Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 19.12.14 „Ich glaube, ich krieg’s hin“ „Interview der Woche“: Baris Baglan, Sportlicher Leiter des ASV Mainz 88 und seit gut einem halben Jahr Mitglied des Mainzer Stadtrats, über die Situation und Ziele des Ringen-Bundesligisten, seinen Einstieg in die Politik, die Sportstadt Mainz und das Schulprojekt „Raufen nach Regeln“. Sein neuer Einsatzort: Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr wurde Barus Baglan als parteiloser Kandidat auf der SPD-Liste vom elften auf den achten Platz gekreuzt... | Eva Willwacher ...und bringt seine Kompetenzen seitdem im Mainzer Stadtrat ein. | Eva Willwacher Davyd Bichinashvili (l., mit dem armenischen Weltmeister Artur Aleksanyan) folgte Baris Bagan als Cheftrainer der 88er nach - und wirbt ebenso für das Schulprojekt „Raufen nach Regeln“. | Eva Willwacher Als Cheftrainer wurde Baris Baglan 2012 mit dem ASV Mainz 88 Deutscher Meister, inzwischen fungiert er als Sportlicher Leiter. Etwas unbefriedigend ist derzeit die Situation der Zweiten Mannschaft, die zwar ungeschlagen Regionalligameister wurde, aber nach dem jetzigen Stand nicht aufsteigen darf. | Eva Willwacher Herr Baglan, lassen Sie uns mit einem erfreulichen, aber doch unbefriedigenden Thema beginnen: der Meisterschaft und dem vermeintlichen Aufstieg der Zweiten Mannschaft in die Zweite Liga. Sind Gratulationen nach der jüngsten Entwicklung noch angebracht? Wir nehmen die Gratulationen gerne an, denn die jungen Wilden in Aktion zu sehen, macht uns großen Spaß. Sie haben das über die ganze Saison hinweg gut gemacht, insofern ist es der verdiente Lohn. Den Ligazweiten haben sie klar hinter sich gelassen, und das, obwohl wir nur ganz selten Ringer aus der Ersten Mannschaft eingesetzt haben. Die Mannschaft ist sehr, sehr jung, und das ist sehr gut, weil es auch das widerspiegelt, was wir Verantwortlichen uns vorstellen: dass die eigenen jungen Wilden irgendwann das Fundament für die Erste Mannschaft bilden. Das ist auch darauf zurückzuführen, was Davyd Bichinashvili hier im täglichen Training veranstaltet, das kann man gar nicht genug hervorheben. Es ist natürlich eine Gemeinschaftsgeschichte, und es gehören immer alle dazu, die mitanpacken, aber wenn man die Gelegenheit hat, die Leistungen des Trainerstabes hervorzuheben und die des Cheftrainers besonders, der mehrmals die Woche im Jugendtraining dabei ist, der die Zweite Mannschaft auf der Matte mittrainiert und die Strukturen legt und in Absprache mit Ahmet Demir und Steven Krumbholz die Aufstellung festlegt, muss man sie nutzen. Wir sind mächtig stolz auf das, was unsere jungen Wilden geleistet haben. Sie standen ja auch nach der Hinrunde mächtig unter Druck, weil es darum ging, ob sie die Saison so durchziehen können. Das haben sie trotz ihrer jungen Jahre bravourös gelöst. Und jetzt gucken wir mal, wie es weitergeht. Als sich im Laufe der Saison abzeichnete, dass die Mannschaft tatsächlich Meister werden würde, schien nicht ganz klar, ob der Verein überhaupt aufsteigen will. Für uns hat immer das Sportliche die höchste Priorität, das heißt, wenn es machbar ist, gehen wir auch die nächste Liga an. Dazu fanden natürlich auch Gespräche mit den jungen Wilden selbst statt, um abzuklopfen, wie deren Interesse ist. Unser Ziel ist es, mit so vielen Sportlern wie möglich den Unterbau für die Erste Mannschaft hinzukriegen. Wir haben sehr gute, positive Rückmeldung gekriegt, sodass wir auf Vorstandsebene gesagt haben: „Das machen wir“. Und dann hat der Deutschen Ringer-Bund beschlossen, Zweite Mannschaften nicht in die Zweite Liga zu lassen. Hat Sie und Ihre Mitstreiter das sehr getroffen? Aktuell wäre es ein Alleinstellungsmerkmal, wenn unsere Erste in der Ersten und die Zweite in der Zweiten Bundesliga ringen würden, und wir wären schon enttäuscht, wenn unsere jungen Athleten nicht für ihren sportlichen Erfolg mit dem Aufstieg belohnt würden. Aber diese Regelung, keine Zweiten Mannschaften in die Zweite Liga zu lassen, gibt es wohl schon länger. Sie fand nur in der Kommunikation nach außen nicht statt, weil es dazu ja auch in den vergangenen Jahren keinen Anlass gab. Auslöser war, dass dieses Modell früher in einigen Fällen nicht so rundgelaufen ist. Deshalb hat der Verband einen Riegel vorgeschoben. Derzeit befinden wir uns noch in Gesprächen mit dem Verband, und wir hoffen, dass wir mit unserem Konzept überzeugen können und doch nach oben dürfen. Sollten das nicht möglich sein, müssen wir es als Verein, der eher kämpft, als zu jammern, hinnehmen. Wie würden sich die Athleten im Falle des Verbleibs in der Regionalliga verhalten? Bestünde die Gefahr, talentierte Leute zu verlieren? Das ist alles noch in der Schwebe. Aber prinzipiell möchte das Gros der Sportler weiter mit uns zusammenarbeiten. Wenn Sie den Kader nehmen, der Meister geworden ist: Könnte diese Mannschaft in der Zweiten Liga konkurrenzfähig ringen, oder wären gezielte Verstärkungen erforderlich? Die jungen Athleten hätten ein halbes Jahr Zeit, sich weiterzuentwickeln; das wäre auch nötig, weil die zweite Liga leistungsmäßig auf einer anderen Stufe steht als die Regionalliga. Aber wir haben nicht vor, die Zweite Mannschaft mit Hochkarätern oder internationalen Stars zu besetzen, sondern es geht uns darum, die jungen Wilden weiter zu fördern. Wenn die Qualität da wäre, um die Zweite Liga zu halten: gerne. Wenn sie nicht ausreichte, würden wir wieder absteigen. Das wäre dann eben so. Wie hoch wären die Mehrkosten, die auf den Verein zukämen? Mit absoluten Zahlen halte ich mich zurück. Das ist das Feld, das unser Vorsitzender Tolga Sancaktaroglu und unser Schatzmeister Roman Pawlik beackern. Da uns die Erfahrungswerte in der Zweiten Liga fehlen, kann ich dazu sowieso nur wenig sagen. Uns ist bewusste, dass höhere Kosten auf uns zukämen, aber ich glaube, wir kriegten das ganz gut gestemmt. Die Erste Mannschaft ringt ebenfalls eine sehr gute Saison… … toi, toi, toi ... (klopft dreimal auf den Holztisch) …mit knappen Auswärtsniederlagen bei den härtesten Konkurrenten der Nordgruppe, in Köllerbach und Mömbris, und einer etwas überraschenden in Luckenwalde. Ärgerlich? Der Vorteil an Niederlagen ist, dass man danach noch wacher wird. Abgesehen davon, dass man aus jedem Kampf etwas lernen kann, sind Niederlagen dazu da, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das macht unser Cheftrainer. In diesem Jahr werdet ihr über den Umweg der Zwischenrunde in die Play-offs einziehen… Mit solchen absoluten Aussagen haben wir uns schon immer schwergetan, da halten wir uns lieber zurück. Es gibt viele Beispiele dafür, dass es oft anders kommt, als man denkt. Aber nach dem 20:8-Hinkampfsieg in Schifferstadt sollte am Samstag nicht mehr viel schiefgehen. Unser Ziel ist es immer, die Leistung auf der Matte zu bringen. Hinterher kann man darüber reden, wie es gelaufen ist. Im Vorfeld zu sagen, dass die Zwischenrunde für uns nur eine Zwischenstation ist, wäre vermessen, das machen wir prinzipiell nicht. Das gehört sich nicht, auch aus Respekt dem Gegner gegenüber. Natürlich wollen wir ins Viertelfinale, das ist klar. Aber ich gehe davon aus, dass der VfK Schifferstadt darauf brennt, sich am Samstagabend für die Heimniederlage zu revanchieren. Darauf stellen wir uns ein. Wäre es Ihnen lieber gewesen, sich direkt fürs Viertelfinale zu qualifizieren, oder können Sie dem Zwischenrundenkampf auch etwas Gutes abgewinnen? Die Zwischenrunde hat positive und negative Aspekte. Sportlich betrachtet, kann es durchaus vorteilhaft sein, wenn man eine Pause hat, um Kraft zu tanken, aber es kann auch vorteilhaft sein, im Rhythmus zu bleiben. Ich glaube, Vor- und Nachteile heben sich gegenseitig auf. Finanziell stehen einem möglicherweise lukrativen Heimkampf die Kosten für einen Auswärtskampf gegenüber; da werden wie ein bisschen was drauflegen müssen. Die traditionsreiche Klassiker-Konstellation mit der Begegnung gegen den VfK läuft uns dabei natürlich gut rein, denn sie ist ein Leckerbissen für jeden Ringkampfsportfan. Aber wir freuen uns, wenn es weitergeht Richtung Viertelfinale. Die Frage, was mit dieser Mannschaft in dieser Saison möglich ist, brauche ich Ihnen eigentlich nicht zu stellen… … richtig … … weil Sie antworten werden, Sie müssen erst mal abwarten, auf welche Gegner Sie treffen. Haha. Tja, was ist drin? Wir sind alle davon überzeugt, dass Davyd und Kotrainer Hakan Cinar das Maximale aus der Mannschaft herausholen werden. Die harte und lange Vorbereitung zahlt sich aus in den Ergebnissen der Jungs. Man kann auch sehen, dass, je länger ein Kampf geht, unsere Jungs zu einem hohen Prozentsatz obenauf sind. Das war auch in den Kämpfen der Zweiten Mannschaft so. Unsere Ringer sind alle in einem sehr guten körperlichen Zustand, sie werden technisch sehr stark ausgebildet – und das ist in erster Linie die Arbeit von Davyd und seinem Trainerteam. Das ist natürlich für die nächsten Wochen nicht nachteilig, je länger die Runde dauert, je mehr es an die Substanz geht, dass wir gute Grundlagen gelegt haben. Insofern haben wir ein gutes Gefühl, dass es weitgehen kann. Aber es gehören immer zwei dazu: Wir wollen, aber der Gegner wehrt sich. Und dann muss man am Ende schauen, wer die Nase vorne hat. Wie viele eurer Ringer habt ihr komplett hier, wie viele werden nur zu den Kämpfen eingeflogen? Prinzipiell entwickelt sich dieses Verhältnis immer mehr zu Gunsten der Sportler, die hier sind und hier bleiben. Die Deutschen sind sowieso alle am Standort, unter ihnen gibt es keinen, der nur ab und zu mal hier trainiert. Eine kleine Ausnahme bildet unser Sportsoldat Pascal Eisele, der aber auch, sobald er Heimtraining hat, bei uns sein wird. Alle anderen Deutschen und N6-Ringer trainieren kontinuierlich bei uns. Dazu gesellen sich Ivaylo Dimov, George Bucur und Olegk Motsalin, der hier wohnt und kürzlich einen Arbeitsvertrag erhalten hat. Unser Anliegen ist es, die Jungs komplett nach Mainz zu holen, nicht nur temporär. Mainz ist eine wunderschöne Stadt, das ist ein Plus. Viele Bundesligisten sind nicht ganz so in Großstädten verwurzelt wie wir. Mit dem Netzwerk, das wir innerhalb der Stadt haben, besitzen wir auch die Möglichkeit, den Sportlern beim Aufbau ihrer Existenz zu helfen. Konstantin Völk hat beispielsweise einen Ausbildungsplatz bei der MVG zum Straßenbahnfahrer. Richtig. Darüber hinaus ist seine bessere Hälfte im ersten Lehrjahr ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau. Ilir Sefaj hat eine Ausbildung begonnen, Davyd ist idealerweise als Sportlehrer Angestellter des Landes, Wladimir Remel ist Justizwachtmeister und sehr zufrieden, weil seine Arbeitszeiten so gestaltet sind, dass er seiner Passion nachgehen kann; er sieht das Ringen als Berufung. Wir brauchen Jungs mit Leidenschaft, die möglichst ihren Lebensmittelpunkt hier haben. Dazu kommen Sportler wie Kiril Terziev, die mehrere Wochen bleiben, bevor sie wieder nach Hause fliegen. Oder unser Weltmeister Artur Aleksanyan, der mal eine Woche hier ist. Je erfolgreicher die Athleten international sind, desto stärker sind sie allerdings auch in zentrale Maßnahmen ihrer Heimatverbände eingebunden, und nationale Verbände haben immer Vorrang. In unserem Kader gibt es noch Flugsportler, aber die werden immer weniger; das Verhältnis ist aktuell etwa 3:1 für diejenigen, die fest bei uns sind. Sie selbst haben sich kurz nach dem Titelgewinn Anfang 2012 als Trainer zurückgezogen. Der Grund war, dass Sie mehr Freizeit haben wollten? (lacht) So war es angedacht, ja. Ich hatte knapp zehn Jahre lang als Trainer gearbeitet und auch viel Herzblut investiert. Ich hatte das Gefühl, dass es der richtige Zeitpunkt ist, den Staffelstab weiterzureichen. Meine aktive Karriere hatte ich etwa mit 30 Jahren beendet und durfte nahtlos als Trainer des ASV anfangen, was ich immer noch als eine ehrenvolle Aufgabe ansehe. Außerdem hatte ich so weiterhin die nötige Nähe zur Matte. Ich bin seit meinem fünften, sechsten Lebensjahr auf der Matte und kann mir ein Leben ohne gar nicht vorstellen. Als Trainer konnte ich die Erfahrung, die ich über die Jahre im Studium, in der Nationalmannschaft oder beim KSV Aalen gesammelt habe, weitergeben. Dann waren zehn Jahre ins Land gegangen, wir sind Deutscher Meister geworden und waren in einer Situation, in der ich mir dachte, dass ich auch über das Traineramt hinaus etwas bewegen könnte – und dass sich das damit kombinieren lasse, dass Davyd seine aktive Karriere beendete. Mal abgesehen von dem ein oder anderen Comeback in dieser Saison. Richtig. Sagen wir mal, dass er nicht mehr regelmäßig am Wettkampfgeschehen teilgenommen hat und somit jemand da war, den ich auch privat sehr gut kenne und von dem ich sage, dass er es mindestens genauso gut, wenn nicht noch besser macht als ich. Das hat sich alles bestätigt, und wir sind froh, dass wir es so gemacht haben. Ich kann jetzt auf der Vorstandsebene mehr mitwirken, ich habe mehr freie Ressourcen, die ich nutzen konnte, um beruflich den nächsten Schritt zu machen und mich kommunalpolitisch zu betätigen. Das heißt, die Zeit, die Sie durch den Rückzug vom Traineramt eingespart haben, verbringen Sie jetzt im Stadtrat? (lacht) Ja, so kann man das sagen. Mit Beruf und Stadtrat habe ich die zusätzliche Freizeit ganz gut kompensiert. Sie sind im Frühjahr relativ überraschend als Stadtratskandidat aufgetaucht, für Sie selbst vielleicht weniger… …nee, das war auch für mich überraschend. Sie haben als Parteiloser für die SPD kandidiert. Wie kam damals der Kontakt zustande? Ich war und bin nach wie vor kein Genosse. In unserem Meisterjahr hatte sich viel entwickelt und viel bewegt, es gab auch regen Austausch mit unserem Oberbürgermeister Michael Ebling, der irgendwann mit der Idee auf mich zukam, bei der Kommunalwahl anzutreten. Am Anfang war ich, hmm … … skeptisch? Sehr skeptisch (lacht). Weil ich mich nicht in der Politik gesehen habe, und das habe ich im ersten Feedback auch so wiedergegeben. Aber damit haben die Gespräche nicht geendet, wir haben uns weiter ausgetauscht, und die Möglichkeit, in der Stadt, in der ich großgeworden bin, hat mich schon gereizt. Für mich als bekennenden Meenzer war es ein verlockendes Angebot, und wenn man die Möglichkeit hat, in seiner Stadt anpacken zu dürfen, sollte man sie nutzen. Nichtsdestotrotz habe ich meine Familie und andere mir wichtige Personen, wie Tolga, Michel und Davyd ins Boot geholt und gefragt, wie sie das sehen. Hat Ihnen niemand abgeraten? Ich hatte eigentlich aus allen Richtungen positive Rückmeldungen, und dann habe ich nach langem Überlegen gesagt: „Mensch, das ist echt eine Sache, die ich ausprobieren sollte.“ Weil ich Herausforderungen mag und gerne annehme. Bis jetzt ist es eine sehr interessante Aufgabe, die ich gerne angenommen habe. Wie es sich mittel- und langfristig entwickelt, gilt es abzuwarten, aber es ist ein sehr spannendes Feld. Das galt schon für den Wahlkampf … … der offenbar so überzeugend war, dass Sie hochgekreuzt wurden. Ich bin von Listenplatz elf auf acht gekreuzt worden – ein großes Dankeschön an alle, die ihren Teil dazu beigetragen haben. Es gab zwei Gruppen, die, wenn man so will, einen eigenen Wahlkampf betrieben haben. Das eine waren die Fluglärmgegner, die eine Liste verbreitet haben mit den Namen aller kandidierenden Fluglärmgegner. Und das zweite war die „Sportgruppe“, die dafür geworben hat, Sie zu unterstützen. Das war schön zu sehen, dass es eine solche Solidarität gab. Und jetzt ist es so, dass ich Stadtratsmitglied bin, dass ich in Ausschüssen sitze. Ich lerne täglich dazu, verstehe die Abläufe besser und werde probieren, mich zukünftig immer stärker einzubringen. Für einen Quereinsteiger sind die Strukturen wahrscheinlich nicht immer ganz einfach? Stimmt. Aber da ich neugierig und wissbegierig bin, versuche ich alles aufzusaugen. In einer Selbstdarstellung vor der Wahl sagten Sie, „das Gefühl, durch die Arbeit in der kommunalen Politik meiner Stadt etwas zurückgeben zu können“, sei für Sie ein wesentlicher Aspekt der Kandidatur. Haben Sie diesen Eindruck immer noch? Auf jeden Fall. Ich bin in Frankfurt geboren, aber meine Eltern sind glücklicherweise sehr früh mit mir nach Mainz gezogen. Meine gesamte Kindheit, meine Jugend, meinen Bildungsweg habe ich immer in Mainz verbracht. Meiner Stadt habe ich viel zu verdanken. Die offene, tolerante Art dieser Stadt habe ich immer gemocht, ich habe beispielsweise persönlich nie Ausländerfeindlichkeit wahrgenommen, bin immer mit offenen Armen begrüßt worden. Diese Mentalität in Mainz und in Rheinhessen, die sagt mir sehr zu, und deshalb hatte ich auch nie die Tür nach Mainz zugeschlagen, obwohl es während meiner sportlichen Laufbahn mehrere Angebote gab, meinen Lebensmittelpunkt zu verlagern. Ich habe immer hier gelebt, auch mal eine Zeit in einer Sportschule verbracht, aber immer wieder zurückgefunden, weil ich mich hier sehr wohlfühle. Und ich finde es schön, wenn ich „dem Städtsche“ etwas zurückgeben kann. Die SPD traut Ihnen relativ viel zu. Echt? Sie sind direkt in den Finanzausschuss geschickt worden. Ich hatte vermutet, dass Sie als Sportler in den Sport- und als Lehrer in den Schulausschuss gehen, und Sie sind ja auch Mitglied in diesen beiden Ausschüssen… …genau. Aber der Finanzausschuss ist das vielleicht wichtigste Gremium, da geht es um die Kohle. Mittlerweile habe ich auch festgestellt, dass dies ein wichtiger Ausschuss ist. Aber es ist vielleicht gar nicht so abwegig, dass ich im Finanzausschuss sitze, weil ich nicht nur in der Politik, sondern auch im Beruf ein Quereinsteiger bin. Ich bin ursprünglich Diplom-Sportwissenschaftler und habe mir dann extern noch Wirtschaft und Verwaltung als zweites Fach angeeignet. Insofern sind mir Volks- und Betriebswirtschaft nicht ganz so fremd. Welchen Eindruck haben Sie als jemand, der aus der praktischen Arbeit kommt, von den politischen Abläufen? Gibt es viele Reibungsverluste? Denken Sie sich manchmal, dass es auch etwas schneller vorangehen könnte? Es ist auf jeden Fall zeitintensiver als ich ursprünglich dachte. Zu den wöchentlichen Fraktionssitzungen und den Ausschusssitzzungen vor den Stadtratssitzungen gibt es auch noch Runde Tische oder andere Gespräche mit Verantwortlichen aus den unterschiedlichen Bereichen, die eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, keine Frage. Dass man etwas geduldiger werden muss, diese Erfahrung habe ich gemacht – und ich glaube, ich krieg’s hin. Können Sie mit dem Begriff „Sportstadt Mainz“ etwas anfangen? (lacht) Oh. Mainz ist definitiv eine sportaffine Stadt. Das hat uns auch die jüngste Vergangenheit mit dem Ringer-Finale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft auf dem Hechtsheimer Messegelände gezeigt, als der Himmel zugefroren ist und Blitzeis uns knapp 1000 Zuschauer aus Ringer-Deutschland gekostet hat. Trotzdem waren es 3000 Leute, die ins Zelt gekommen sind, und es waren ganz, ganz viele Meenzer, die bis dahin nur mal was vom Ringen gelesen oder sich mal einen Kampf angeschaut hatten, aber dann sagten: Jetzt müssen wir die Jungs unterstützen. Die Leute haben für eine mainzigartige Atmosphäre gesorgt. Das hat sich in unsere Hirnwindungen eingebrannt, und darauf sind wir sehr stolz. Ich glaube schon, dass wir mit dem Marathon, mit Mainz 05, mit dem USC, mit dem Theresianum, mit den Baseballern und allen anderen, die dazugehören, schon eine Sportstadt sind, aber wir sollten immer auch daran arbeiten, das weiterzuentwickeln. Also auch an den Rahmenbedingungen. Ja, auch an den Rahmenbedingungen. Sei es im Gesundheits- und Breitensport, sei es im Leistungssport. Es muss immer eine Weiterentwicklung in der Infrastruktur geben. Der Sport wird schon gut gefördert, aber es sollten weitere Synergien gefunden und gebunden werden. Wird es irgendwann eine neue, große Sporthalle geben? (denkt lange nach) Ob es irgendwann eine Großsporthalle gibt? Ich glaube, es ist aufgrund der finanziellen Lage der Stadt nicht einfach, ein solches Projekt auf die Beine zu stellen, aber wir haben große Hoffnung, dass die Multifunktionshalle, die in Hechtsheim angedacht ist, eine realistische Lösung wäre, um ein Dach beispielsweise für Play-off-Kämpfe im Ringen oder andere Topveranstaltungen zu bieten. Man kann natürlich auch die Frage stellen, ob die Stadt überhaupt eine Großsporthalle braucht. Denn abgesehen vom Ringen sieht es in den Mainzer Sporthallen insgesamt recht leer aus. Die Basketballerinnen und Basketballer des ASC Mainz ziehen 100 bis 150 Zuschauer an, die Drittliga-Volleyballer in Gonsenheim freuen sich bei normalen Meisterschaftsspielen, wenn die Zuschauerzahl dreistellig ist, die Baseballer halten sich ohnehin im Freien auf, und die Leichtathleten sind in einer möglichen neuen Halle gar nicht vorgesehen. Besteht also wirklich Bedarf für ein solches Projekt? Ich glaube, es würde der Landeshauptstadt im Allgemeinen gut zu Gesicht stehe, wenn wir eine Großsporthalle hätten, die sportlichen oder kulturellen Highlights als Gastgeber dienen könnte. Warum sollte es so etwas wie die SAP-Arena nicht in Mainz geben? Es gibt in Mainz wohl kein Projekt, das schon vor so langer Zeit diskutiert wurde. Anfang der 90er-Jahre hatte der damalige Baudezernent Herbert Heidel bereits die Pläne für eine Sporthalle Mainz-Mitte am Bruchweg mit Teleskoptribünen, die Platz für 3000 Besucher bieten sollten, vorgestellt. Das hört sich gut an. Nur, dass es schon gut 14 Jahre her ist. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit... Wobei ich glaube, dass das Thema „Großsporthalle“ in Mainzer Sportkreisen gefühlt schon immer ein Thema ist. Haben Sie den Eindruck, dass der Sport im Stadtrat eine Lobby hat, die über die sportpolitischen Sprecher hinausgeht? Ich glaube schon, dass den Erfahrungen und Ideen der sportpolitischen Sprecher eine gewisse Bedeutung beigemessen wird, aber ich bin noch nicht lange genug dabei, um einschätzen zu können, welche Stellung wir im Vergleich zu anderen Bereichen haben. Ich habe allerdings den Eindruck, dass uns Gehör geschenkt wird, und ich empfinde das Arbeiten im Sportausschuss als sehr angenehm, weil es um den Sport an sich geht. Es ist eine positive, produktive Atmosphäre, und ich glaube, dass wir gemeinsam einiges auf den Weg bringen können. Kommen wir noch mal zurück zum Verein. Der ASV Mainz 88 betreibt seit knapp drei Jahren das Projekt „Raufen nach Regeln“. Die Grundidee ist? Dass wir als Verein glauben, dass wir mit anpacken sollten für unsere Stadt und dass wir unserer gesellschaftspolitischen Verantwortung gerecht werden wollen. Mit unserer Sportart haben wir da ein ganz gutes Mittel zur Hand. Ringen ist ein Sport, der nicht vieler Mittel bedarf, es ist ein Sport, der persönlichkeitsentwickelnd und -prägend sein kann. Und dementsprechend kann man durch den Sport auch viel im Jugendbereich vorantreiben. Andere Länder haben das schon früher erkannt, zum Beispiel die Staaten des ehemaligen Ostblocks oder Länder wie der Iran, die Türkei oder auch die USA, wo der Sport nicht nur einen hohen Stellenwert hat, sondern auch in die schulischen und universitären Ausbildung eingebettet ist. Dort hat man erkannt, dass Ringen ein Sport ist, der Menschen viel geben kann. Inwiefern? Ich schneide das nur an, sonst würde es zu lange dauern: Es geht darum, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, Empathie an den Tag zu legen, auch ein Stück weit Aggressionen kanalisiert loszuwerden, sich zu reiben. Es liegt in der Natur des Menschen, zu zeigen, wie stark er im Verhältnis zu anderen Menschen ist. Wenn man das kanalisiert, indem man ein schönes Regelwerk transparent verpackt und das am besten freudvoll, dann hat man ein Paket geschnürt, um jungen Menschen eine Möglichkeit zu geben, sinnvoll mit ihrer Zeit umzugehen. Die ganzen gesellschaftlichen Probleme, die die Jugend betreffen – Verstädterung, Entkörperlichung, adipöse Kinder –, all das geht damit einher, dass man zu wenig Sport treibt. Aus meinem beruflichen Alltag weiß ich, dass die Kinder heutzutage im wahrsten Sinne Berührungsängste haben, also nicht gewillt sind, einander anzufassen … … das ist auch schwierig, wenn man ständig ein Smartphone in den Händen hat … Richtig! Es ist alles virtuell: Spiele, Kontakte, alles läuft über die sozialen Medien und über Spielkonsolen. Aber der Mensch ist nach wie vor ein soziales Wesen, er braucht den Köperkontakt, er braucht die Reibung. Kommen die Schulen auf den Verein zu? Mittlerweile ist das so. Durch die Werbung auf unseren Trikots oder durch die Medien, durch Mundpropaganda werden die Schulen auf uns aufmerksam. Mittlerweile sind wir an sechs Schulen aktiv – wir müssen nur schauen, dass wir mit unserer Manpower nachkommen und pädagogisch wie sportlich qualifizierte Kräfte an die Schulen bringen können. Gehen Sie an sogenannte Brennpunktschulen, oder ist es querbeet gestreut? So hat es angefangen. Die ersten Schulen, an denen wir mit „Raufen nach Regeln“ aktiv geworden sind, waren die Goetheschule und die Pestalozzischule, dann kam die Eisgrubschule dazu. Mainz-Mombach, Mainz-Innenstadt – da sind schon kernige Kinder dabei, keine Frage, aber es funktioniert, und es macht allen Beteiligten Spaß. Wichtig ist: Es kommt auch was dabei herum. Wir sind sicher, dass wir mit dem Projekt mittel- und langfristig noch viel bewegen können. Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth. Mehr aktuellen Sport aus Mainz lesen Sie hier. Alle Artikel von Ringen