Regionalliga | Peter H. Eisenhuth | 12.03.2014

Ein Pferdekuss und fünf Operationen

Es war eine normale Spielsituation: Knie trifft auf Oberschenkel. Die Folgen jedoch waren alles andere als normal: Weil der Muskel einblutete, musste Felix Dietrich, Basketballer des Regionalligisten ASC Mainz, seither fünfmal operiert werden. Und er hatte noch Glück: Wäre er einige Stunden später ins Krankenhaus gekommen, hätte gar eine Amputation gedroht. SPORTAUSMAINZ.de sprach mit dem 19-Jährigen.

Herr Dietrich, welche Folgen kann ein Pferdekuss haben?

Soll ich einfach mal die Geschichte erzählen?

Das ist vielleicht das Einfachste.

Also: Samstagabends, Spiel gegen Kronberg. Drei Minuten vor Schluss habe ich einen richtig ordentlichen Pferdekuss auf den linken Oberschenkel bekommen, wurde kurz ausgewechselt, habe die Stelle gekühlt und dann bis zum Schluss weitergespielt.

So etwas passiert häufiger …

Ja. Es war schon ein sehr starker Pferdkuss, aber nicht so, dass ich direkt gemerkt hätte da ist jetzt was kaputt. Es war eine normale Spielsituation, Knie auf Oberschenkel, das passiert schon mal. Nach dem Spiel sind wir noch in die Stadt…

… es war Fastnachtsamstag …

…genau. Irgendwann wurde das Bein immer dicker und dicker, bis ich es nicht mehr bewegen konnte. Ich wollte eigentlich ein Taxi nehmen und heimfahren, aber weil kein Taxi gekommen ist, hat ein Kumpel mir einen Krankenwagen gerufen. Zu dem Zeitpunkt war der Oberschenkel so stark geschwollen, dass ich einen richtigen Wulst über dem Knie hatte und ich das Knie gar nicht mehr beugen konnte. Dann ins Krankenhaus, nach Ultraschall, Röntgen, CT und, und, und haben die Ärzte gesagt, es handele sich um ein Kompartmentsyndrom. Der Muskel war komplett eingeblutet. Ich hatte rechts einen Oberschenkelumfang von 51 Zentimetern, links von 58.

Oh.

Allerdings. Ich wurde dann operiert, bin hier auf die Station gekommen, aber das Bein wurde wieder dick. Also musste ich nochmal in den OP, die Ärzte haben gemerkt, dass mehrere Blutgefäße kaputt sind und immer wieder einbluten. Sie sind dann von der Seite mit einem Draht zu den entsprechenden Stellen vorgedrungen und haben die Blutgefäße zugeknotet. Dann ging’s nochmal in den OP, nochmal das Bein ausbluten lassen, alles herausgeholt, was möglich war. Danach lag ich einen Tag auf der Intensivstation, dann kam ich noch mal in den OP …

… wir sind jetzt bei der vierten Operation?

Es wird nicht die letzte sein. Die Wunde ist 35 Zentimeter lang und seit der ersten OP vier Zentimeter tief offen, weil das Bein zu dick war, um zu nähen. Die Ärzte haben es dann noch mal ausbluten lassen. Am Dienstag kam dann die fünfte OP, und wenn alles gut läuft, wird das die letzte sein. Aber ich habe Glück: Es ist alles super verheilt, ich habe überall Gefühl, der Muskel ist vital, ich werde keine bleibenden Schäden davongetragen. Wäre ich ein paar Stunden später ins Krankenhaus gekommen, hätte es ganz anders ausgesehen – dann hätte es sein können, dass ich das Bein verliere.

Wie lange wird es dauern, bis alles wieder in Ordnung ist?

Sobald die Wund zu ist, darf ich mit Krücken laufen, und ich glaube, ich darf das Bein dann zumindest schon wieder teilbelasten. Der Muskel ist ja intakt. Aber jetzt liege ich hier seit anderthalb Wochen, es war Fastnacht …

… draußen scheint die Sonne …

… seit ich hier auf dem Zimmer bin, habe ich noch keine Wolke durchs Fenster gesehen. Was den Heilungsverlauf angeht: Das kann von acht Wochen bis zu sechs Monaten dauern, bis man das Bein wieder voll belasten darf. Das verläuft sehr individuell. Solche Verletzungen kommen auch nicht so häufig vor; in der Uniklinik haben sie wohl etwa fünf Fälle im Jahr.

Man geht in ein Basketballspiel normalerweise nicht mit dem Gedanken hinein, anschließend womöglich sein Bein zu verlieren. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie die Diagnose erfahren haben?

Als ich hier reinkam und gehört habe, dass es operiert werden müsse, war ich schon ein bisschen schockiert. Gut, ich hatte höllische Schmerzen, da war schon klar, dass irgendetwas passieren muss. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass es eine so lange Prozedur wird. Ich dachte: Eine OP, dann zwei, drei Tage hier, und dann ist gut. Der Folgen erst richtig bewusst geworden, bin ich mir kurz nach der zweiten OP, als die Ärzte mir auf der Intensivstation sagten, ich hatte Glück, dass der Muskel noch vital ist, dass die Nerven noch alle gesund sind. Und dass sie das Bein nicht abnehmen mussten.

Wenn Sie an dem Samstag ein Taxi bekommen hätten, wären Sie nach Hause gefahren?

Ja.

Also eigentlich gut, dass die Taxizentrale überlastet war.

Sehr, sehr gut. Und mein Glück war außerdem, dass mein Kumpel Paul Knapstein mir einen Krankenwagen gerufen hat.

Ist der vom Fach?

Er selbst macht noch Abi, aber er hat da ein ganz gutes Gespür. Sein Vater war mal Medizinischer Leiter an der Uni-Klinik.

Werden Sie künftig auf dem Feld etwas vorsichtiger agieren?

Ich bin jemand, der auf dem Feld eigentlich nicht vorsichtig sein kann, das widerspräche meiner Spielweise. Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt wird, wenn ich wieder spielen kann, aber was will man viel vermeiden? Das war eine ganz normale Situation. Natürlich war es Pech, dass der Gegenspieler sein Knie stehenließ, als ich an ihm vorbeiwollte, und wenn ich vorsichtiger bin, kriege ich vielleicht einen Ellbogen ins Gesicht, und es fliegt ein Zahn raus… Aber ich glaube, wenn der Ball da ist, kannst du nicht einfach auf „zurückhaltend“ umschalten. Ich spiele immer mit viel Herzblut, davon lebt mein Spiel, das kann ich nicht einfach zurückschrauben.

Eure Mannschaft war zuletzt insgesamt ein bisschen lädiert. Für das Spiel vorige Woche in Trier hatte Trainer Alexander Heidbrink angekündigt, dass er nur mit sieben Spielern hinfahren könne – tatsächlich waren es nur sechs Leute, und der Trainer blieb krank im Bett.

Das ist im Moment wirklich heftig. Einige krank, andere länger verletzt, der ein oder andere im Studienstress – wir können von Glück reden, dass wir in der Tabelle so stehen, wie wir stehen. Nach unten kann nichts mehr passieren, nach oben wollten wir eh nicht. Also besser jetzt, als dass so etwas am Anfang einer Saison passiert. Wir hatten zwar eh keinen riesigen Kader, aber dass so viele Leute auf einmal ausfallen, dass eine Woche lang nur drei Leute trainieren können, das ist schon spektakulär.

Wie bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf?

Wir stehen besser da als erwartet. Vor der Saison war unser offizielles Ziel der Klassenverbleib, dafür gilt die Faustregel, dass man neun bis zehn Siege braucht. Meistens sind in der Liga ein bis zwei Mannschaften, die nach oben, und ein bis zwei Mannschaften, die nach unten ausreißen. Nach unten sind das dieses Jahr Völklingen und Limburg. Ich glaube, dadurch, dass wir extrem jung sind, hat niemand auf uns gesetzt, aber wir spielen schon eine extrem gute Saison.

Die Trainer hatten im vorigen Sommer attraktiven Basketball angekündigt…

…und den bieten wir mit unserem schnellen Spiel. Mir liegt dieses Tempospiel eh, aber das passt auf die gesamte Mannschaft. Auch unsere Center sind eigentlich immer schneller als ihre Gegner. Hinzu kommt, dass die Teamchemie super passt, wir verstehen uns super mit den Coaches, und man merkt, dass das, was die Coaches sagen, auch ankommt und umgesetzt wird. Das ist nicht immer der Fall.

Voriges Jahr hattet ihr in Willie Whitfield und Ilja Ickert noch zwei, wenn man so will, Stars in der Mannschaft. Was war der Unterschied? Gefällt Ihnen das Spiel des ASC diese Saison besser?

Es ist auf jeden Fall anders. Voriges Jahr haben wir den erfolgreicheren Basketball gespielt. Wir sind Vierter geworden …

… und nur hauchdünn am Aufstieg gescheitert …

Aber wir hatten neben Willie und Ilja auch noch Kevin Luyeye, der sich riesig entwickelt hat, dazu in der Starting Five Chris Zander und Philipp Schön – da hat man schon eine Bombentruppe zusammen. Es war eine andere Spielweise, am Brett mit Willie und seinen Dunkings sicherlich spektakulärer, aber ich kann mir schon vorstellen, dass dem ein oder anderen unsere derzeitige Art, Basketball zu spielen, mit vielen Fastbreaks, besser gefällt. Für mich persönlich ist die Saison allerdings nicht ganz so gelaufen wie erhofft. Ich dachte schon, dass ich mich stärker weiterentwickeln würde.

Sie haben lange gebraucht, um überhaupt in die Saison hineinzufinden.

Das stimmt. Da lag sicher auch an der Umstellung von der Schule, wo ich in den letzten Monaten eigentlich gar nichts mehr zu tun hatte, aufs Freiwillige Soziale Jahr am Theresianum mit einer 38,5-Stunden-Woche. Das ist schon was anderes. Wenn du dann noch Jugendtraining gibst und zweimal die Woche von morgens um acht bis abends um halb elf im Einsatz bist, dann bist du irgendwann mal platt. Trotzdem macht es mir dieses Jahr mehr Spaß, mit der Mannschaft zu spielen, das System zu spielen.

Bedauern Sie es, dass nicht noch ein Topmann am unterm Korb steht, mit dem ihr vielleicht nach dem Titel greifen könntet?

Also, ich habe super gerne mit Willie und Ilja gespielt, sie haben auch eine Qualität, die man nicht so schnell findet. Gerade Ilja mit seiner Erfahrung hat mir als jungem Spieler auch im Training sehr viel weitergegeben. Er hat mich mal an die Seite genommen, hat mir Tipps gegeben. Unser jetziges Spielsystem würde mit ihnen aber nicht funktionieren. Ob ich jemanden vermisse, rein sportlich? Hm. Ich glaube, wir haben den Abgang von drei unserer besten Spieler ziemlich gut weggesteckt.

Die nächste Saison ist noch weit weg, für Sie vielleicht noch ein Stück weiter als für andere. Haben Sie trotzdem schon Pläne?

Die Verletzung wirft mich auch beruflich ein bisschen aus der Bahn. Ich wollte mich beim BKA und bei der Polizei bewerben oder Sport studieren – aber in jedem Fall muss man eine Sport-Aufnahmeprüfung absolvieren. Daran ist bei mir in der nächsten Zeit nicht zu denken. Deshalb muss ich mir wohl einen Plan B überlegen. Ich werde meine Berufsplanung zwar nicht nach dem Basketball ausrichten, aber ich würde sehr gerne in Mainz bleiben. Ich fühle mich in dem Laden pudelwohl.

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