Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 01.03.2022

Burghardt, Kuhn und beinahe Punk

Nachschlag aus Burghausen: Splitter rund ums Finale der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft im Ringen.
Olympischer Glanz vor dem Kampf: Alexandra Burghardt, Silbermedaillengewinnerin von Peking.
Olympischer Glanz vor dem Kampf: Alexandra Burghardt, Silbermedaillengewinnerin von Peking. | Peter H. Eisenhuth

Burghausen. Über den Finalrückkampf des ASV Mainz 88 beim SV Wacker Burghausen um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft im Ringen, der mit dem vierten Titelgewinn der Oberbayern hintereinander endete, hat SPORTAUSMAINZ.de ausführlich in → Wort und → Bild berichtet. Hier folgen noch ein paar Splitter rund ums Geschehen.

 

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Burghausen – eine Kleinstadt steht kopf: Hätte man glauben können angesichts der Tatsache, dass die oberbayerischen Ringer am Samstagabend als Favoriten in den entscheidenden Finalkampf um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft gingen. Tatsächlich aber war in der Stadt nicht ein einziges Plakat zu sehen, das auf dieses Event hinwies, und weder bei den freitäglichen Mitarbeiterinnen an der Hotelrezeption noch unter den Taxifahrer/innen, die uns samstags von der Unterkunft zur Halle und zurück kutschierten, hatten davon gehört.

Das war nicht mal eine Ruhe vor dem Sturm. Das war nix. Das war so sehr nix, dass wir uns noch auf der Hinfahrt sicherheitshalber im Internet vergewisserten, ob es gegebenenfalls eine gleichnamige Stadt geben könnte, in der gleich der Punk abgehen würde. War aber glücklicherweise auch nix.

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Apropos Punk: War nicht direkt der Musikstil, in dem die Veranstalter vor Kampfbeginn die Nationalhymne darboten. In Mombach war die Melodie eine Woche zuvor vom Band ertönt, in Burghausen hatten sie einen Trompeter engagiert, der sein Mundwerk verstand. Das unterschied ihn unter anderem von so manchen Ehrengästen in der Verbandsecke, deren Gesang sich wenig um Melodie und Tonlagen kümmerte, sondern in mancherlei Hinsicht an den Katzenjammer erinnerte, den einst Deutschlands dickster Kanzler und sein Gefolge vor dem Schöneberger Rathaus ihren Stimmbändern entlockt hatten.

Ein Teil der Fans auf der Tribüne war zwar lauter und orientierte sich an dem, was einst Josep Haydn an Noten zu Papier gebracht hatte, enteilte dem Trompeter aber lässig um ein bis zwei Takte. Das ging immer noch nicht als Punk durch, hatte aber zumindest einen anarchischen Hauch.

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Burghardt – eine Sprinterin fährt Bob: Die Ringer des SV Wacker Burghausen gewannen am Samstagabend ihren vierten Titel hintereinander, doch der Verein ist auch anderweitig obenauf. Vor Kampfbeginn ehrten die Verantwortlichen ihr unlängst mit Edelmetall aus Peking zurückgekehrtes Mitglied Alexandra Burghardt. Die hatte bei den Olympischen Winterspielen mit Mariama Jamanka die Silbermedaille im Zweierbob gewonnen. Und Burghardt, die leichtathletikaffinen Leser werden es wissen, fährt quasi zweigleisig: Sie ist Deutsche Meisterin über 100 Meter und sprintete im vorigen Jahr bei den Spielen in Tokio bis ins Halbfinale.

Ähnliches gab es freilich auch in Mainz schon, wenn auch nicht bei den 88ern: USC-Athletin Ulrike Holzner wurde 1999 Deutsche Hallenmeisterin mit der 4x200-Meter-Staffel sowie 2002 mit Sandra Prokoff Olympiazweite und ein Jahr später Vizeweltmeisterin im Eiskanal.

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Noch ne Hymne: Mag der FC Bayern München gemäß seinem Vereinslied auch der „Stern des Südens“ sein, so stellen sie in Burghausen doch ihr Licht nicht unter den Scheffel. „Die Sonne des Südens scheint hier für dich allein“ heißt es in der dortigen Hymne („SV Wacker Burghausen, die Macht an der Salzach wirst du immer sein“). Bei allem Stolz auf Verein und Stadt – die sich der längsten Burg der Welt (1051 Meter!) erfreut –, sollte man aber nicht die Bodenhaftung verlieren. Der Hinweis des Taxifahrers jedenfalls, die ortsansässigen Fußballer spielten ja mit den Mainzern in der Zweiten Liga, war knapp 18 Jahre aus der Zeit gefallen.

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Aus dem Bett gefallen: War am Samstagmorgen Klaus Kuhn, der Präsident des Sportbunds Rheinhessen und hatte eine gute Idee. Da wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine alle fastnachtlichen Aktivitäten seiner Garde der Prinzessin abgesagt worden waren, setzte er sich kurzentschlossen mit Ehefrau Conny ins Auto und der Sonne des Südens entgegen. Der gelernte Handballer (und ehemalige Präsident des Handballverbands Rheinhessen), der in seiner neuen Funktion auch schon zum Fan der Hechtsheimer Radballer geworden ist, wollte den 88ern vor Ort die Daumen drücken. An seinem Engagement lag es nicht, dass die Mainzer die Sensation verpassten.

„Es ist immer schwer, nach einem solchen Ausgang die richtigen Worte zu finden“, sagte Kuhn. „Die Mannschaft hat den Kampf verloren, braucht sich aber nicht als Verlierer zu fühlen. Diese Niederlage ändert nichts daran, dass die 88er eine tolle Saison gerungen haben. Großes Kompliment an die Trainer, die Athleten und die Vereinsführung. Es mag an diesem Abend ein schwacher Trost sein: Aber deutscher Vizemeister wird man auch nicht alle Tage.“

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