Oberliga | Guido Steinacker | 05.03.14

"Da ist mehr drin als nur Oberliga"

Die drei höchsten Ligen im deutschen Männerhandball spielen derzeit ohne rheinhessische Beteiligung um Punkte und Meisterehren. Für den Präsidenten des Handballverbands Rheinhessen, Klaus Kuhn, ist das kein akzeptabler Zustand. Er will die Viertklassigkeit nicht länger als gegeben hinnehmen und fordert vornehmlich die vier rheinhessischen Oberligaklubs zur Zusammenarbeit und Zusammenführung ihrer Kräfte auf. Die Idee einer „SG Rheinhessen“, die in der Dritten oder gar Zweiten Liga bestehen könnte, hält er für realistisch.
HVR-Präsident Klaus Kuhn zeigt sich im Gespräch mit SPORT AUS MAINZ entschlossen, die Skepsis der Vereine gegen seine Forderung nach einer rheinhessichen Kooperation für eine zweit- oder drittligareife Mannschaft zu überwinden.
HVR-Präsident Klaus Kuhn zeigt sich im Gespräch mit SPORT AUS MAINZ entschlossen, die Skepsis der Vereine gegen seine Forderung nach einer rheinhessichen Kooperation für eine zweit- oder drittligareife Mannschaft zu überwinden. | Foto: Guido Steinacker
Spieler wie TVN-Kapitän Timo Stumps, im Heimspiel gegen den TV 05 Mülheim mit 17 Treffern überragender Akteur, sind zweifellos gut genug für höhere Aufgaben. Doch die Qualität in der benötigten Breite scheint in Rheinhessen derzeit nicht vorhanden.
Spieler wie TVN-Kapitän Timo Stumps, im Heimspiel gegen den TV 05 Mülheim mit 17 Treffern überragender Akteur, sind zweifellos gut genug für höhere Aufgaben. Doch die Qualität in der benötigten Breite scheint in Rheinhessen derzeit nicht vorhanden. | Foto: Guido Steinacker

Rheinhessen. Lange 20 Jahre ist es her, dass ein rheinhessisches Männerhandballteam zum ersten und einzigen Mal seine Künste auf Bundesligaebene präsentieren durfte. Eine Erfolgsgeschichte wurde es nicht: Der TV Nieder-Olm beendete seine einzige Zweitligasaison 1993/94 mit 10:58 Punkten auf dem letzten Platz, taucht damit immerhin bis heute als einziger rheinhessischer Verein in der ewigen Zweitligatabelle auf – auf Position 151.

Während im Frauenbereich Zweitligist FSV Mainz 05 und Drittligist SG TSG/DJK Bretzenheim die Region derzeit gut repräsentieren, gibt die Sammlung glorreicher rheinhessischer Erfolge im Männerhandball bisher ein äußerst dürftiges Bild ab. Dass der TVN die hiesige Szene so lange geradezu unantastbar dominierte und dennoch nicht mehr Spuren im deutschen Spitzenhandball hinterlassen hat, ist symptomatisch für die schwache Stellung der rheinhessischen Vereine.

Auch der jüngste Drittligaausflug der Nieder-Olmer in der Saison 2011/12 war – wie zu erwarten stand – ein aussichtsloses Unterfangen (4:56 Punkte). Und was macht die Konkurrenz? Die Sportfreunde Budenheim, die ihre letzte Regionalligasaison 2009/10 auf dem vorletzten Platz beendeten, fanden sich zwischenzeitlich in der Rheinhessenliga wieder. Die HSG Rhein-Nahe, ebenfalls immer wieder einmal in der Rheinhessenliga zu finden, und die SG Saulheim ergänzen das Quartett ambitionierter Vereine, die trotz aller Anstrengungen derzeit keine Chance haben, über die Oberliga hinauszugreifen.

Stellenwert droht verlorenzugehen

„Das Leistungsniveau ist in Rheinhessen dichter geworden, um es positiv auszudrücken“, umschreibt HVR-Präsident Klaus Kuhn die aktuelle Lage – und lässt keinen Zweifel, dass ihm ein Aushängeschild lieber wäre. Nicht nur, um stolz zu sein, sondern um dem Sport den Stellenwert zu sichern, den der Handball zu verlieren droht. „Die Entwicklung im Männerhandball ist rückläufig, während sich der Frauenbereich bis auf die TG Osthofen in den vergangenen Jahren positiv entwickelt hat“, umschreibt Kuhn die aktuelle Situation auf Verbandsebene.

Im vorigen Jahr brachte die Verbandsspitze erstmals den Gedanken einer rheinhessischen Männer-Spielgemeinschaft ins Spiel, der die Topvereine ihre Topspieler zuführen sollten. Endlich könnten so die besten rheinhessischen Spieler der sportlich interessanten, aber auch aufreibenden Konkurrenzsituation und dem steten Kampf der Vereine um die rar gesäten Talente entzogen werden – letztlich zum Wohle des gesamten Handballsports, meint Kuhn.

SG Saulheim kommt ihrem Ziel keinen Schritt näher

Zum Zeitpunkt der Offensive durfte man noch hoffen, dass dem klaren Bekenntnis der SG Saulheim zum Weg in die Dritte Liga auch ein entsprechender Saisonverlauf folgen würde. Zwar war damit nicht unbedingt der Anspruch auf die Meisterschaft in dieser Saison verknüpft. Aber nach gut zwei Dritteln der Saison ist klar, dass die SG ihrem Ziel in dieser Runde keinen Schritt näherkommen wird als in den vergangenen Jahren. Ein weiterer Beleg, dass die hiesigen Vereine bestimmte Grenzen offenbar nicht aus eigener Kraft zu durchbrechen in der Lage sind.

„Die Vereine sollten stärker für Neues bereit sein“, fordert Kuhn daher. Bloße Vereinskooperationen können seiner Auffassung nach den erhofften Schwung nicht bringen. Seinen eigenen Klub führt er als bestes Beispiel dafür an: Die Spielgemeinschaft zwischen seiner DJK Bretzenheim und der TSG Bretzenheim brachte im Aktivenbereich nicht die erhoffte Konsolidierung des Abwärtstrends der Männerteams. „Bei der Fusion dachten erst alle in Bretzenheim ,Bundesliga, wir kommen‘ – inzwischen heißt es, Verbandsliga wir kommen“, muss der 63-Jährige konstatieren.

Auf einen Bereich konzentrieren

Aus dieser Erfahrung heraus lehnt Kuhn Fusionen von Mannschaften oder auch Vereinen ab. Worum geht es dem Verband also bei seinem Vorstoß? Das Modell einer SG Rheinhessen im Männerhandball meint eine Kräftebündelung. Die Klubs sollen daran arbeiten, strukturell bessere Voraussetzungen für einen Erfolg dieses Ansatzes zu schaffen. Frauen- und Männerhandball parallel in hohen Spielklassen zu unterhalten, werde die Klubs überfordern, glaubt  Kuhn. Eine SG Rheinhessen dagegen würden die Vereine mit ihren besten Spielern bestücken und sich an den Kosten beteiligen.  So wären auch finanziell gute Bedingungen für hochklassigen Handball möglich. „Dann könnten wir die Dritte oder auch Zweite Liga stemmen.“

Der Verband kennt die Meinung der Trainer der Topvereine, die daran zweifeln, dass die Bildung einer rheinhessischen Best-of-Mannschaft sportlich gesehen ein konkurrenzfähiges Drittligateam ergäbe. „Es gibt sie aber jetzt schon, die Drittligaspieler aus Rheinhessen – nur, dass sie derzeit eben nicht in Rheinhessen spielen“, sagt Kuhn mit Blick auf Akteure wie Patrick Weber (HBW Balingen-Weilstetten II) und Max Bettin (TV Groß-Umstadt).

"Die besten Trainer zum Nachwuchs"

Von einem breit aufgestellten Team, das sich in der angestrebten Ebene etablieren könnte, ist diese kurze Aufzählung noch ziemlich weit entfernt. Aber da gibt es ja noch den Nachwuchsbereich, in dem sich besonders die HSG Rhein-Nahe zuletzt große Erfolge erarbeitet hat. „Dieser Verein bringt derzeit jedes Jahr drei, vier Spieler in den Aktivenbereich, die Dritte Liga spielen könnten“, schätzt der HVR-Präsident. Natürlich ist das der richtige Ansatz, um allmählich den Erfolg selbst heranzuziehen. „Ihre besten Trainer sollten die Vereine im Jugendbereich einsetzen“, empfiehlt Kuhn daher. Und sie dazu natürlich in ausreichender Anzahl ausbilden lassen. 

Aber warum will Kuhn unbedingt ein rheinhessisches Topteam bilden, statt sich einfach der vielen Oberligaduelle zu erfreuen? Der HVR-Präsident ist überzeugt, dass der Handballsport beim Werben um den raren Nachwuchs in harter Konkurrenz zu anderen Spotarten und allerlei anderen Freizeitangeboten steht. „Wenn es keine Spitze gibt, wird der Handball uninteressant, wir brauchen Zugpferde“, betont er. „Die Spitze unterstützt auch die Breite, weil sie Vorbild ist.“ Und so zittert Kuhn auch aus rheinhessischem Interesse dem Erfolg der Nationalmannschaft bei den im Mai anstehenden WM-Qualifikationsspielen gegen Polen entgegen.

Keine Hallen für Spitzenhandball

Aber auch das Umfeld, in dem der Handballsport betrieben wird, müsste in Rheinhessen dringend aufgebessert werden, findet Kuhn angesichts der Hallensituation in der Region. Für höheren Sport, mit den heute üblichen Komfortwünschen der Fans, sieht er derzeit keine einzige Spielstätte im HVR-Bereich als geeignet an. Das sei nicht immer eine Frage des Geldes, wie sich beim Bau der neuen Mainzer Sporthalle an der Weserstraße gezeigt habe. Die sei gegen den Rat des Verbandes so ausgestattet worden, dass dort heute keine Handballspiele der höheren Spielklassen ausgetragen werden könnten. „Die Stadt baut eine Halle und hört nicht auf die Vereine – das sind Stolpersteine, die uns nicht nach vorne bringen“, kritisiert Kuhn. So verfüge Rheinhessen über viele gute Trainingshallen, biete aber nichts Konkurrenzfähiges für Spitzenhandball.

Auch das Harzverbot durch die Kommunen erwähnt der HVR-Präsident in diesem Zusammenhang, gilt doch für die Erste bis Dritte Liga von Verbandsseite aus eine Verpflichtung, in den Partien das Harzen zu erlauben.

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