Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 14.06.2017

„Aus Fehlern zu lernen, ist keine Schande“

Jürgen Doetz, Kandidat für das Amt des 05-Vorsitzenden, über seine Motivation, das Image des Vereins, Sandro Schwarz, ein Projekt „05-17-20“ und seine Zugehörigkeit zum alten Vorstand.
Will seine Erfahrung ins Amt des 05-Vorsitzenden einbringen: Jürgen Doetz.
Will seine Erfahrung ins Amt des 05-Vorsitzenden einbringen: Jürgen Doetz. | Eva Willwacher

Mainz. Am 25. Juni endet beim FSV Mainz 05 die Ära des Präsidenten Harald Strutz. Für das in der neuen Struktur vorgesehene Amt des Vereinsvorsitzenden haben sich vier Männer beworben, von denen die Wahlkommission drei zugelassen hat. In alphabetischer Reihenfolge: 05-Vizepräsident Jürgen Doetz (Journalist und Unternehmensberater), Johannes Kaluza (Geschäftsführer Speyer & Grund) und Frank Röhr (Prokurist Fischer & Co.).

SPORTAUSMAINZ.de hat mit den die Kandidaten gesprochen. Hier das Gespräch mit Jürgen Doetz.

 

Herr Doetz, sind Sie von Ihrer Entscheidung, für das Amt des Vorsitzenden anzutreten, selbst ein bisschen überrascht?

Nee, andere eher?

Überrascht es Sie, dass andere überrascht sind?

Erst einmal findet es ziemliche Resonanz. Wenn ich mit meinem zweiten Standbein Berlin rumhumpele, wo ich mich dem Thema Digitalisierung und Content widme, gibt es wenige, die mich nicht auf meine Bewerbung ansprechen. Die einen fragen, warum ich mir das antue, die anderen sagen, sie hätten es sich immer gedacht, dass ich mit dem Fußball auch weiterhin viel zu tun haben wolle.

Und warum wollen Sie es sich antun?

Weil ich überzeugt bin, dass ich bei diesen vielfältigen Aufgaben, die nach der Strukturveränderung und nach den Erfahrungen, die wir gerade im letzten Jahr gemacht haben, durchaus in der Lage bin, die notwendigen Veränderungen, die wir im Verein zu organisieren und durchzusetzen. Dass ich auch in der Lage bin, unterschiedliche Positionen zusammenzuführen, weil ich zu wissen glaube, wie Mainz 05 tickt, wie es in der Stadt tickt, weil ich für die anfallenden Themen in allen Bereichen schon Erfahrungen gemacht habe in meinem Leben – sei es der Umgang mit Aufsichtsräten und diesen Strukturen bis hin zu Themen wie Motivation, Markendiskussion, Werbung und Fankultur. Aber ich weiß auch, dass mich mancher darauf reduzieren möchte, ich sei zu alt und im übrigen Mitglied des Vorstandes um Harald Strutz und deshalb für den Vereinsvorsitz ungeeignet.

Herr Doetz, man merkt Ihnen den Medienprofi an. Sie nehmen gleich schon mal die nächste Frage vorweg…

Sie haben mich gefragt, ob ich selbst überrascht sei, zu kandidieren. Nein, weil ich am Schluss meiner sehr rationalen Überlegungen gewusst habe, dass ich es auch will, weil es mir Spaß macht.

Aber das Argument der Vorbelastung lässt sich ja nicht vom Tisch wischen…

…nö…

…ein Wechsel von Harald Strutz zu Jürgen Doetz ist ja so, als übergäbe Erich Honecker nach 29 Jahren an Hans Modrow…

Jetzt sollte ich wahrscheinlich ganz souverän über Ihren Versuch lachen, die aktuelle Situation bei Mainz 05 mit Gewalt zu einem historischen Ereignis von europäischer Relevanz und weltweiter Aufmerksamkeit hochzujazzen – aber so souverän bin ich dann doch nicht. Sie wissen ja auch, dass der eine Chef eines Unrechtsregimes war? Wobei mir der Modrow mal vor ein paar Jahren bei einer Schiffstour in Berlin erzählen wollte, er hätte eigentlich schon 1832 auf dem Hambacher Fest für die Demokratie demonstrieren wollen… Die Bootsfahrt gab‘s übrigens wirklich – ansonsten möchte ich mal davon ausgehen wollen, dass in Ihrem Vergleich nur die Zahl 29 ernstgemeint ist.

Und was das Thema Alter angeht, okay: Wir haben gerade vor ein paar Wochen in die Satzung geschrieben, 75 Jahre ist die Obergrenze. So alt bin ich noch nicht – und wäre ich auch noch nicht nach einer dreijährigen Amtszeit. Wenn das jetzt gegen mich sprechen sollte, hätte man es nicht gerade beschließen sollen. Vor allem aber: Ich bin überzeugt, dass der Erfolg als Vereins- und Vorstandsvorsitzender nicht vom Alter abhängig ist, sondern von der Qualität der Arbeit. Und die traue ich mir zu. Und auch die Arbeitsintensität, die notwendig ist, die von der Satzung benannten Aufgaben verantwortungsbewusst zu übernehmen. Klar, die jetzt beschlossene Satzung definiert diese Arbeit als grundsätzlich ehrenamtliche Tätigkeit, aber das weiß man ja, wenn man sich um dieses Amt bewirbt. Die Ämter des Vereins- und Vorstandsvorsitzenden von Mainz 05 jedenfalls sollten und können meines Erachtens nicht wie ein Freizeitvergnügen geführt werden, die verlangen schon vollen Einsatz – und das kann unser Verein auch erwarten.

Aber nochmal zu dem anderem Thema, meiner Zugehörigkeit zum alten Vorstand. Mal eins vorab: Ich bin stolz darauf, seit 1988 bis heute immer wieder in einen Vorstand gewählt worden zu sein, der den Aufstieg von Mainz 05 zu einem anerkannten, sportlich erfolgreichen und wirtschaftlich soliden Mitglied der obersten deutschen Fußballliga verantworten durfte. Diese 29 Jahre werden ja heute manchmal so hingestellt, als ob hier über Jahrzehnte eine Mafiabande ihr Unwesen getrieben habe. Es waren die erfolgreichsten Jahre in der Geschichte dieses Vereins- und die sind mit den Namen von Harald Strutz und Christian Heidel untrennbar verbunden. Es sind allerdings auch in dieser Zeit Fehler passiert, was Transparenz und Kontrolle betraf. Zu Knirschen begann es allerdings in der Führung des Vereins erst dann, als sich die Doppelspitze trennte und wir bei der weiteren Aufgabenverteilung im Vorstand des Öfteren kontrovers zu diskutieren begannen.

Zum Beispiel?

Nehmen wir doch die Themen Transparenz, Compliance: Hätten wir vor vier, fünf Jahren Christian Heidel damit konfrontiert, wäre er einem wahrscheinlich an den Hals gegangen. Wir waren es gewohnt, vom Frankfurter Flughafen aus eine Nachricht zu erhalten, wie: „Habe Muto dabei. Kostet uns so und so viel. Viele Grüße, Christian“.

Es war natürlich auch Teil des Erfolgs…

…dass er niemanden fragen musste. Ganz klar. Aber die Zeiten ändern sich – und es ist nicht der Zeitgeist, der hier eingezogen ist, sondern ein notwendiges und eigentlich selbstverständliches Gebot verantwortungsvoller Vereinsführung, und da gelten dann eben auch andere Regeln als in den Zeiten, in denen gegenseitige Gefälligkeiten selbstverständlicher Teil eines wohlgefälligen Miteinanders waren. Bei der Mitgliederversammlung im letzten Jahr, in der es um die Entlastung des Vorstands ging, wurden ja einzelne Vorwürfe angesprochen, und vor mir in der ersten Reihe saß eine Frau, die sagte: „Ich weiß gar nicht, was die haben, so ein bisschen Bimbes ist doch immer dabei“…

Für die jüngeren Leser: Den Begriff „Bimbes“ für Geld hat einst Helmut Kohl bundesweit bekanntgemacht.

Ich hatte schon gedacht, Sie kommen jetzt wieder mit Honecker um die Ecke, und bei der Frau vor mir hätte es sich um Frau Modrow gehandelt. Es soll ja auch Leute geben, die bei „Handkäs-Mafia“ eine stille Bewunderung nicht unterdrücken, aber wieder im Ernst: Wir waren gerade bei den durchaus kontroversen Diskussionen, die wir im Vorstand in den letzten beiden Jahren immer öfter führten – auch vor dem Hintergrund der Strukturdiskussion, die ich zu Beginn der Amtsperiode im Vorstand beantragt und auch durchgesetzt hatte, nicht nur zur reinen Freude meiner Kollegen. Und dann kamen zur Strukturdiskussion auch überlagernd die Vorwürfe hinsichtlich nicht transparenter Geldflüsse – also insgesamt eine schwierige Gemengelage mit einem explosiven Gemisch von Fehlentwicklungen, unter denen auch das gegenseitige Vertrauen im Vorstand litt.

Das war nach über 20 Jahren für uns alle eine neue, eine bittere Erfahrung – auch und gerade deshalb, weil wir als verschworene Gemeinschaft es nicht gelernt hatten, diese Gemeinschaft infrage zu stellen. Auch diesen Prozess gab es. Gleichzeitig musste es darum gehen, die sportliche Abteilung des Vereins nicht durch interne Querelen zu belasten – und diese Kurve haben wir ja dann auch zum Schluss der Saison ganz gut genommen.

Und noch eine Anmerkung: Ich halte nichts davon, Fehler zu vertuschen oder wegzudiskutieren – und es ist auch keine Schande, Fehler zu korrigieren beziehungsweise aus ihnen zu lernen. Vor lauter Selbstkritik darf allerdings auch der Blick auf die Realität nicht dauerhaft versperrt werden, und schon den Versuch halte ich eben auch für unehrlich. Die letzten Monate waren schwierig, Konsequenzen sind gezogen, es gibt aus meiner Sicht keine Gründe mehr, die Vergangenheitsbewältigung noch länger wie eine Monstranz vor uns rumzutragen. Es sollte jetzt für alle gelten, dass wieder die Zukunft, die Arbeit für und an einer tollen Zukunft absolute und ausschließliche Priorität hat.

Der Verein hat seinerzeit darauf hingewiesen, dass immer alles mit rechten Dingen zugegangen sei.

Ein Gutachten hatte bestätigt, dass es für den Vorstand für den Abschluss der Verträge mit Harald keine rechtlichen Beanstandungen gibt. Aber nicht alles, was juristisch erlaubt ist, ist auch richtig.

Verstehen Sie sich für den Fall Ihrer Wahl als Übergangsvorsitzender?

Der Begriff Übergangszeit ist mir zu defensiv, klingt mir – Entschuldigung – etwas zu lahmarschig Lasst uns ein Dreijahresprojekt angehen, „05-17-20“ – und am Ende muss da wieder ein Verein stehen, dessen Anhänger, Mitarbeiter und Mitglieder begeistert und stolz sind, dazuzugehören. Wir müssen wieder emotional und nahbar, also bei de Leut‘ sein, mutig, leidenschaftlich, es geht um die Marke Mainz 05, es geht um unsere Vereinskultur.

Es gibt dieses schöne Motto: „Wir leben unseren Traum“. Der Traum, in der Ersten Liga spielen zu wollen, hat uns seit Wolfgang Frank motiviert und zu tollen emotionalen Reaktionen geführt. Man muss auch heute immer wieder versuchen, den Menschen deutlich zu machen, dass es für uns keine Selbstverständlichkeit ist, in der Ersten Bundesliga zu spielen. Aber das heißt eben nicht, dass wir uns als zufriedene graue Maus verstehen wollen. Nein, wir leben begeistert diesen Traum – was gibt es Schöneres, als eine Realität, in der Träume wahr werden, in der sie gelebt werden?

Wenn man die rückläufige Entwicklung der Zuschauerzahlen sieht, muss man den Eindruck haben, dass Bundesligaspiele für die Fans keine Pflichttermine mehr sind.

Wenn man das Thema anspricht, bekommt man meistens Sätze zu hören, wie: „Bei der Nationalmannschaft ist es nicht anders, also haben wir doch eigentlich gar kein Problem“, oder so ähnliche Sprüche. Egal ob sie stimmen oder nicht: Wir sollten immer zunächst uns fragen, ob wir etwas falschgemacht haben, ob wir etwas korrigieren können – und vor allem: Was haben wir für kreative Ideen, einen derartigen Trend zu stoppen und die Kurve wieder nach oben zu ziehen. Der Traum Bundesliga wird für uns immer eine Herausforderung sein. Wir warten nicht auf einen Scheich, sondern wir müssen selbst etwas dafür tun. Und dieses Gefühl ist bei den Leuten in den letzten Jahren zunehmend verschüttgegangen.

Natürlich, es kann auch Bequemlichkeit sein, aber dann diskutiere ich erst mal, ob wir ihnen genügend Anreize geschaffen. Haben wir sie motiviert, haben wir sie dort angesprochen, wo sie sind? Deshalb drängle ich immer wieder, dass wir in unserem Kommunikationsbereich viel offensiver sein müssen. Wenn ich weiß, dass gerade die jüngeren Leute kaum noch Zeitungen lesen, muss ich im Netz ganz anders auftreten. Da merkt man vielleicht am ehesten den Altersdurchschnitt des Vorstands – über SnapChat oder so etwas fange ich da keine Diskussionen an… Aber darum geht es nicht, sondern um die grundsätzliche Bereitschaft, immer wieder nach neuen Wegen zu suchen.

Das heißt, als Vorsitzender müssten Sie eine neue Imagekampagne auflegen. Oder kann man die Ernennung von Sandro Schwarz zum Cheftrainer schon als ersten Schritt dahin betrachten?

Sandro Schwarz und Mainz 05 – das erfüllt alle Voraussetzungen einer idealen Kombi. Erinnern Sie sich an meine Bemerkungen zur Marke Mainz 05?

Sicher, das ist ja noch kein Jahr her.

Nahbar, intensiv, mutig, leidenschaftlich, stolz – die waren formuliert, da war Sandro Schwarz zwar immer in den Köpfen, aber noch Monate weg von der Verantwortung. Und als ich sie jetzt wieder für diese Zukunftsdiskussion aufrief, da hat es geknallt – weil mir bewusst wurde, dass diese Eigenschaften, die formuliert worden waren als unser Anspruch an unseren Verein, eigentlich alles Eigenschaften sind, die haargenau zu Sandro Schwarz passen. Ein Traum für die Abteilung Marketing, aber eben dann auch Anspruch an uns alle: Der Trainer, der Sportdirektor, der Vorsitzende müssen diese Marken leben, der Verein muss sie leben – ich glaube, dann haben wir das Fundament für eine Vereinskultur bei Mainz 05, mit der wir wieder zu einem Vorzeigeverein werden können. Und wenn ich von Vereinskultur spreche, heißt das eben auch, dass mir ein Mainzer Weg vor Augen schwebt, auf dem sich Fankultur und Ligatraum verpartnern. Die Antwort auf die Frage, wofür Mainz 05 steht, muss der Ausgangspunkt für alle Bereiche sein: für das Verhalten der Mitarbeiter, für die Sponsorensuche, für das Auftreten nach außen oder innerhalb von DFL und DFB.

Wofür steht denn Mainz 05 nach Ihrer Auffassung?

Eigentlich möchte ich gern diese Frage mit dem Ergebnis einer intensiven Diskussion im Verein beantworten, weil eine derartige Diskussion bereits Teil der Antwort wäre. Je mehr wir uns alle bei dieser Diskussion mitnehmen, desto mehr kann damit gesichert werden, dass uns allen diese Antwort als Handlungsmaxime präsent sind. Attribute wie mutig, emotional, offen, sympathisch müssen wieder zur Handlungsmaxime im internen Umgang und im Verhalten nach außen werden. Und Sandro Schwarz: kompetent, Mainz-05-affin, regional vorzeigbar als Mainzer Gesicht – besser geht es kaum. Hätte man sich in der Situation einen Mann malen müssen, hätte der verdammt viel Ähnlichkeit mit Sandro Schwarz.

Sie verstehen das Amt des 05-Vorsitzenden als Fulltimejob, halten sich aber einen Großteil der Zeit in Berlin auf.

Nee, ich wohne seit gefühlt ewig in Stadecken-Elsheim. Früher, als ich noch VPRT-Präsident war, musste ich drei bis vier Tage in der Woche in Berlin sein, als Sat1-Chef waren Berlin und München angesagt, aber Basisstation ist seit über 40 Jahren Mainz. Aktuell reicht ein Tag pro Woche in Berlin, und auch das nicht jede Woche, vernetzt sein ist die halbe Miete. Aber diese Tätigkeit werde ich, wenn ich gewählt werde, ganz runter fahren, weil ich überzeugt bin, dass das, was bei Mainz 05 in den nächsten drei Jahren geleistet werden muss, nicht nebenamtlich zu leisten ist. Ehrenamtlich ja, aber nicht nebenamtlich.

Das wäre dann ein Fulltimejob.

Das ist ein Fulltimejob, ja. Man braucht doch nur zu lesen, was in der Satzung steht. Zum Beispiel, dass der Vorstandsvorsitzende die Interessen des Vereins vertritt. Da kann man mehr oder weniger draus machen, aber für mich gehört die Vertretung bei DFL und DFB, gegenüber Sponsoren und Fans unbedingt dazu. Die Rolle des Vorstandsvorsitzenden ist ja nicht die des Grüßonkels, wenn man sieht, dass der Vorstand nichts gegen den Willen des Vorsitzenden entscheiden kann, es sei denn, dieser kriegt auch im Aufsichtsrat keine Mehrheit. Der Vorsitzende kann auch nicht rausgeschmissen werden, es sei denn bei einem Quorum von 75 Prozent bei einer Mitgliederversammlung – nicht mal vom Aufsichtsrat. Das bedeutet, es ist eine Verantwortung, das kann man nicht mit links machen. Das biete ich für dieses Projekt „05-17-20“ an.

Geben Sie eine Prognose ab, was Ihre Chancen am 25. Juni angeht?

Sagen wir mal so: Ich freue mich, wenn am Ende die besseren Argumente gewinnen.

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

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