbus auf dem Weg nach Freiburg, als sich bei den Profis herausstellte, dass neben Suat Serdar in Danny Latza ein weiterer defensiver Mittelfeldspieler ausfällt. Also rief Teammanager Darius Salbert sein Zweitmannschaftspendant André Hechelmann an, mit der Bitte, Ridle Baku bei nächster Gelegenheit aussteigen zu lassen.

„Die Leute sehen mich anders an“

„Den Bus zu verlassen, war schon ein komisches Gefühl“, erinnert sich Baku an die Situation. Salbert selbst holte ihn ab, brachte ihn im Eiltempo in die 125 Kilometer entfernte Arena am Europakreisel. Wenig später hatte der FSV Mainz 05 einen Bundesligaspieler mehr hervorgebracht.

In der Sommerpause habe er sich seine Tore, das 3:0 bei der Premiere und das frühe 1:0 beim BVB ein paarmal angeguckt und dann erst mal sacken lassen. „Ich habe etwas Zeit gebraucht, um das Ganze zu realisieren und um damit umzugehen“, erzählt er. Die Tage mit der Familie und eine Woche mit seinen Brüdern in Barcelona haben ihm dabei geholfen. „Ich merke schon, dass sich etwas verändert hat, die Leute sehen mich anders an, aber ich versuche, der Gleiche zu bleiben.“

Sicher, er freue sich, wenn er in der Stadt erkannt werde, aber er bilde sich darauf nichts ein. „Ich gehe damit ganz relaxed um, so, wie ich sonst auch bin.“ Im Übrigen habe er schon immer die Öffentlichkeit eher gemieden, sondern seine Freizeit mit der Familie und in seinem Freundeskreis („Den sollte man kleinhalten“) verbracht.“

Schon morgens um 7 ein Lachen im Gesicht

Und wie hat sich sein Standing innerhalb der Mannschaft entwickelt? „Alle haben sich für mich gefreut, aber geändert hat sich nicht allzu viel“, sagt Baku. „Ich muss nach dem Training immer noch die Bälle zusammenpacken“, sagt er und lacht, was er ohnehin recht häufig tut. Gleichwohl ist er inzwischen schon in eine verantwortungsvolle Funktion gerückt, indem er beispielsweise eine Art Mentorenrolle für Neuankömmling Mateta übernommen hat.

Dass Volker Kersting, der Leiter des 05-Nachwuchsleistungszentrums, mal gesagt haben soll, Ridle Baku sei wie ein Pferd, dem man die Latte immer ein Stück höherlegen müsse, damit er drüberspringe, ist eine Einschätzung, die Sandro Schwarz nicht teilt. „Ich habe diese Erfahrung mit ihm nicht gemacht“, sagt der Cheftrainer. Weder seinerzeit, als er noch für das Fördertraining an der IGS zuständig war, „und Ridle schon morgens um 7 sein typisches Lachen im Gesicht hatte“, noch in der vorigen Saison, als Baku mit den Profis arbeiten durfte. „Ich hatte nie den Eindruck, dass man ihn extra motivieren muss.“

 

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