Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 22.08.14

Keine Lust auf „Padernoster“

Der Ex-05er Mario Vrancic über die Erstligapremiere seines SC Paderborn, die Mainzer Jahre und seinen Durchbruch in Dortmund.
Mario Vrancic (l.) gehörte im Aufstiegsjahr zu den Schlüsselspielern des SC Paderborn. Jetzt freut der Ex-05er sich auf die Erste Liga - und auf das Auftaktspiel gegen seinen früheren Klub.
Mario Vrancic (l.) gehörte im Aufstiegsjahr zu den Schlüsselspielern des SC Paderborn. Jetzt freut der Ex-05er sich auf die Erste Liga - und auf das Auftaktspiel gegen seinen früheren Klub. | Marc Köppelmann

Paderborn. 19. Mai 2007. Im Bundesligaspiel des FSV Mainz 05 beim FC Bayern München darf Mario Vrancic in der 55. Minute aufs Feld. Die Mainzer verlieren 2:5, steigen ab und erst zwei Jahre später wieder auf.

Vrancic, schon als 16-Jähriger mit einem  Vierjahresvertrag ausgestattet, gehört zwar dem Aufstiegskader an, wechselt aber in der nächsten Saison auf Leihbasis zum Zweitligisten LR Ahlen. Ein mäßiges Jahr mit nur zwölf Einsätzen später kehrt er an den Bruchweg zurück, spielt die Hinrunde bei den 05-Amateuren in der Regionalliga – und wechselt in der Winterpause, aus dem Trainingslager heraus, zu Borussia Dortmund.

Beim BVB II, der unter Trainer David Wagner den Aufstieg in die Dritte Liga schafft, reift der Hochbegabte mit dem Hang zur Genügsamkeit vom Dauertalent zum unverzichtbaren Leistungsträger. Eine Rolle, die er in den folgenden beiden Spielzeiten auch beim Zweitligisten SC Paderborn übernimmt. Vrancic ist einer der Schlüsselspieler auf dem Weg nach oben – und nach rund sieben Jahren und drei Monaten steht der 25-Jährige vor seinem zweiten Erstligaspiel. „Wie der Zufall es wollte, geht es direkt gegen Mainz“, sagt er im Gespräch mit SPORTAUSMAINZ.de.

Hallo, Herr Vrancic, wie geht’s?

Danke, sehr gut. Und wie ist die Lage in Mainz?

Na ja, nach dem Aus in Europa League und DFB-Pokal kommt unter den Fans schon etwas Unruhe auf. Der Trainer macht allerdings einen sehr optimistischen Eindruck, was die Entwicklung der Mannschaft angeht. Auch wenn nicht ganz klar ist, wie lange es dauert, bis alles so funktioniert, wie es funktionieren soll.

Ich hoffe, dass die Mannschaft sich bald fängt. Aber in Mainz ist die Führung ja geduldig, da wird nicht zu schnell geurteilt. Aber Sie wollen mit mir ja wahrscheinlich über Paderborn reden.

Richtig. Wie ist die Stimmung bei Ihnen?

Wir freuen uns riesig auf den Sonntag. Das ist das erste Spiel des SC Paderborn in der Ersten Liga, das ist etwas ganz Besonderes. Darauf freut sich die ganze Region.

Wie weit reicht denn der Einzugsbereich?

Fast bis Bielefeld, haha. Nachdem die Arminia in die Dritte Liga abgestiegen ist, kommen immer mehr Fans zu uns.

Der Aufstieg des SC Paderborn galt allgemein als Sensation. Habt ihr das auch so empfunden?

Wir hatten natürlich nicht die finanziellen Mittel wie andere Zweitligisten, aber wir haben versucht, uns konstant weiterzuentwickeln. Und 2014, in der Rückrunde, haben wir dann angefangen, ein bisschen am Aufstieg zu schnuppern.

Das hat wohl ganz gut gerochen…

Genau, deshalb wollten wir versuchen, an den oberen drei, vier Mannschaften dranzubleiben. Die haben gepatzt, und wir sind konstant geblieben. Wir sind schon sehr selbstbewusst aufgetreten, insofern war der Aufstieg eine logische Entwicklung unserer harten Arbeit. Wir haben auch nur relativ wenige Spiele glücklich gewonnen. Übrigens war die Mannschaft schon vorher unter Roger Schmidt Fünfter gewesen; das zeigt, dass unser Aufstieg kein Zufall war, sondern ein Prozess – und irgendwann hat’s geklappt… Der Verein ist sich auch immer treugeblieben und hat gute Transfers getätigt, ohne mit Geld um sich zu werfen.

Wissen Sie, was ein Paternoster ist?

Ein was?

Ein Paternoster.

Das sagt mir nichts.

Hm, dafür sind Sie wahrscheinlich zu jung. Das ist ein Aufzug, der, ohne zu halten, auf der einen Seite nach oben und auf der anderen Seite nach unten fährt. Etwas für eine Mannschaft, die jetzt als Abstiegskandidat Nummer eins gilt…

(lacht) Aufzug fahren ist nicht unser Ziel, auch nicht in einem Paternoster. Wir sind krasser, krasser Außenseiter, das ist so, aber wir sind nicht zu Gast in der Bundesliga. Wir wollen versuchen, die Klasse zu halten; dafür werden wir alles tun.

Habt ihr Vorbilder für eure Rolle?

Eigentlich nicht. Ich weiß auch nicht, ob es jemals einen so klaren Außenseiter gab. Aber ich glaube, ein Vergleich hat auch wenig Sinn.

Zum Saisonauftakt kommt am Sonntag Mainz 05 nach Paderborn. Erwarten Sie einen verunsicherten Gegner?

Wir werden uns auf einen Gegner einstellen müssen, der mit der Asien-Connection über eine brutale Offensive verfügt. Ich weiß nicht, wie die Mainzer auftreten werden, aber Fakt ist, dass sie eine super Mannschaft haben. Wir werden einen guten Tag erwischen müssen, um sie zu schlagen. Aber wir haben keine Angst, wir werden uns auf Stärken und Schwächen der Mainzer einstellen. Vorige Saison haben wir die Spiele häufig dominiert; das wird jetzt sicher seltener der Fall sein, aber wir wollen den Fans auf jeden Fall ein schönes Spiel liefern.

Sie sind im Pokal ebenfalls gescheitert, wenn auch an RB Leipzig. War das ein Stimmungsdämpfer?

Nein, das war kein Stimmungsdämpfer. Gegen RB Leipzig kann man verlieren. Wir haben alles rausgehauen, das Spiel hätte auch anders ausgehen können. Aber wir haben es schnell abgehakt. Wir werden versuchen, die Fehler zu korrigieren, es bringt aber nichts, zurückzuschauen.

Sie haben Mainz 05 vor dreieinhalb Jahren verlassen. Ist es nach dieser Zeit noch etwas Besonderes, gegen Ihren Ex-Klub zu spielen?

Doch, schon, aber es ist nicht nur für mich ein besonderes Spiel, sondern für die gesamte Mannschaft, weil es eben unser erstes Bundesligaspiel ist. Wie der Zufall es wollte, geht es direkt gegen Mainz. Dort bin ich groß geworden, meine Familie wohnt noch in Mainz, und ich bin auch noch oft dort.

Bei Mainz 05 galten Sie als Jugendlicher als das größte Talent des Vereins. Warum hat es so lange gedauert, bis Sie in der Ersten Liga angekommen sind?

(lacht) Gute Frage. Da haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. In erster Linie war die Situation für mich als jungen Spieler schwierig. Ich habe mit 16 schon bei den Profis trainiert, und vielleicht habe ich mich selbst ein wenig zu sehr unter Druck gesetzt, vielleicht wollte ich zu früh zu viel. Hinzu kam natürlich, dass ich am Anfang meiner Profikarriere häufig mit Wehwehchen zu tun hatte, die mich zurückgeworfen haben. Ich blicke aber nicht zurück. Manche Spieler brauchen eben etwas länger…

Sie hatten damals ein Jahr lang nur wenig Spielpraxis…

…ich habe bei den Profis trainiert, aber gespielt habe ich nur 13- oder 14-mal bei den A-Junioren. Das lag aber auch daran, dass ich so häufig verletzt war. Es lief sicher nicht so, wie wir alle es uns erhofft hatten, trotzdem hatte ich in Mainz eine schöne Zeit. Und ich bin dem Verein sehr, sehr dankbar, immerhin hat er mich zum Profi gemacht.

Kann man sagen, dass Sie bei Borussia Dortmund II unter David Wagner den Durchbruch geschafft haben?

Ja, ich glaube schon. David Wagner war für mich ein super Trainer, ich habe bei ihm sehr, sehr viel gelernt. Er wollte immer wieder das Maximum aus mir herausholen, und das hat er geschafft. Er hat mir vertraut, und wir hatten ein super Jahr, das mit dem Aufstieg in die Dritte Liga endete.

Sie haben Ihre Spielweise damals verändert. Sie haben sich nicht mehr damit begnügt, ein paar schöne Pässe zu spielen oder gefährliche Standards zu schießen, sondern haben viele defensive Zweikämpfe geführt und sind viel gelaufen.

Das musste ich zwangsläufig. Wenn man merkt, es funktioniert nicht, muss man sein Spiel eben ein wenig verändern. Das hat David Wagner mit mir sehr gut hinbekommen. Das war eine optimale Mischung auf der Sechs, ich war Ballverteiler, musste aber auch lauf- und zweikampfstark sein. Das hat geklappt, und das hat auch der Mannschaft extrem geholfen. Auch Kloppo hat Anteil an meiner Entwicklung in Dortmund – ich hatte das Privileg, relativ häufig mit dem Bundesligakader trainieren zu dürfen.

Sie haben sich in diesem Sommer nach der Hochwasserkatastrophe in Bosnien für die Flutopferhilfe eingesetzt. Haben Sie noch Familie dort?

Leider nicht mehr so viel. Ich versuche aber, den Kontakt zu halten und jedes Jahr im Sommerurlaub nach Bosnien zu fahren.

Welche Resonanz haben Sie nach Ihrem Hilfsaufruf erfahren?

Einige Leute haben mir geschrieben, dass sie gespendet hätten. Ich habe selbst habe auch viele Klamotten gesammelt und sie Helfern mitgegeben, die nach Bosnien gefahren sind, um vor Ort zu helfen. Das war auch bitter nötig.

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

 

Mehr aktuellen Sport aus Mainz lesen Sie hier.

Alle Artikel von Fußball (Bundesliga)