Kunstradfahren | Peter H. Eisenhuth | 22.10.2014

„Ich freue mich über jedes Jahr, das die alle noch fahren“

Marcus Klein, Präsident des Radsportverbands Rheinhessen, im „Interview der Woche“ über die herausragende DM-Bilanz, die Enttäuschung über verpasste WM-Qualifikationen und die Perspektiven in der Nachwuchsarbeit.
Zum elften Mal haben sich Katrin Schultheis (l.) und Sandra Sprinkmeier mit Trainer Marcus Klein für eine WM qualifiziert. Dafür gab's beim DM-Empfang des RV Ebersheim den passenden Kopfschmuck.
Zum elften Mal haben sich Katrin Schultheis (l.) und Sandra Sprinkmeier mit Trainer Marcus Klein für eine WM qualifiziert. Dafür gab's beim DM-Empfang des RV Ebersheim den passenden Kopfschmuck. | Joachim Friedsam
Können sich derzeit nur selbst überbieten: André und Benedikt Bugner.
Können sich derzeit nur selbst überbieten: André und Benedikt Bugner. | Archiv/Willwacher
Erst verpasste sie die WM-Qualifikation um 0,36 Punkte, dann wurde sie erstmals Deutsche Meisterin: Lisa Hattemer, die in dieser Saison etwas zu spät in Schwung gekommen ist.
Erst verpasste sie die WM-Qualifikation um 0,36 Punkte, dann wurde sie erstmals Deutsche Meisterin: Lisa Hattemer, die in dieser Saison etwas zu spät in Schwung gekommen ist. | Archiv/Willwacher

Mainz. Da haben die Athletinnen und Athleten des Radsportverbandes Rheinhessen sauber abgeräumt: Drei Titel und eine Silbermedaille brachten sie von den Deutschen Hallenradmeisterschaften in Denkendorf mit. Lisa Hattemer (RSV Gau Algesheim) gewann Gold im Frauen-1er, die Klein-Winternheimer Brüder André und Benedikt Bugner dominierten erwartungsgemäß die offene Klasse, Katrin Schultheis/Sandra Sprinkmeier (RV Ebersheim) wurden zum vierten Mal Deutsche Meisterinnen, gefolgt von Julia und Nadja Thürmer (TV Finthen). Im Frauen-4er belegte das Ebersheimer Quartett zudem den fünften Platz.

Über die noch nie dagewesene Medaillenflut und die Perspektiven sprach SPORTAUSMAINZ.de mit Marcus Klein, dem Präsidenten des RVR und Heimtrainer von Schultheis/Sprinkmeier.

Herr Klein, die rheinhessischen Kunstradfahrer haben bei den Deutschen Meisterschaften nahezu alles mitgenommen, was möglich war. Gab es einen erfolgreicheren Verband?

Wenn man die WM-Disziplinen betrachtet, nein. Da waren wir fast überall vorne, wir haben alles geholt, was im Bereich des Möglichen war. Es wäre natürlich super gewesen, wenn der Ebersheimer Vierer noch Bronze gewonnen hätte, aber das war eigentlich ausgeschlossen. Die Mädels sind auch schon an ihr Maximum herangekommen – jetzt zu sagen, bei der DM sei etwas schiefgelaufen, wäre jenseits der Grenze zur Unverschämtheit…

Als Präsident waren Sie glücklich über die Resultate…

…als Trainer von Katrin und Sandra auch…

…waren Sie auch überrascht?

So, wie unsere Starter gefahren sind, hat mich keine Platzierung überrascht. Man braucht natürlich immer eine bestimmte Konstellation, um die eigene Leistung auch in Medaillen umzumünzen, aber die Voraussetzung für ein Topabschneiden ist nun mal, selbst eine Topkür zu fahren. Wie sich das Ganze bei Lisa Hattemer entwickelt hat, war schon großartig; ihr Titel war sicher derjenige, mit dem am wenigsten zu rechnen war. Dass sie vor Viola Brand und Milena Slupina gewinnen und Corinna Biethan nur Vierte würde, konnte man nicht vorhersehen. Mit Lisas Sieg war dann auch klar, dass wir der erfolgreichste Bezirk sein würden – Bugner/Bugner mussten zwar noch fahren, aber an ihrem Titelgewinn gab es ja keine Zweifel.

Wurde Ihre Freude über das Abschneiden im DM-Finale ein wenig dadurch getrübt, dass Lisa Hattemer und die Thürmer-Schwestern die WM-Qualifikation verpasst haben?

Nicht nur klein wenig, das war schon eine große Enttäuschung. Für Lisa, für Julia und Nadja, für uns alle. Man muss die Deutschen Meisterschaften differenziert betrachten: Das ist zwar ein Wettkampf, aber im Prinzip sind es zwei getrennte Veranstaltungen. Titel und Medaillen sind super, darüber kann ich mich komplett freuen. Aber die WM-Quali ist das höchste aller Ziele; da entscheidet sich, ob man die Saison abbrechen muss oder verlängern darf. Und wenn man dann sieht, wie knapp Lisa die Teilnahme verpasst hat – um 0,36 Punkte, das ist nix. Unser Pressesprecher Joachim Friedsam hat ausgerechnet, dass dies ein Unterschied von weniger als einem halben Promille war. Julia und Nadja fehlten zwei Punkte auf Soika/Wurster, sonst dürften sie jetzt zusammen mit Katrin und Sandra zur WM fahren. Auch das ist ärgerlich und enttäuschend, klar.

Was ist denn schlimmer? Die gesamte Saison über mit den Konkurrentinnen auf Augenhöhe zu fahren und dann zu scheitern, wie Thürmer/Thürmer? Oder ganz schlecht in die Saison hineinzukommen, sich erst spät an die Konkurrenz heranzuarbeiten, und es dann doch nicht zu schaffen, wie Lisa Hattemer?

Oh. Das weiß ich nicht. Fakt ist, dass Julia und Nadja eigentlich eine konstant gute Saison gefahren sind, während Lisa bei den German Masters deutlich unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Bei keinem der drei Wettbewerbe hatte sie es ins Finale geschafft – und trotzdem hatte sie bis zum Ende die Chance, mit einer Topleistung noch die WM-Teilnahme klarzumachen.

Das hatten Sie sowohl vor als auch nach dem dritten German Masters prognostiziert…

…und manche haben mich komisch angeguckt, wenn ich das laut vermutete. Aber was jetzt ärgerlicher ist – im Maximum herumzufahren oder nach später Aufholjagd leer auszugehen: Bei dieser Frage steige ich aus.

Sie selbst werden mit Katrin Schultheis und Sandra Sprinkmeier bei der WM in Brünn dabei sein. Sind Sie schon in die Vorbereitung eingestiegen, oder haben Sie sich nach den Deutschen Meisterschaften ein paar freie Tage zum Durchatmen gegönnt?

Es gab Zeit zum Durchatmen. Eigentlich ja schon seit Freitagabend nach dem Finale. In die Halle gehen wir am Donnerstag wieder. Das haben wir früher anders gemacht, aber ich bin in dieser Beziehung ruhiger geworden, und die beiden sind keine 20 mehr, da ist auch Regeneration sinnvoll und wichtig.

Wie hätten Sie das früher gehandhabt?

Es gab schon Deutsche Meisterschaften, nach denen wir auf der Rückfahrt im Auto über mögliche Veränderungen der Übung gesprochen und montags wieder trainiert haben. Aber da muss man sich dem Alter und der Erfahrung der Athletinnen anpassen, statt Schema F durchzuziehen. Es ist schließlich ein Unterschied, ob jemand unerfahren ist oder vor seiner elften WM-Teilnahme steht und weiß, was einen da erwartet.

Was erwartet die Athleten denn?

Das geht schon bei der Trainingssituation los, wenn man nur zwei Minuten auf die Fläche darf.

Zwei Minuten pro Paar?

Genau. Für die gesamte Mannschaft stehen 40 Minuten zur Verfügung, und die Radballer kommen ja auch noch dazu. Das bedeutet, man muss sich eine halbe Stunde Warmmachen, man muss sich vorbereiten, als wäre es bereits die Kür, um dann nur zwei Minuten zu fahren. Es geht dabei weniger darum, ob die Versuche gelungen sind oder nicht, sondern darum, aus den nicht gelungenen Versuchen etwas Nützliches für die Kür herauszuziehen.

Wie ist es in Rheinhessen eigentlich um den Nachwuchs bestellt?

Von der Masse her kein Problem. Wir haben über die letzten Jahre hinweg eindrucksvoll bewiesen, dass wir Talente fördern können. Allerdings fehlen uns die Strukturen, um in allen Altersklassen entsprechend am Ball zu bleiben. Deshalb ist es kein Zufall, dass wir jetzt eine so erfolgreiche Generation in der Elite haben, aber genauso wenig ist es zufällig, dass wir in der aktuellen U19 oder U15 nicht so gut aufgestellt sind. Wir haben uns dafür entschieden, die Topleute weiter zu fördern, nachdem wir sie aus der Jugend herausgebracht hatten – mit dem Kompromiss, nicht gleichzeitig eine so dezidierte Aufbauarbeit bei Schülern und Jugendlichen leisten zu können.

Weil Kunstradfahren als nichtolympische Sportart keine Förderung erhält?

Der Landesverband unterstützt uns aus seinen Eigenmitteln schon, allerdings haben wir keinen Anspruch auf diese Förderung. Ich will auch gar nicht die Forderung nach mehr Geld erheben; wir haben immer auch die Möglichkeit, weitere Mitstreiter zu begeistern. Wir werden demnächst auch eine Initiative starten, um von unten erfolgreich Jahrgänge hochzuziehen. Aber Erfolge unserer Topfahrer sind immer auch ein Argument, gefördert zu werden.

Das heißt, Sie müssen darauf hoffen, dass die derzeitige rheinhessische Elite noch möglichst lange fährt?

Ich freue mich über jedes Jahr, das die alle noch fahren. Katrin und Sandra sind mit ihren 30 Jahren die Ältesten, und die meisten Kunstradfachleute warten seit acht Jahren darauf, dass sie aufhören… Aber sie haben immer noch Lust. Bugners sind die Jüngsten, die beiden könnten sicher noch zehn Jahre machen, aber das ist ein so langer Zeitraum, da lässt sich heute noch nicht absehen, ob sie so lange dabeibleiben.

Haben es die beiden schwerer, sich zu motivieren? Sie sind voriges Jahr in ihrer ersten Saison bei den Erwachsenen Weltmeister geworden und inzwischen national und international konkurrenzlos...

Woher man seine Motivation bezieht, ist in erster Linie eine Typ- oder Charakterfrage. Wenn sie sich über die Konkurrenzsituation motivieren, ist es bei André und Benedikt auf Dauer sicher schwieriger. Aber wenn es einem darum geht, an der Perfektion zu arbeiten, ist es eine andere Art der Motivation. Daraus kann man viel schöpfen. Katrin Schultheis ist dafür ein faszinierendes Beispiel. Wenn sie ins Training kommt, mit diesem Glanz in den Augen, und sagt, das und das will sie angehen und verbessern… Sicher, sie möchte natürlich ihre Wettkämpfe auch gewinnen, jeden einzelnen, aber ihr eigentlicher Antrieb ist es, die eigenen Grenzen zu überwinden.

Die Generalprobe für die Weltmeisterschaften ist der Drei-Nationen-Cup…

…der am 8. November in Klein-Winternheim stattfindet. Es freut mich sehr, dass es uns gelungen ist, diese hochkarätige Veranstaltung nach Rheinhessen zu holen; schließlich findet sie nur alle drei Jahre überhaupt in Deutschland statt. Wir sind schon durch ganz Europa gefahren und dachten uns, dass es ganz nett wäre, mal einen solchen Wettkampf vor der eigenen Haustüre zu haben. Da ist Eins-zu-eins die WM-Besetzung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am Start – außer im Radball, da spielen auch die jeweiligen Vizemeister mit, was das Turnier noch attraktiver macht.

Apropos Radball: Haben Sie in Denkendorf auch das Abschneiden der Hechtsheimer Radballer Janis Stenner/Moritz Rauch verfolgt?

Von den Spielen gesehen habe ich eigentlich nichts. Ich bin auch kein ausgewiesener Radball-Experte, aber ich hatte schon den Eindruck, dass sie nach der zwangsläufig zu kurz gekommenen Vorbereitung auf die Aufstiegsrunde ziemlich chancenlos waren. Das ist schade, und ich hoffe, dass die beiden nächstes Jahr noch einmal angreifen – nach meinem Verständnis gehört die Radball-Bundesliga auch nach Mainz.

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

 

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