Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 02.02.15 Zwischen Mainz, Mekka und Marbella Mit zwei Toren und einer Vorlage gelang Yunus Malli beim 5:0 des FSV Mainz 05 gegen den SC Paderborn ein furioser Einstieg in die Bundesliga-Rückrunde. Danach war der Mittelfeldspieler in aller Munde. Aus aktuellem Anlass stellt SPORTAUSMAINZ.de noch einmal das Gespräch ein, das wir mit Malli im Trainingslager in Marbella führten. Setzte zum Rückrundenauftakt mit erstaunlicher Konsequenz um, was er sich vorgenommen hatte: Yunus Malli erzielte beim 5:0-Sieg gegen den SC Paderborn zwei Tore und bereitete eines vor. | Eva Willwacher Danach praktizierte der gläubige Muslim die Niederwerfung. | Eva Willwacher Mainz. Seinen Weihnachtsurlaub verbrachte Yunus Malli auf eine eher außergewöhnliche Art. Mit seinem Kumpel Zeki Erarslan, in der Mainzer Fußballszene unter anderem als Betreuer des SV Gonsenheim bekannt, und einigen anderen Freunden pilgerte der Profi des FSV Mainz 05 nach Mekka. Zwei Wochen blendete er den Alltag aus und widmete sich ganz seinem muslimischen Glauben. Inzwischen aber ist es mit der Besinnlichkeit längst wieder vorbei: In Marbella bereitete sich Malli, vor dreieinhalb Jahren von Borussia Mönchengladbach zum FSV Mainz 05 gewechselt, mit dem Bundesligakader auf die Ende Januar beginnende Rückrunde vor. In der Hinrunde war der technisch hochbegabte 22-Jährige mit 14 Spielen einer der am häufigsten eingesetzten Akteure im Kader von Kasper Hjulmand. Dass er sein Potenzial noch immer nicht genügend ausschöpft, ist dem offensiven Mittelfeldspieler bewusst – null Tore und zwei Torvorlagen sind eine unbefriedigende Bilanz für einen, der sich als Zehner behaupten will. Zum Vergleich: Vorige Saison kam Malli bei insgesamt 21 Einsätzen auf fünf Tore und vier Assists. Auch darüber sprach er in Andalusien mit SPORTAUSMAINZ.de. Herr Malli, Sie sind, was Marbella angeht, einer der erfahrenen 05er. Ist es gut, zu Trainingslagern in eine vertraute Umgebung zu kommen? Ich bin jetzt zum dritten Mal hier, die beiden letzten Male hat es mir sehr gut gefallen, deswegen bin ich froh, dass wir wieder nach Marbella gekommen sind. Außerdem sind die Plätze hier in einer sehr guten Verfassung, sodass wir gut trainieren können. Der Trainer sagt, die Plätze seien nicht so gut wie in England, aber besser als in Mainz... Also, in England, das war das höchste Niveau, alle Plätze waren sehr, sehr gut. Da heranzukommen, ist sehr schwierig, aber wie der Trainer schon sagt: Der Rasen hier sieht viel, viel besser aus als zu Hause. Die Mannschaft ist, wie in den vergangenen Jahren üblich, in einem nicht ganz billigen Hotel untergebracht. Habt ihr Spieler überhaupt etwas davon? Mehr als essen und schlafen werdet ihr hier ja kaum machen. Wenn man es so sieht, haben wir tatsächlich nicht so viel davon. Wir trainieren meistens zweimal am Tag, zwischen den Einheiten legt man sich vielleicht hin und ruht sich aus, und abends ist man eh kaputt. Trotzdem ist es natürlich schön, wenn man nach dem Training hier einen solchen Ausblick aufs Meer genießen kann. Das stimmt einen noch positiver. Rund anderthalb Wochen nach dem Trainingslager beginnt die Rückrunde. Wie schätzen Sie die Ausgangslage für Ihre Mannschaft ein? Wir wissen, dass es da unten sehr eng ist, dass die Hälfte der Liga unten mitspielt, und wir gehören dazu. Unser Ziel ist es deshalb, gleich zu Beginn der Rückrunde so viele Punkte wie möglich zu holen, dann kann es nach zwei, drei Spiele schon wieder ganz anders aussehen. Darauf werden wir uns noch intensiv vorbereiten und dann im ersten Spiel gegen Paderborn Gas geben. Ist es eher ein beruhigendes Gefühl, dass so viele Mannschaften im Abstiegskampf stecken? Oder wäre es ihnen lieber, nur mit drei oder vier Konkurrenten um die sicheren Plätze zu streiten, weil dann zwar der Druck höher, aber auch die Konzentration vielleicht größer wäre? Es macht schon etwas aus, das stimmt. Wenn man mit einem größeren Abstand ganz unten steht, ist es natürlich eine andere Situation, als ein so großes Feld, das so dicht zusammenliegt. Aber von den Umständen dürfen wir uns nicht ablenken lassen. Wir wissen, dass wir auf uns gucken und so schnell wie möglich Punkte sammeln müssen, um gar nichts mehr damit zu tun zu haben. Sie gehören zu jenen Spielern, die mit ihrer persönlichen Entwicklung in der Hinrunde, gerade was die Einsatzzeiten angeht, zufrieden sein können… …es gab natürlich gute Momente für mich, aber auch weniger gute Momente. Ich glaube, dass ich mich insgesamt ein Stück weiterentwickelt habe, und ich will mich auch in den nächsten Monaten noch weiterentwickeln. Für die Rückrunde habe ich mir einiges vorgenommen. Was genau? Dass ich zum Beispiel auch ein paar Tore mache und mehr Torvorlagen gebe. Ich will der Mannschaft noch stärker helfen, damit wir gemeinsam Erfolg haben. Das moniert ja auch der Trainer, wenn es um Sie geht. Er sagt: „Yunus kann einen klasse letzten Pass spielen, aber er spielt ihn zu selten.“ Und um ein wirklich guter Zehner zu werden, müssten Sie am Abschluss arbeiten. Das stimmt. Wie arbeiten Sie daran? Indem ich versuche, in den Trainingsspielen Tore zu machen, auch separat noch Torschussübungen anzuhängen, um den Ball im Netz zappeln zu sehen. Das macht auch etwas aus: Wenn man im Training öfter trifft, wird es auch im Spiel einfacher. Ich glaube, dass ich einen großen Aufwand in meinem Spiel betreibe, und das muss dann auch mal öfter in der Statistik zu sehen sein. Das weiß ich, und es ist mein Ziel, das hinzukriegen. Vor wenigen Tagen hat Loris Karius als erster Spieler mit auslaufendem Vertrag verlängert. Ihr Vertrag… …endet auch im Sommer. Die Gespräche mit Mainz haben vor etwas mehr als einer Woche begonnen. Da ist noch alles offen, ich will auch nichts überstürzen. Das ist eine wichtige Entscheidung für mich, die trifft man nicht in ein, zwei Tagen. Was muss für Sie stimmen, damit Sie bleiben, unter welchen Umständen würden Sie sich einen anderen Verein suchen? Da muss gar nicht groß etwas passieren, um in Mainz zu bleiben. Ich muss einfach das Gefühl haben, dass es die richtige Entscheidung ist. Sonst nichts. Mit wem besprechen Sie diese Entscheidung? Mit Ihrer Familie? Mit Ihrem Berater? Mein Berater ist eh mein Onkel, von daher besprechen wir uns in der Familie. Er führt die Gespräche mit Herrn Heidel. Ich will mich auf den Fußball konzentrieren, wichtig ist, dass wir als Mannschaft gut in die Rückrunde starten. Den Rest erledigt mein Berater. Aber die letzte Entscheidung treffen schon Sie? Ja, natürlich. Er informiert mich, wie die Gespräche gelaufen sind, und am Ende des Tages werde ich entscheiden, was ich mache. Was braucht die Mannschaft, um eine Rückrunde zu spielen, die möglichst schnell ein weiteres Jahr Erste Liga sichert? Das Wichtigste ist, dass wir Punkte holen. Unser Spiel war ja durchaus oft positiv, aber wir müssen uns noch mehr Chancen erarbeiten, wir müssen im letzten Drittel noch effizienter sein, und hinten müssen wir gut stehen, insgesamt als Mannschaft. So, wie es in den ersten Spielen der Fall war, als wir nur wenige Gegentore bekommen haben. Das ist und bleibt der Schlüssel für uns. Und dann aus der sicheren Ordnung, aus der stabilen Abwehr heraus, die Impulse nach vorne setzen. Wenn uns das gelingt, bin ich sicher, dass wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben werden. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Defensive acht Spiele lang so gut stand und es dann Gegentore gab wie gegen Werder Bremen oder den HSV, wo man den Eindruck hatte, dass es defensiv nicht mehr stimmt? Nein, ich weiß auch nicht, warum es zu Beginn so gut geklappt hat und dann nicht mehr. Sie haben die Winterpause auf eine ganz andere Art genutzt als Ihre Mitspieler: Sie sind mit Ihrem Kumpel Zeki Erarslan nach Mekka gepilgert. Wie kam es dazu? Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht? Es war sehr schön, es hat auch zeitlich mit meinem Urlaub super geklappt. Gebucht haben wir die Reise im November. Ich war zum ersten Mal in Mekka, und das war ein sehr schönes Erlebnis, es war wie eine andere Welt, man hat die ganzen weltlichen Dinge nicht mehr im Kopf, man konzentriert sich einfach nur auf sich selbst und seine Gebete. All die Momente, die Bilder, die man schon im Fernsehen gesehen hat – plötzlich war ich selbst da. Das war für die Seele beruhigend und hat sehr viel Spaß gemacht. Und es hat funktioniert, zwei Wochen lang komplett abzuschalten und sich aufs Spirituelle zu konzentrieren? Genau. Ich hatte nichts anderes im Kopf, auch keinen Fußball. Ich konnte wirklich abschalten, das war für mich eine sehr positive Erfahrung. Ich würde mich freuen, wenn ich bald wieder da hingehen könnte. War das jetzt schon eine richtige Hadsch oder eher eine Vorstufe? Das war eine kleinere Version. Das ist keine Pflicht für einen Moslem, aber es gilt als gute Tat. Die Hadsch dauert länger. Aber das ist der nächste Schritt: In naher Zukunft, wenn die Urlaubszeiten es hergeben, will ich eine Hadsch machen. Die muss dann in einem vorgegebenen Zeitraum stattfinden, oder können Sie den frei wählen? Nein, da gibt es immer eine bestimmte Zeit, die vorgegeben ist, die sich aber in jedem Jahr verändert. Der Lauf um die Kaaba ist nur bei der richtigen Hadsch vorgesehen? Die Runden um die Kaaba haben wir jetzt auch gemacht, aber bei der richtigen Hadsch kommen noch mehr Orte dazu, die man besucht. Das dauert dann ein bisschen länger. Was war für Sie der Anstoß, nach Mekka zu reisen? Als Moslem will man da mindestens einmal im Leben hin. Ich war noch nie da, und als es jetzt mit dem Urlaub gepasst hat, wollte ich die Chance nutzen. Deswegen habe ich mich mit Zeki und meinem großen Bruder und ein paar anderen Freunden aus Mainz entschieden, diese Reise zu machen. Und Ihr Kumpel Zeki hat unterwegs die Haare verloren… Er war beim Frisör. Viel übrig geblieben ist nicht. Das ist aber keine Pflicht? Es heißt, man soll seine Haare kürzen, wenn man in Mekka ist – wer will, kann natürlich auch alles wegmachen lassen. Ich habe nur ein bisschen schneiden lassen, aber Zeki wollte sich schon immer mal eine Glatze schneiden lassen; das war jetzt der perfekte Zeitpunkt dafür. Ist es für Sie schwierig, im Alltag Glauben und Fußball unter einen Hut zu bringen? Zum Beispiel fünfmal täglich zu beten – oder machen Sie es so, wie es gerade zeitlich am besten passt? Ich bete fünf Mal am Tag. Man schafft das. Wenn man das will, regelt man den Tag so, dass man es auch hinbekommt. Bei mir passt das mit den Trainingszeiten sehr gut. Ich glaube schon, dass man den Glauben im Alltag mit der Arbeit verbinden kann. Aber auf einer Pilgerfahrt ist es so, dass man sich voll und ganz auf den Glauben fokussieren kann. Haben Sie den Eindruck, dass es in den letzter Zeit als Moslem in Deutschland schwieriger geworden ist, dass die Stimmung gegenüber Moslems kritischer geworden ist? Ich glaube, insgesamt ist es in der ganzen Welt leider so, dass man aufgrund der ganzen Terroraktionen ein falsches Bild vom Islam hat. Es ist schade, wenn viele Leute so denken, aber wer unsere Religion kritisiert, dem kann ich nur empfehlen, den wahren Islam kennenzulernen. Aber die Attentäter wie zuletzt in Paris oder auch der IS berufen sich auf den Islam. Wenn Terroristen vor einem Anschlag etwas Arabisches rufen, denkt die ganze Welt, das seien Muslime. Aber in Wahrheit ist der Islam eine friedliche Religion, in der der Grundsatz gilt: Wenn man einen Menschen tötet, ist es so, als würde man die ganze Menschheit töten. Deswegen verstehe ich nicht, dass wegen solcher Terroristen der Islam in die Kritik gerät. Aber es gehört zur Meinungsfreiheit, dass jeder anders darüber denken darf. Ich kann nur sagen, dass ich vollkommen ablehne, was angebliche Muslime tun, indem sie Menschen töten, auch Frauen und Kinder. Das hat absolut nichts mit dem Islam zu tun. Sie selbst haben noch keine Ablehnung erfahren oder andere negative Erfahrungen gemacht? Nein, ich habe in der Hinsicht nichts erlebt. Ich glaube auch nicht, dass das in Mainz passieren wird. Das wäre ja dann noch ein Grund, den Vertrag zu verlängern… (lacht) Ja, das stimmt. Und Zeki sagt auch, dass ich bleiben soll… Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth. 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