Peter H. Eisenhuth | 07.05.26

Vom Gedankenkarussell abschalten

Emily Becker aus der Westerwaldgemeinde Waldbrunn leidet an einer chronischen Erkrankung. Das Laufen lindert die Schmerzen. Beim Gutenberg-Halbmarathon startet sie über die 10 Kilometer.
Startet am Sonntag über 10 Kilometer: Emily Becker.
Startet am Sonntag über 10 Kilometer: Emily Becker. | privat

Mainz. Laufen, sagt Emily Becker, sei schon länger ein Teil ihres Lebens. „Als Kind habe ich alle möglichen Sportarten ausprobiert, von Tanzen bis Fußball, aber irgendwie war das Richtige nicht dabei“, erzählt die 23-Jährige aus Waldbrunn im hessischen Westerwald. Während der Coronazeit schnürte sie dann die Joggingschuhe, anfangs noch unregelmäßig, vor zwei Jahren intensivierte sie ihr persönliches Training. Und für Mai 2025 hatte sie den vorläufigen Höhepunkt geplant: die Teilnahme am Mainzer Gutenberg-Halbmarathon.

Doch daraus wurde nichts, anhaltende krampfartige Unterleibsschmerzen, die auch in den Rücken zogen und mitunter ein Taubheitsgefühl in den Beinen auslösten, bremsten sie aus. Und die Diagnose, die sie im Februar vorigen Jahres erhielt, „war ein Schock, auch wenn ich das Ergebnis bereits geahnt hatte“: Endometriose. Eine zwar gutartige, aber eben sehr schmerzhafte chronische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst.

Auf alles verzichtet, was Spaß macht

„Danach habe ich mein Leben auf den Kopf gestellt“, berichtet die Erzieherin. „Therapieren kann man die Krankheit nicht, aber indem man seine Ernährung anpasst, etwas abmildern.“ Fortan habe sie sich „komplett antientzündlich“ ernährt. Kein Zucker, kein Gluten, kein Histamin. Man könnte auch sagen: Becker verzichtete auf alles, was Spaß macht. Inzwischen halte sie ihre Diät nicht mehr ganz so streng ein. „Aber im Vergleich zu meinen Freunden ernähre ich mich immer noch sehr gesund“, sagt sie und lacht.

Ihre sportlichen Ambitionen musste die junge Frau ebenfalls stark zurückschrauben, ihren Plan, sich in Richtung Triathlon zu entwickeln, konnte sie nicht weiter verfolgen. „Das Radfahren ist mir nicht gut bekommen.“ Das Laufen jedoch wollte sie nicht aufgeben, wenn auch ohne den selbst auferlegten Leistungsgedanken.

Allen Betroffenen Mut machen

„Seitdem gehe ich es entspannter an, was mir anfangs schwergefallen ist“, sagt Emily Becker, „mein Ego musste sich erst mal auf das deutlich langsamere Tempo einstellen. Aber wegen der schubweise auftretenden Schmerzen gab es immer Monate, in denen ich nicht kontinuierlich trainieren konnte.“ So, wie sie das Laufen inzwischen betreibt, lindere es die Schmerzen, „und ich kann von dem ständigen Gedankenkarussell abschalten“.

Voriges Jahr stieg sie in Mainz daher kurzfristig vom Halbmarathon auf die 10 Kilometer um, die sie auch diesmal in Angriff nehmen wird. „Mit meiner Teilnahme möchte ich allen Endometriosebetroffenen Mut machen, an die eigenen Ziele und Träume zu glauben und auf den eigenen Körper zu vertrauen. Wir sind zu vielem imstande und können alle wahnsinnig stolz auf uns sein.“

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