Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 06.08.26 „Robin hat es sich verdient, da zu stehen, wo er ist“ NOCH MEHR AUS DEM BRIXENTAL (20) | Familie geht vor Karriere: Alexander Schwolow hat seinen Status als Nummer eins bei Heart of Midlothian aufgegeben und will beim FSV Mainz 05 bereit sein, wenn er gebraucht wird. Alexander Schwolow ist während des Trainingslagers zu den 05ern gestoßen und geht als Nummer zwei hinter Robin Zentner in die Saison. | Karl Reichwein Aus dem Trainingslager des FSV Mainz 05 berichteten Peter H. Eisenhuth und Oliver Nieder. Hopfgarten. Sein rasanter Ortswechsel erinnerte an Rudi Carrells „Lass Dich überraschen“-Ankündigung: „Eben noch in der Küche, jetzt auf unserer Showbühne“. Eben noch spielte Alexander Schwolow in Schottland mit Heart of Midlothian um den Einzug in die Champions League – und schon stand er auf dem Stadionrasen in Wörgl, um sich mit dem FSV Mainz 05 auf die neue Bundesligasaison vorzubereiten. Wenngleich er nur ein Jahr in Midlothian verbrachte, sei der Abschied emotional ausgefallen, erzählt er in einem Pressegespräch während des Trainingslagers seines neuen Klubs in Tirol. Zwar unterlag seine Mannschaft im Qualifikationsrückspiel gegen Sturm Graz mit 0:2, nachdem sie in Graz mit 0:4 abgebügelt worden war. „Aber viele Fans sind nach dem Schlusspfiff geblieben, um mir Danke und Goodbye zu sagen.“ Ungeachtet der verpassten Königsklasse blickt der Torhüter auf eine erfolgreiche Saison zurück. Nicht zuletzt dank seiner 17 Zu-null-Spiele wurden die Hearts schottischer Vizemeister, und rein sportlich betrachtet, sprach alles dafür, dass der Wiesbadener auch in der nächsten Saison die Nummer eins sein würde – die er in Deutschland schon länger nicht mehr gewesen war. 125 Bundesligaeinsätze für den SC Freiburg, 51 für Hertha BSC, 23 für den FC Schalke, danach aber nur noch sieben binnen zwei Jahren bei Union Berlin. Den Klub nicht mal gekannt „In Midlothian habe ich die Freude am Fußball zurückgefunden“, sagt er und verhehlt nicht, dass er gerne geblieben wäre – bei jenem Klub, „den ich nicht mal kannte, als mein Berater den Kontakt hergestellt hatte. Aber was Fußball betrifft, bin ich in den kleineren Ligen nicht so drin…“ Wie Schwolow bei seinem ersten Aufenthalt vor Ort feststellte, wunderte er sich denn auch über die Größe des Vereins, war angetan von der schönen Stadt und von den „extrem wertschätzenden“ Gesprächen. Sechs Tage später sagte er den Schotten zu und schlug ein neues Kapitel in seiner Karriere auf, in dem letztlich nur zwei Punkte fehlten zur Krönung fehlten, um die Play-offs vor den Glasgow Rangers als Meister zu beenden. Sehr gerne hätte der 34-Jährige mit der Mannschaft in der nächsten Saison einen neuen Anlauf genommen, aus familiären Gründen aber („Zwei Kinder, eine Frau“, wie er auf Nachfrage eines Journalisten zur allgemeinen Erheiterung konkretisiert) entschied er sich dagegen. Vor allem seine ältere Tochter habe sich nicht wohlgefühlt, die Sprachbarriere sei zu hoch gewesen, und als Fünfjährige wäre sie in Schottland jetzt vom Kindergarten in die Schule gewechselt. „Hätte ich es mir aussuchen können, wäre es Mainz oder Freiburg geworden“ „Deshalb mussten wir wieder in den deutschsprachigen Raum“, erläutert er die Entscheidung, die er sich nicht leichtgemacht habe. Der Prozess habe sich über mehrere Monate gezogen, schon Anfang März habe er den Sportdirektor informiert, dass ein solcher Schritt bevorstehen könnte, weil die Familie sich nicht wohlfühle. „Wir haben nach Lösungen gesucht“, sagte er, am Ende aber tat sich keine Alternative dazu auf, sich aus dem Tynecastle Park zu verabschieden und den Status als Nummer eins aufzugeben. Dafür, dass die Hearts, zu denen er ablösefrei gekommen war, auch ohne Transferentschädigung ziehen ließen, sei er sehr dankbar. „Das hätten sie deutlich schwieriger gestalten können, schließlich sind sie dadurch in die Situation geraten, einen neuen Torwart suchen zu müssen.“ Als eine Art Gentlemen’s Agreement einigten sich die drei beteiligten Parteien darauf, dass Schwolow noch die Champions-League-Qualifikation für die Schotten bestreiten solle, bevor er ins 05- Trainingslager einsteigt. Dass die Rheinhessen sein neuer Arbeitgeber geworden sind, empfindet der Keeper als glückliche Fügung. „Hätte ich mir einen Verein aussuchen können, wäre es Mainz oder Freiburg geworden“, sagt er. Nicht der dankbarste Job Nun, am Bruchweg war Bedarf entstanden, weil Daniel Batz nach Gladbach gewechselt war und Lasse Rieß für ein Jahr an Fortuna Düsseldorf verliehen wurde. Jetzt ordnet Schwolow sich zwischen Robin Zentner und dem aus der U23 hochgezogenen Maximilian Kinzig ein – oder fordert er die seit sechs Jahren unumstrittene Nummer eins heraus? „Robin hat es sich verdient, da zu stehen, wo er ist“, antwortet der Neuzugang, „er hat das überragend gemacht. Aber ich bin ambitioniert, ich werde immer Gas geben. Für mich heißt es, da zu sein, wenn ich gebraucht werden und Robin Druck zu machen.“ Die Rolle des zweiten Torwarts sei nicht immer der dankbarste Job, Schwolow kennt sie aus seiner Zeit bei Union, wo er unversehens für den verletzten Frederik Rönnow einspringen musste. In Mainz stand, weil Zentner ausfiel, Batz von Mitte Dezember bis Saisonende im Tor. „Im Fußball kann es schnell gehen“, sagt der 34-Jährige und signalisiert: Ich bin bereit, wenn ich übernehmen muss. „Auf diesem Niveau geht es um Nuancen“ Urs Fischer kennt er aus der Köpenicker Zeit, unter ihm kam er zwar nie zum Einsatz, schätzt ihn aber sehr. „Dass er in Mainz ist, hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Er arbeitet sehr präzise und hart, er ist ehrlich, das sind Eigenschaften, die ich schätze. Es war verrückt, wie nach seiner Amtsübernahme das Ruder herumgerissen wurde, vom letzten Platz bis fast nach Europa, aber nachdem ich die Jungs kennengelernt habe, weiß ich, warum.“ Mit Stephan Kuhnert gab es vor dem Trainingslager keine Berührungspunkte, nach den ersten Einheiten unter ihm jedoch waren die Beine sehr schwer. „Volumen und Intensität sind deutlich höher als in Schottland, hier verbringen wir auch mehr Zeit mit dem Torwarttrainer. Kuhnert hat bislang noch jeden seiner Keeper besser gemacht – und das könnte ihm auch mit Schwolow gelingen. Trotz des fortgeschrittenen Alters. „Es wäre schlimm, wenn ich nichts mehr lernen könnte“, sagt der. „Auf diesem Niveau geht es um Nuancen, um einen halben Meter beim Stellungsspiel, ums Timing beim Herauslaufen. Daran und auch im mentalen Bereich kann man immer arbeiten.“ Anzeige Anzeige Anzeige Alle Artikel von Fußball (Bundesliga)