U-17-Bundesliga Jugend | Christian Karn | 26.06.14 „Zwölf Monate am Limit“ Meikel Schönweitz, scheidender U17-Trainer des FSV Mainz 05, über seine letzte Saison am Bruchweg, das verpasste DM-Finale und seinen neuen Job als Jugend-Bundestrainer. Hauchdünn verpasste Meikel Schönweitz mit seiner U17 das DM-Finale. „Die Saison war zu lang“, sagt der Fußballlehrer, der künftig als Jugend-Bundestrainer für den DFB arbeiten wird. | Eva Willwacher Eine Mannschaft mit einem besonderen Spirit: „Mit viel Demut, viel Akribie, viel Einsatz und ganz einfachen Arbeitsmitteln haben wir viel erreicht“, sagt Meikel Schönweitz. | Eva Willwacher Mainz. Seit wenigen Tagen ist die Saison vorbei, in wenigen Tagen endet auch das Arbeitsverhältnis mit dem FSV Mainz 05. Viel Zeit, WM-Spiele anzuschauen, hat Meikel Schönweitz trotzdem nicht. Nach exakt einem Tag Urlaub beginnt für den bisherigen Trainer der U17-Mannschaft vom Bruchweg, die am Sonntag durch die 1:2-Niederlage bei RB Leipzig den Einzug ins DM-Finale verpasste, seine neue Tätigkeit als Jugendbundestrainer. Zeit für ein Saison-Abschlussgespräch mit SPORTAUSMAINZ.de fand Schönweitz zwischen Fahrkartenautomat und Bahnsteig. Herr Schönweitz, haben Sie und Ihre Mannschaft das Halbfinal-Aus vom vorigen am Sonntag schon verarbeitet? Die Mannschaft war in der ersten Zeit nach dem Spiel sehr niedergeschlagen und deprimiert, aber ich glaube, dass das im Laufe des Tages in Stolz übergegangen ist auf das, was wir das Jahr über erreicht haben. Am Ende waren die Spieler einfach einen Tick zu leer, um die ganzen Hürden zu überspringen. „Zu leer“ – was heißt das konkret? Die Saison war zu lang. Wir haben am 25. Juni 2013 mit der Vorbereitung angefangen und am 22. Juni 2014 das zweite Halbfinale gespielt. Das waren zwölf Monate, in denen wir, abgesehen von zwei Wochen Winterpause, nur am Limit waren. In jeder Hinsicht, jeder Trainingseinheit, in Sachen Mentalität, Gedanken um das Spiel, um Fußball. Dazu darf man nicht vergessen, dass die Jungs als Schüler ja quasi einen Job haben, in dem sie auch ans Limit gehen müssen. Dazwischen hatten wir ständig die drei Wochen spielfrei, mussten aber ständig die Spannung und die Konzentration halten. Das hat genagt und genervt. Am Ende der Saison war der Akku ziemlich leer. Wir haben uns für die beiden Spiele nochmal gepusht und uns im zweiten auch sehr gut verkauft und alles rausgehauen. Uns haben nicht mal fünf Prozent, vielleicht zwei Prozent Energie gefehlt, die der Gegner hatte, auch unterstützt von Publikum. Letztlich hat es nicht ganz gereicht, aber die Jungs realisieren gerade ein bisschen, was sie das Jahr über gemacht haben. Sie gehen mit Stolz und sehr breiter Brust aus der Saison heraus. Die Leipziger waren demnach, wenn man das Potenzial, die Möglichkeiten betrachtet, nicht mal überlegen? Ich glaube, dass wir im ersten Spiel nicht an die Grenze unseres fußballerischen Potenzials gekommen sind. Aber für das Rückspiel haben wir die richtigen Schlüsse gezogen und sehr vieles richtiggemacht. Wir waren komplett auf Augenhöhe. Wenn wir 2:1 gewinnen, darf sich Leipzig auch nicht beschweren. Unterm Strich waren zwei Mannschaften mit gleichen Stärken und Schwächen auf dem Platz. Ihre Mannschaft hat einen Teil zu einer der erfolgreichsten Spielzeiten des Vereins Mainz 05 beigetragen; sie ist die erste, die eine Staffel der Jugendbundesliga gewonnen hat. Was bleibt von einem solchen Jahr hängen? Gestern saß ich mit den Jungs zusammen. Wir haben ein Abschluss-T-Shirt kreiert und überlegt, was wir draufmachen können. Es hat gar nicht alles draufgepasst, was uns eingefallen ist. Wir sind Meister in unserer Staffel, wir haben die meisten Siege, wir haben die wenigsten Niederlagen, wir haben die beste Abwehr, wir haben den Pader-Cup gewonnen, wir haben Rückstände gedreht, wir haben in Unterzahl gewonnen, wir haben Testspiele gegen die ganz Großen gewonnen, 5:2 gegen Dortmund, 4:1 gegen Gladbach, 4:2 gegen Leverkusen. Wir haben in der Runde überragende Spiele abgeliefert, sei es das 4:0 gegen die Bayern, sei es das 3:1 gegen den VfB. Wir haben in Vorbereitungsspielen Seniorenteams geschlagen. Wir haben so viel gewonnen und erreicht, aber ich habe ja schon einmal gesagt: Unterm Strich sind das die Fakten, die dabei herausgekommen sind, aber das Wichtigste ist die Art und Weise, wie die Mannschaft das gemacht hat. Ich glaube, wir haben uns selbst bewiesen, was man mit ehrlicher und harter Arbeit erreichen kann. Das ist die wichtigste Erkenntnis aus der Saison: Mit viel Demut, viel Akribie, viel Einsatz und ganz einfachen Arbeitsmitteln konnten wir so viel erreichen, das Maximum rausholen. Welche Anteile daran haben die Spieler, welche der Trainer? Bei uns hat alles zusammengefunden. Sicherlich war es ein Kader mit sehr vielen guten Charakteren. Sicherlich mussten wir den richtigen Hebel und Ansatz finden. Sicherlich ist eine Harmonie entstanden, weil alle das Gleiche wollten, weil alle der gleichen Philosophie nachgeeifert haben. Einer Philosophie, die Mainz 05 prägt. Tugenden, die den Verein ausmachen, die wir in unsere tägliche Arbeit hineingebracht haben. War das jetzt eine besondere Mannschaft, verglichen mit denen, die vorher kamen und jetzt noch kommen werden? Es war eine eigene Mannschaft. Die Jungs, die als nächstes kommen, die 98er, sind auch eine tolle Mannschaft, aber auf ganz andere Weise. Sie kommen über einen ganz anderen Fußball. Aber auch dieser Jahrgang hat mit seinem Trainer Sascha Meeth eine Topmentalität entwickelt. Ich hatte eine eigene Mannschaft mit einem Spirit, den man über das ganze Jahr hinweg bekommen muss. Der Geist in dieser Mannschaft, der von Mainz 05, der ist ja drin. Den muss man aber rauskitzeln. Wir haben Trainer wie Meeth, wie Sandro Schwarz, wie Sören Hartung, sicherlich auch meinen Nachfolger, den ich noch nicht kenne, die die Mentalität vorleben können und werden, daher bin ich mir sicher, dass das so weitergetragen wird. Was können die Spieler persönlich aus dieser Saison mitnehmen? Enorm viel. Die Erkenntnis, mit welchen Mitteln man etwas erreichen kann, mit Demut, mit einfacher Arbeit. Das sind Mittel und Wege, wie man erfolgreich sein kann, und das haben sie sich selbst vor Augen geführt. Sie haben nie aufgegeben, sind gegen Hindernisse angegangen, nicht bei jeder Hürde sofort eingeklappt. Sie können Herausforderungen annehmen. Sie haben jetzt auch die Erfahrung aus solchen Spielen wie gegen Leipzig, die nicht alltäglich sind, die sicherlich eine besondere Konstellation sind. Vor so vielen Zuschauer, mit so viel Druck... Wenn sie das nächste Mal in einem solchen Spiel auf den Platz kommen, wissen sie, wie sie damit umgehen müssen. Ich glaube, auch das ist ein enormer Gewinn. Haben wir einige künftige Profis gesehen? Davon bin ich fest überzeugt. Der eine oder andere Spieler wird im Profigeschäft ankommen, weil sie viele Sachen vereinen: Sie haben Ehrgeiz, Willen, Widerstände zu überwinden, sie bringen vom Kopf her so viel mit, dass sie sich da oben festbeißen werden. Fußballerisch, taktisch haben sie sich außerordentlich entwickelt, weil sie es wollten, es aufgesaugt haben, mitgenommen, was angeboten wurde. Nun ist der Profifußball ein dehnbarer Begriff: Von einem Drittligaspieler, der manchmal in der Zeitung in der Aufstellung steht, bis zum WM-Teilnehmer André Schürrle, der ja auch aus der Mainzer U17 stammt... Das ist natürlich schwer zu prognostizieren. Wir werden aus dem Jahrgang den einen oder anderen in der Ersten oder Zweiten Liga sehen, daran glaube ich fest. Was dabei herumkommt, wird sich zeigen. Nach ganz oben zu kommen, ist auch mit viel Glück verbunden: An welchen Trainer die Spieler geraten, wer sie fördert. Aber ich glaube, dass der eine oder andere das Zeug hat, sich oben festzubeißen. Und was nimmt der Trainer mit? Ebenso viel. Ich gebe zu: Die Jungs haben auch mir gezeigt, was alles möglich ist. Die vorherige Saison war nicht so einfach; die Anforderungen und Prognosen waren sehr hoch, weil die Mannschaft sehr talentiert war, aber es nicht so erfolgreich gelaufen. Ich habe daraus für mich die Schlüsse gezogen, woran das gelegen hat. Die Jungs haben mir daraufhin vor Augen geführt, was möglich ist, was man über Charakter und Einstellung alles machen kann. Darum nehme ich auch viel mit. Auch die Erfahrung, wie man entscheidende Spiele anzugehen hat, wie man eine Mannschaft vorbereitet, wie sie reagiert. Und das ist eine Ansage für Ihren Nachfolger? Das will ich gar nicht so sehen. Im Jugendbereich gibt es die Unterschiede zwischen den Jahrgängen. Man übernimmt eine neue Mannschaft, die in der U16 gut funktioniert, aber tritt nicht in außergewöhnliche Fußstapfen. Jedes Jahr werden in der Jugend die Karten neu gemischt. Demnach also eher eine Ansage an Sandro Schwarz. Unter uns Kollegen gibt es keine Ansagen, wer was erreichen muss. Sandro macht sehr gute Arbeit und angesichts der Erfolge der anderen Mannschaften, der Profis, der U23, der U17 ist es ein bisschen untergegangen, wie viel Sandro aus seiner Mannschaft herausgeholt hat. Auch die U19 hat eine sehr gute Saison gespielt, bei der nur Kleinigkeiten gefehlt haben, um oben anzugreifen. Man darf bei den ganzen Erwartungen auch nicht vergessen, über welche Mittel andere verfügen. Mainz hat inhaltlich ein hervorragendes Nachwuchsleistungszentrum, aber es ist durchaus so, dass andere Vereine über andere finanzielle Mittel, eine andere Infrastruktur verfügen. Das sieht man schon an der Anzahl der Plätze: Wir haben zwei Kunstrasenfelder für alle. Aber machen wir mal den Blick über den Tellerrand, dann sehen wir, dass wir bei unserem Test in Dortmund auf Platz acht gespielt haben. Allein das zeigt schon die Dimensionen. Sie machen jetzt erst einmal Urlaub? Exakt einen Tag. Dann geht es weiter. In Mainz muss ich noch alle Projekte abschließen oder für meinen Nachfolger bereitlegen. Der muss in die Eliteförderung, das Vormittagstraining in Partnerschulen und so weiter eingearbeitet werden. Da gibt es durchaus noch einiges an Übergabematerial. Am Wochenende kann ich kurz durchpusten, am Dienstag geht es mit dem neuen Job weiter. Was ist Ihr erstes Projekt für den DFB? Ich werde mich in den neuen Jahrgang einarbeiten, Videomaterial sichten, mich über den Jahrgang erkundigen und viele Gespräche führen, um einen Einblick in die Arbeitsprozesse zu bekommen. Dann geht es ab dem 14. Juli drei Wochen lang auf Sichtungsturniere. Alle Trainer sind an allen Jahrgängen beteiligt. Erst sehen wir die 2000er in Bad Blankenburg, dann die 1999er in Duisburg, dann wieder die 2000er in Kaiserau. Wird man sie häufiger in Mainz sehen? Ich werde sicherlich der DFB-Trainer sein, der am häufigsten in Mainz am Platz auftaucht, allein wegen der räumlichen Nähe. Das Gespräch führte Christian Karn. Mehr aktuellen Sport aus Mainz lesen Sie hier. Alle Artikel von Fußball (Amateure)