Kunstradfahren | Peter H. Eisenhuth | 31.12.2014

„Eine emotionale Steigerung ist nicht mehr möglich“

Die sechsmaligen Kunstrad-Weltmeisterinnen Katrin Schultheis/Sandra Sprinkmeier und ihr Trainer Marcus Klein über die schönsten Momente ihrer langen Karriere und die Gründe für den Rücktritt.
German-Masters-Gesamtsieg, Deutsche Meisterinnen, Weltmeisterinnen: Katrin Schultheis (l.) und Sandra Sprinkmeier vom RV Ebersheim gewannen 2014 alles, was es zu gewinnen hab, zuzüglich des Wettbewerbs beim 3-Nationen-Cup in Klein-Winternheim.
German-Masters-Gesamtsieg, Deutsche Meisterinnen, Weltmeisterinnen: Katrin Schultheis (l.) und Sandra Sprinkmeier vom RV Ebersheim gewannen 2014 alles, was es zu gewinnen hab, zuzüglich des Wettbewerbs beim 3-Nationen-Cup in Klein-Winternheim. | Eva Willwacher
Die Entscheidung war nicht einfach, aber Katrin Schultheis, Trainer Marcus Klein und Sandra Sprinkmeier waren sich einig: 2014 wäre nicht mehr zu toppen. Eine lange, überaus erfolgreiche Karriere findet keine Fortsetzung mehr.
Die Entscheidung war nicht einfach, aber Katrin Schultheis, Trainer Marcus Klein und Sandra Sprinkmeier waren sich einig: 2014 wäre nicht mehr zu toppen. Eine lange, überaus erfolgreiche Karriere findet keine Fortsetzung mehr. | Eva Willwacher

Ebersheim. Irgendwann musste es ja so kommen – und nach 20 Jahren auf dem Rad kann man ihnen wahrlich nicht vorwerfen, nicht lange genug bei der Stange geblieben zu sein: Anfang Dezember verkündeten Katrin Schultheis und Sandra Sprinkmeier, das erfolgreichste Kunstrad-Duo aller Zeiten, ihren Abschied vom Leistungssport.

Die beiden inzwischen 30-jährigen Athletinnen des RV Ebersheim hatten sich unter Trainer Marcus Klein elfmal hintereinander für die Teilnahme an Weltmeisterschaften qualifiziert – und sechsmal gewannen sie Gold: 2007, 2008, 2009, 2011, 2012 und 2014. Bei Deutschen Meisterschaften standen Schultheis/Sprinkmeier viermal ganz oben auf dem Podest: 2006, 2009, 2012, 2014. Und sogar achtmal feierten sie den Gesamtsieg der German-Masters-Serie: von 2006 bis 2008 und von 2010 bis  2014.

In einem ausführlichen Gespräch mit SPORTAUSMAINZ.de blickten Schultheis, Sprinkmeier und Klein auf ihre Karriere zurück. Das Gespräch erscheint der Länge wegen in zwei Teilen; im ersten Teil geht es unter anderem um die Gründe für den Rücktritt, um Perfektionismus, um die schönsten Momente der vergangenen zwei Jahrzehnte und um Geld.

 

Frau Schultheis, Frau Sprinkmeier, haben Sie Ihre Entscheidung schon bereut?

Schultheis: Nee!

Sprinkmeier: Bis jetzt noch nicht.

Aber Sie fallen nach so vielen Jahren im Hochleistungssport in ein Loch.

Schultheis: Hmmm, also erst mal ist es so, zumindest bei mir, dass durch die Weihnachtsfeiertage mit zwei Wochen Urlaub der normale Rhythmus eh durchbrochen ist. Mitte Januar wird es sich dann erstmals zeigen, ob ich etwas vermisse. Es gibt viele Dinge, die ich machen möchte, von denen ich mir immer dachte, die kann ich machen, wenn ich mal Zeit habe. Damit werde ich das Loch füllen.

Sprinkmeier: Bei mir ist es ähnlich. Jetzt habe ich sowieso frei, aber als die Schule noch lief, hat es sich angefühlt, als wäre man im Urlaub, weil ich nach Hause kam und nicht ins Training musste. Irgendwann wird sicher der Zeitpunkt kommen, an dem man denkt, jetzt würde ich gerne ins Training gehen… Aber es wird auch neue Sachen geben, die man machen kann.

Und Sie, Herr Klein, sind noch nicht reflexartig nach der Arbeit von Kaiserslautern nach Ebersheim gefahren?

Klein: Bis jetzt ist das noch nicht passiert, allerdings haben wir auch in der Vergangenheit nach einer WM ohnehin ein bisschen weniger trainiert. Und es ist, wie Katrin sagt: Es gibt viele Dinge, die man die ganze Zeit über nicht so intensiv betreiben konnte, wie man wollte. Außerdem kommt es ja auch noch darauf an, welche Aktivitäten wir noch starten – im Februar werden wir vielleicht mehr berichten können.

Ist Ihnen die Entscheidungsfindung schwergefallen, oder waren Sie sich relativ schnell sicher, dass Sie nicht mehr weitermachen wollen?

Klein: Schwierig war es auf jeden Fall, aus vielen Gründen, was aber nicht gleichzeitig heißt, dass es lange gedauert hat, bis wir uns einig waren. Wir haben zusammen 14 Jahre trainiert, die beiden fahren 20 Jahre zusammen – logisch, dass es keine leichte Entscheidung war. Die Form hat immer noch gestimmt, sonst wäre die Saison mit Sicherheit nicht so erfolgreich verlaufen…

Sie haben ja in diesem Jahr auch alles gewonnen. Germans Masters, Deutsche Meisterschaft, Weltmeisterschaft – nichts, was ihr ausgelassen hättet. Was hat den Ausschlag gegeben, die Karriere zu beenden?

Schultheis: Hmm, mit Sicherheit auch diese Titel. Nicht, dass wir gesagt hätten, wir hören nur mit Titel auf, ohne Titel müssen wir noch ein Jahr fahren. Aber ich glaube, es war schon etwas ganz Besonderes, sich in dieser engen Konstellation, wie wir sie in diesem Jahr hatten, noch mal als eindeutige Spitze abzusetzen – mit allen drei Titeln. Das war für mich ein Grund, intensiver übers Aufhören nachzudenken als in früheren Jahren. Auch, wie die Saison insgesamt verlaufen ist, mit Aufs und Abs…

Klein: Irgendwann kam die Frage, wie eine emotionale Steigerung noch aussehen könnte. Und die Antwort darauf konnten wir uns nicht geben - das ist schlicht unmöglich. Wir sind ja nicht mit Absicht das erste German Masters so schlecht gefahren, um die WM-Qualifikation spannend zu machen, aber im Endeffekt hat dieses Ergebnis das Ganze noch mal gesteigert. Wir mussten sechs Wochen um die WM-Teilnahme zittern, und an dem Tag, als wir die Qualifikation geschafft hatten, haben wir abends auch noch den Deutschen Meistertitel errungen, in einem relativ spannenden Finale. Auch die Weltmeisterschaft in Brünn ist mit den zwei Tagen nicht ganz normal gelaufen. Nach dem ersten Tag mussten wir gut analysieren, woran unser schwaches Resultat gelegen haben könnte, und wir brauchten eine Strategie, damit es am nächsten Tag besser würde. Im Finale hat die Konkurrenz erneut viele Punkte vorgelegt, aber diesmal konnten wir das überbieten. Und der Gesamtsieg der German Masters…

…war auch eine Punktlandung.

Klein: Genau. Wir mussten den letzten Wertungsdurchgang gewinnen, der Punkteabstand musste groß genug sein, und die Konkurrenz musste genau in der Reihenfolge ins Ziel kommen, in der sie ins Ziel kam. Es hat viel gepasst, sehr viel.

Beim letzten WM-Empfang in Ebersheim hat der Verein Ihnen bereits einen Reiseführer für Malaysia geschenkt – dort findet die WM 2015 statt. Wenig später haben Sie Ihr Karrierenende verkündet. Gab es Versuche, Sie umzustimmen?

Sprinkmeier: Bis jetzt noch nicht.

Oder hatten Sie vorher nicht mit vielen Leuten darüber geredet?

Schultheis: Nee, mit gar keinem (lacht). Aber meine Eltern oder mein Freund hätten sich auch nie eingemischt.

Klein: Von relativ vielen Leuten kam die Rückmeldung, dass sie es kaum glauben konnten.

Frau Schultheis, Sie haben gesagt, dass viele Dinge in den vergangenen Jahren bei Ihnen hinten anstehen mussten. Waren es unterm Strich 20 Jahre Quälerei?

Schultheis: Quälerei…?

Quälerei, die man gerne auf sich nimmt?

Schultheis: Auf jeden Fall. Wenn man sich nicht quälen würde, wäre man nicht erfolgreich. Aber man gibt sich dem ja freiwillig hin. Wir werden sicher auch wieder in Situationen geraten, in denen wir uns  quälen müssen. Aber ich meinte ganz banale Sachen, zum Beispiel, dass ich mal ein paar Wände streichen oder ein paar Bilder aufhängen könnte; das waren Dinge, für die ich mir bisher keine Zeit nehmen konnte. So richtig große Projekte…? Ich würde gerne mal einen Nähkurs machen, Nähen kann ich nicht…

Sprinkmeier: …ich auch nicht, aber ich will’s auch nicht können (lacht).

Klein: Willst Du Kleider nähen?

Schultheis: Ja, zum Beispiel. Oder endlich mal Kurse in einem Fitnessstudio belegen.

Herr Klein, Sie wohnen in Worms und arbeiten in Kaiserslautern. Die Jahre als Trainer waren für Sie mit viel Fahrerei, viel Aufwand verbunden…

Klein: Nö. Klar, man könnte die Kilometer ausrechnen, die ich gefahren bin, aber großen Aufwand haben wir alle drei betrieben. Katrin ist die letzten drei, vier Jahre von Pfungstadt aus gefahren. Das sind alles Dinge, die man bringen muss. Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Aber ich würde es nicht als besondere Belastung anführen.

Ihre härtesten Konkurrenten, Jasmin Soika/Katharina Wurster, haben ebenfalls aufgehört.

Sprinkmeier: Ja.

War das auch ein Grund, nicht weiterzumachen?

Sprinkmeier: Nee, also für mich nicht. Unsere Entscheidung ist unabhängig davon gefallen, auch wenn sie es vor uns verkündet hatten.

Wenn Sie die vergangenen 20 Jahre mit elf WM-Teilnahmen Revue passieren lassen: Was waren dann, unabhängig von einzelnen Titeln, die herausragenden Momente?

Schultheis: Am schönsten finde ich, dass immer mehr Leute uns kennen, und unsere Namen mit dem Kunstradfahren in Verbindung bringen. Als wir 2010 in Stuttgart nicht gewonnen haben, hat mir jemand beim Verlassen der Halle gratuliert, und als ich sagte, wir seien nur Zweite geworden, hat er ganz erstaunt geguckt und gefragt, wer denn noch angetreten sei. Klar, das waren Leute, die nicht umfassend informiert waren, aber ich habe aus vielen Situationen in Erinnerung, dass die Leute uns meinten, wenn sie übers Zweier-Kunstradfahren geredet haben. 

Sprinkmeier: Dazu gehört, dass bei den WM-Empfängen in Ebersheim auch diejenigen begeistert mit uns gefeiert haben, die mit dem Sport eigentlich gar nichts zu tun haben. Das waren schöne Momente.

Können Ihre Schüler etwas mit Ihrem Sport anfangen?

Sprinkmeier: Viele haben sich jetzt Videos bei YouTube angeschaut, und sie waren schon beeindruckt. Die Reaktion war meistens: „Respekt, dass Sie so etwas können.“

Klein: Abgesehen von Meisterschaften und dem steigenden Bekanntheitsgrad der beiden erinnere ich mich sehr gerne an viele Momente, in denen Übungen, über die wir uns viele Gedanken gemacht  hatten, erstmals funktioniert haben.

Im Wettkampf?

Klein: Schon im Training. Zu Anfang trainiert man fast Schema F nach einem festen Trainingsplan. Da gab es aber auch schon Schlüsselübungen, die lange nicht funktioniert haben und plötzlich passten. Es sind ja auch Übungen hinzugekommen, die vor uns noch keiner gefahren ist oder zumindest in dieser Kombination keiner gefahren ist. Da war ich dann schon sehr gespannt, ob das so funktionieren kann. Die Momente in der Trainingshalle, in denen wir solche Erfolge hatten, gab es viel öfter als große Erfolge, und für mich waren sie genauso schön.

Waren das auch selbst kreierte Übungen?

Klein: Die gab es schon. Selbst zu kreieren ist so eine Sache. Man muss eine Übung beantragen, und vielleicht ist sie vier, fünf Jahre später im Reglement. Vorher kann man gar nicht damit anfangen. Und es ist nicht einmal garantiert, ob sie tatsächlich aufgenommen wird.

Dieter Maute hat seinerzeit so lange auf die Anerkennung seines „Maute-Sprungs“ gewartet?

Klein: Wir heißen nicht Maute (lacht). Er hatte es bestimmt ein bisschen einfacher, diese Übung unterzubringen. Abgesehen davon ist der Sprung vom Sattel auf den Lenker natürlich sehr spektakulär.

Aber nicht so schwer, wie er aussieht?

Klein: Das sieht man inzwischen, dass er nicht ganz so schwierig ist. Aber er hat den Kunstradsport weitergebracht. Um eine eigene Übung ins Programm einzubauen, müsste man sie vorfahren, und wir wüssten nicht, wie viele Punkte sie im Endeffekt brächte; vielleicht würde sie so niedrig angesetzt, dass sie sich gar nicht mehr für das Programm lohnte. So langweilig war es uns denn doch nicht, dass wir unsere Zeit damit füllen wollten. Wir haben uns überlegt, wie wir aus dem bestehenden Reglement noch mal ein paar Zehntel herausholen können, um uns ein bisschen abzusetzen, um einen kleinen Vorteil zu erreichen.

Diese akribische Arbeit an einzelnen Übungen: Hat das Spaß gemacht, oder war es vor allem anstrengend?

Schultheis: Mir macht das Spaß. Eine Übung bis zur letzten Perfektion zu üben, das finde ich gut.

Das war für Sie auch eine Motivation, unabhängig davon, Titel zu gewonnen und Weltrekorde zu fahren?

Klein: Katrin ist sehr perfektionistisch.

Schultheis: Sich auch zu überlegen, wie man es anstellen kann, dass eine Übung besser wird, sich nicht dem erreichten Stand zufriedengeben, daran hatte ich Spaß. Ich glaube, auch darüber kann man der Kür einen eigenen Stempel aufdrücken, auch wenn es die gleichen Übungen sind, die die Konkurrenz fährt.

Klein: Das war ein Teil des Erfolges: Es gab keine Übung, bei der wir Abzüge in Kauf nehmen oder froh sein mussten, irgendwie durchzukommen. Die Kür war so reif, dass sie nahezu ohne Abzug gefahren werden konnte.

Schultheis: Ich glaube, meine Akribie liegt aber auch daran, dass ich mich mit neuen Übungen immer sehr schwergetan und immer sehr lange gebraucht habe, hineinzufinden…

…und wenn man dann eine neue Übung lernen muss, dann aber richtig…

Schultheis: (lacht) Das ist in den letzten Jahren leider nicht mehr passiert, aber grundsätzlich stimmt das so.

Wir hatten in einem früheren Gespräch mal darüber geredet, dass Sie mit Ihrem Sport kein Geld verdienen, sondern eher noch drauflegen – trotz aller Erfolge. Fühlen Sie sich fair behandelt von Verbänden und möglichen Geldgebern, oder glauben Sie, insgesamt zu schlecht weggekommen zu sein?

Sprinkmeier: Ob wir schlecht weggekommen sind, kann man schlecht beurteilen. Dafür müsste man sich stärker mit anderen Sportarten vergleichen. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, dass uns immer mehr Beachtung geschenkt und unsere Leistung auch stärker honoriert wurde. Von daher fühle ich mich schon fair behandelt. Natürlich kann man überlegen, dass wir viel erkämpft haben und die anderen, die nach uns kommen, das jetzt mitnehmen…

Schultheis: …das ist doch gut. Vielleicht schaffen wir für andere damit ja einen Ansporn, erfolgreich zu werden. So etwas können wir, glaube ich, als positiv verbuchen. Falls für den ein oder anderen das Finanzielle als Motivation dienen sollte…

Klein: …aber ich glaube, dann ist man nach wie vor im falschen Sport. Wir wussten, worauf wir uns einlassen. Wenn wir jetzt anfangen würden, am Finanziellen herumzumäkeln, hätten wir selbst einen  Fehler gemacht. Klar, wenn man in anderen Sportarten Weltmeister ist, hat man vielleicht sogar finanziell ausgesorgt. Aber es hat sich vieles verbessert, auch der Landessportbund Rheinland-Pfalz hat sich sehr ins Zeug gelegt und eine Möglichkeit gefunden, uns zu fördern, obwohl wir keine olympische Disziplin sind. Aber Geld war nie unsere Motivation. Die Anerkennung an sich tut gut, Kunstrad ist inzwischen auch im rheinland-pfälzischen Radsportverband eine ernstzunehmende Disziplin, eine Disziplin, auf die das gesamte Präsidium stolz ist. Das ist auch ein Lohn. Wäre es ums Finanzielle gegangen, hätten wir vor zehn, fünfzehn Jahren die Chance gehabt, etwas anderes zu machen…

Sind Sie denn unterm Strich wenigstens auf null rausgekommen?

Klein: Oh, das wäre jetzt schwer auszurechnen – aber ich glaub’s eher nicht. Was man nicht vergessen darf: Wir haben Dinge erlebt, die wir ohne Sport nie erlebt hätten. Zum Beispiel zum Empfang des Ministerpräsidenten vor der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ eingeladen zu sein…

…zu Mainz 05 mussten Sie aber auch schon, Herr Klein…

Klein: „Lotto“ hat sogar manchmal an mich gedacht, wenn es zum FCK ging.

 

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

 

Den zweite Teil des Gesprächs - unter anderem über schmerzhafte Stürze und den Moment, an dem die beiden Ebersheimerinnen ihre Karriere beinahe beendet hätten, bevor sie begonnen hatte - lesen Sie hier: "Plötzlich standen wir mit dem Rücken zur Wand".

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