Bundesliga | Gert Adolphi | 08.12.2021

Vielseitiger Quereinsteiger

IM PORTRÄT | Judo, Sambo, Boxen, Mixed Martial Arts. Sportarten, in den Nam Vu schon Wettkämpfe bestritten hat. Und für den SV Alemannia Nackenheim debütierte er in dieser Saison in der Ringen-Bundesliga. Mit Erfolg.
Das Dress verrät es: Auf dieser Matte stand Nam Vu (l.) nicht als Ringer, sondern für einen Sambo-Kampf.
Das Dress verrät es: Auf dieser Matte stand Nam Vu (l.) nicht als Ringer, sondern für einen Sambo-Kampf. | privat

Nackenheim. Im Bundesligakampf gegen den KSV Witten unterlief Nam Vu ein Missgriff. Als bei der ersten gefährlichen Attacke von Kutkagan Ötztürk beide Ringer auf die Matte stürzten, wehrte sich der 29-Jährige instinktiv mit einem Griff zum Bein seines Gegners – und kassierte eine Zwei-Punkte-Verwarnung. „Ich betreibe so viele verschiedene Sportarten und trete beim Ringen sowohl im Freistil als auch im Greco an, da muss ich mich am Anfang eines Kampfes erst einmal orientieren, was gerade gefordert ist“, erläuterte Vu.

Der 0:2-Rückstand war allerdings lediglich der Ausgangspunkt, nicht jedoch der Grund seiner technisch überhöhten Niederlage. Aus taktischen Gründen hatte ihn Cengiz Cakici, der an diesem Abend als Cheftrainer des SV Alemannia Nackenheim zurücktrat, im Leichtgewicht (66 Kilo) aufgestellt. Vue ist aber eher ein Mann fürs Fliegen- oder Federgewicht, also die noch leichteren Gewichtsklassen. Zudem war es erst sein zweiter Bundesligaeinsatz für die Nackenheimer Ringer. Und das auch noch im eher ungeliebten Greco.

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Mitglied des Sambo-Nationalkaders

Erst vor anderthalb Jahren stieß Nam Vu zum Ringen. Mit neun Jahren hatte er in seiner Geburtsstadt Simmern beim dortigen Nippon Club mit Judo begonnen; es war der Auftakt einer erfolgreichen, noch andauernden Karriere. Fünf Jahre kämpfte er für RW Koblenz in der Bundesliga im 60-Kilo-Limit, und wechselte über den TV Remscheid im vorigen Jahr zum BC Karlsruhe, mit dem er auf Anhieb Meister der Zweiten Bundesliga wurde.

Wegen der Coronabestimmungen hatte er allerdings schon zuvor Probleme gehabt, Trainingsmöglichkeiten zu finden. „Judoklubs sind nicht so offen für Sportler aus anderen Vereinen“, sagt er. Wegen des Studiums war er nach Mainz gezogen und dort geblieben, als er nach dem Abschluss eine Anstellung als Krankenpfleger an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden fand.

Nackenheim war nicht weit, und da Vu im Lockdown etwas zugelegt hatte und sein Interesse groß ist, Neues kennenzulernen, nahm er Kontakt zu Cakici auf und fragte an, ob er bei ihm mittrainieren dürfe. Dass dies trotz der Kontaktbeschränkungen möglich war, lag an wieder einer anderen Sportart: Im Sambo, einer insbesondere in Russland verbreiteten Variante von Judo und Ringen, gehört Vu der deutschen Nationalmannschaft an. Und als Bundeskaderathlet durfte er auch während des Lockdowns trainieren.

Siebter bei den European Games

Sambo betreibt Vu seit 2011. Sein russischer Judotrainer Oleg Gabrielov hatte diesen Sport zusätzlich angeboten, „und ich hatte Interesse daran“. Das Regelwerk unterscheidet sich aber deutlich von dem seiner vorherigen sportlichen Betätigung. Beinangriffe sind erlaubt, zudem einige Hebelgriffe, die im Judo verboten sind. Oder, wie Nam Vu es formuliert: „Sambo ist nicht so kastriert wie Judo.“

Seit 2019 ist der Kampfsport vom IOC anerkannt, gehört zwar noch nicht zum olympischen Programm, strebt aber die Aufnahme an. „Die Popularität ist dadurch gestiegen, viele Judoka wechseln deshalb zum Sambo.“

Bei den European Games 2019 in Minsk belegte Vu nach Niederlagen gegen einen Ukrainer und einen Georgier den siebten Platz in der 62-Kilo-Klasse. „Minsk war ein Megaerlebnis“, schwärmt er von einer „schönen Stadt, tollem Rahmenprogramm, geiler Atmosphäre. Viele Sportler haben gesagt, es sei besser organisiert gewesen als Olympische Spiele.“

MMA ist zu riskant

Auch der Teamspirit innerhalb der deutschen Mannschaft sei überragend gewesen. Sein heutiger Mannschaftskollege Kubilay Cakici und der damalige Nackenheimer und heutige Mainzer Ahmed Dudarov waren bei den European Games im Ringen am Start. „Oberflächlich kannten wir uns, weil wir Sportler aus Mainz sind, persönlich aber noch nicht.“

Der Crossover-Athlet sammelte Erfahrungen in weiteren Sportarten, bestritt sechs Box- und einige Mixed-Martial-Arts-Kämpfe für den Mainzer Sportclub Muskelkater. „Ich wollte alles mal ausprobieren“, sagt der 29-Jährige. „MMA auf meinem Niveau ist aber brotlose Kunst.“ Man riskiere eine gebrochene Nase und Hirnschäden; angesichts dieses Risikos müsse er auch an seine Verantwortung im Beruf denken.

Dann also noch Ringen. „Es hat Sauspaß gemacht“, beschreibt Vu seine ersten Eindrücke. „Es ist noch einmal etwas ganz anderes, mit tollen neuen Techniken.“ Bei der Alemannia gehe es sehr familiär zu, Cakici habe er als fantastischen Trainer kennengelernt. Seine neuen Trainingskollegen hätten ihn sehr freundlich aufgenommen, alle hätten ihm Tipps gegeben, auch wenn er in seiner Gewichtsklasse kaum Sparringspartner hat. Und Robin Ferdinand, Kubilay und Koray Cakici oder andere pflegten einen sehr respektvollen Umgang. „Cool, dass man auch privat etwas zusammen unternimmt.“

Aus Spaß wurde Ernst

Was zunächst nur als Spaß gedacht war und zur Überbrückung dienen sollte, bekam vor Saisonbeginn eine neue Dimension. Die Nackenheimer wollten in einer Kampfgemeinschaft mit dem KSV Worms eine Mannschaft für die Rheinland-Pfalz-Liga melden. Gianni Salamone, der Sportliche Leiter, fragte Vu, ob er Lust habe, dort einzusteigen. „Warum nicht?“, lautete seine Antwort. „Wenn ich schon trainiere, kann ich auch auf Wettkampfniveau ringen.“ Drei Kämpfe bestritt er in der Zweite Mannschaft, alle im Greco, fehlte aber verletzungsbedingt in den übrigen Begegnungen.

Die Runde in der Rheinland-Pfalz-Liga wurde nach dem 21. November abgebrochen, doch nur eine Woche später gab Vu sein Debüt in der Bundesliga. „Ich war überrascht, dass es so schnell passiert ist. Ich hatte das nicht erwartet, war aber bereit und wollte die Mannschaft unterstützen, wo es geht.“

Feuertaufe in Heilbronn bestanden

Ausgerechnet bei Tabellenführer Red Devils Heilbronn bestand der Quereinsteiger seine Feuertaufe. Vu traf im Freistil-Federgewicht auf den Nachwuchsringer Lucas Wolf. Stilart und Gewichtsklasse passten. „Mein Gegner war vielleicht noch etwas unerfahren“, kommentiert er seinen technisch überlegenen Punktsieg nach nur 2:19 Minuten. „Ich habe versucht, meine Judostrukturen und -bewegungen einzubauen. Das hat gut geklappt.“ Und in Heilbronn zu gewinnen, sei etwas Besonderes. „Es war mega.“

Wie es weitergeht, wo er künftig seine Schwerpunkte setzen wird, lässt Nam Vu noch offen, auch weil der Beruf vorgeht. „Aktuell interessiert mich Ringen am meisten. Das sind neue Reize.“ Sambo trete etwas in den Hintergrund, da in dieser Sportart die Strukturen in Deutschland noch nicht so ausgereift sind.

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