Peter H. Eisenhuth | 12.05.26 Unter der Sonne gestöhnt, von der Menge verwöhnt Die Temperaturen setzen den Teilnehmern des Gutenberg-Halbmarathons zu, dennoch erreichen mehr als 10.000 Läuferinnen und Läufer das Ziel. Manch einer übertrifft sogar die eigenen Erwartungen. Um Punkt 10 Uhr schickte Oberbürgermeister Nino Haase (l.) das Feld auf die Strecke... | Eva Willwacher ...bis alle Läuferinnen und Läufer den OB, Sportdezernent Daniel Köbler (l.) und Rennleiter Jo Schindler passiert hatten, vergingen mehr als 20 Minuten. | Eva Willwacher Mainz. Manfred Lippold hat gut lachen. Der Bretzenheimer Kommunalpolitiker und langjährige Sportfunktionär steht auf der kleinen Tribüne vor der Startlinie des Gutenberg-Halbmarathons und feuert die Läuferinnen und Läufer an. Nicht den Topleuten – die rennen nach dem Startschuss von Oberbürgermeister Nino Haase schneller an ihm vorbei, als er den Mund öffnen kann. Aber die breite Masse kann sich Lippolds verbaler Unterstützung sicher sein. „Auf geht’s“, ruft er dem Pulk schon mal zu, „ihr habt’s gleich.“ Gleich, das ist in nicht mehr ganz 21,0975 Kilometern der Fall. Wobei: Wer von den 12.000 Starterinnen und Startern nicht über Meldezeiten verfügt, die ihn oder sie für die vorderen Plätze im bis Punkt 10 Uhr wartenden Feld qualifizieren, legt mitunter einen Langstreckenlauf zurück, bevor die offizielle Zeitnahme beginnt. 20:22 Minuten plus ein paar Nachzügler Sage und schreibe 20 Minuten und 22 Sekunden dauert es, bis die letzten Teilnehmerinnen an Manfred Lippold und den anderen, nun ja, VIPs vorbeikommen. Fast. Knapp zwei Minuten später tauchen noch drei Nachzügler auf; womöglich haben sie sich auf der Großen Bleiche verlaufen. Immerhin ersparen sie sich die Positionskämpfe, die der eine oder andere früher losgelaufene Athlet in der Masse für nötig erachtet. Inklusive 10-Kilometer-Lauf, Schüler-Ekiden-Staffel und dem Bambiniwettbewerb ist die Teilnehmerzahl auf 17.000 in die Höhe geschnellt. „Da kann man nicht nur, da muss man klatschen“, sagt der OB beim städtischen Empfang vor dem kleinen Zelt am Rande des Start-/Ziel-Bereichs. „Das war die richtige Entscheidung, vor drei Jahren vom Marathon auf den Halbmarathon umzusteigen“, sagt Rennleiter Jo Schindler, dessen Agentur Motion Events seinerzeit den Zuschlag der Stadt erhielt. „Ich war skeptisch, ob das funktionieren würde“, räumt Günter Beck, damals Bürgermeister und Sportdezernent, der die Entscheidung traf, die Veranstaltung aus städtischer in private Hand abzugeben. Zu groß war der organisatorische Aufwand für die Mitarbeiter der Sportabteilung geworden. „Heute weiß ich, dass wir es nicht besser hätten treffen können.“ Das beste Feld hält, was Schindler verspricht Becks Nachfolger erlebt mit dem Startschuss für die 10-Kilometer-Läufer die nächste Premiere im neuen Job. „Und es ist wirklich nix passiert, die sind einfach losgelaufen“, sagt Daniel Köbler und verrät: Beck habe ihn frühzeitig gebrieft, keine allzu großen Versprechungen zu machen; so etwas könne einem schnell auf die Füße fallen. Deshalb habe er lediglich für gutes Wetter Sorge getragen… Später muss Köbler erfahren, dass er in seinen Bemühungen übers Ziel hinausgeschossen ist. „Ein paar Grad weniger, und wir wären vielleicht schneller als der Berlin-Halbmarathon gewesen“, sagt Schindler. Doch auch so können sich die Mainzer Resultate sehen lassen: 59:14 Sekunden für den siegreichen Dennis Kipkogei, 1:08:02 Stunde für Beatrice Cheserek, die schnellste Frau – Klassezeiten. → So schnell wie noch nie. „Das beste Feld, das wir hier je hatten“, hält, was Schindler versprochen hat. Nummer zwei in Deutschland, weltweit an elfter Position. So kann man das stehen lassen, findet der Oberbürgermeister: „Wenn wir es uns hätten aussuchen dürfen, hätten wir genau diesen Platz genommen.“ Glockensprung mit letzter Kraft Mehr als 10.000 Finisher registrieren die Veranstalter, manch einer aber nimmt im Laufe des Rennens einen Platz am Straßenrand ein, sitzend oder liegend, die Sanitäter haben einiges zu tun. Nicht jeder ist in der Lage, sein Tempo zu drosseln, den äußeren Bedingungen anzupassen, wie Thorben Werner. Der setzt zwar unmittelbar hinter der Ziellinie zu einem Glockensprung an, „aber das war die allerletzte Kraft“, kommentiert er den Hüpfer wenig später, als er sich wieder erholt hat. „Heute war es so warm…“ Schon nach der Hälfte des Rennens sei ihm klar geworden, dass die angepeilte Zeit von 1:08 Stunde an diesem Tag nicht machbar sein würde, „von Kilometer 13 an habe ich die Temperaturen richtig gespürt. Dazu ein bisschen Gegenwind, dann wird es unangenehm“, erzählt der Mann von den Lex-Laufexperten Mainz und dem LAZ Rhein-Sieg. Sein Versuch, mit zwei, drei anderen zusammenzuarbeiten, scheiterte. „Die haben auch Probleme bekommen.“ Für ihn reicht es dennoch in 1:12:19 Stunde zum 21. Platz in der Gesamtwertung. In der U23 ist Werner der Zweitschnellste hinter dem Kenianer Frankline Leakakeny. Startnummer zu Hause vergessen Simon Zsebök hat zunächst ein ganz anderes Problem: „Ich habe den größten Bock überhaupt geschossen und meine Startnummer zu Hause liegen lassen.“ Ohne Startnummer aber kein Start – zumal die mit dem Chip für die Zeitnahme versehen ist. Und nun? Soll der Mann, der dank des Laufens → „Vom Fatty zum Fitty“ geworden ist und sich gezielt auf seinen ersten Mainzer Halbmarathon vorbereitet hatte, unverrichteter Dinge abziehen? Nein. Jo Schindler persönlich bringt ihn ins Organisationsbüro und sorgt dafür, dass Zsebök eine neue Startnummer erhält („Sogar meine Originalnummer, die 1002“) und sich auf die Strecke machen darf. Ohnehin sorgt das gesamte Drumherum für viel Anerkennung. „Besser kann man ein so großes Laufevent nicht organisieren“, sagt beispielsweise Oliver Nieder (2:27:08), einer der Akteure, die nicht auf der Jagd nach Bestzeiten sind, sondern die Eindrücke genießen und zum Beispiel sehen wollen, „was sich in Mombach in den vergangenen Jahren verändert hat“. Dankbar für den Häuserschatten Simon Zsebök weiß schon nach sechs Kilometern, dass es ihm nicht gelingen wird, unter 1:24 zu bleiben. „Die Temperaturen an sich waren noch okay, aber die direkte Sonneneinstrahlung war extrem hart für mich“, berichtet der 40-Jährige. „Deshalb habe ich früh Tempo rausgenommen und nur noch darauf geachtet, überhaupt anzukommen.“ Als es später in der Neustadt durch den Schatten der Häuser ging, habe er das Tempo wieder anziehen können, „aber rausholen konnte ich die Zeit nicht mehr“. Für Zsebök bleibt die Uhr bei 1:28:17 stehen. Abgesehen davon, sagt der Mann von der Mainzer LaufLeben Running Crew, sei die Strecke in Mainz mit nur drei kurzen Anstiegen perfekt – „auf jeden Fall bestzeitentauglich“. Zsebök bestätigt, was die zweitschnellste Frau im Feld sagt: „Ich habe selten so oft meinen Namen gehört“, schwärmt die Berlinerin Blanka Dörfel von der Stimmung am Straßenrand. „Die Zuschauer und die Musik tragen einen“, sagt der auf dem 236. Rang der Männerwertung angekommene Mainzer. „Da muss man aufpassen, dass man nicht überpaced.“ Nächstes Jahr will Zsebök erneut dabei sein. Dann ein bisschen schneller. Und ohne die Startnummer zu vergessen. Serratore gibt Gas Unter erschwerten Bedingungen ist Antonio Serratore an den Start gegangen – und hat sie überragend gemeistert. „Eigentlich hatte ich eine Zeit von 1:45 Stunde angepeilt“, erzählt der Fußballer der TuS Marienborn. Doch weil er am Vortag entgegen der Planungen („Wer konnte ahnen, dass wir am drittletzten Spieltag noch einen Punkt gegen den Abstieg brauchen?“) eine laufintensive Halbzeit des Verbandsligaspiels beim FC Basara (Kunstrasen, Hitze) absolvierte, hat er sein Wunschergebnis korrigiert: „Unter zwei Stunden will ich aber definitiv bleiben.“ Im Ziel hat er allen Grund, auf sich stolz zu sein: 1:39:41 – „überragend“, sagt er. „Die Menge hat mich getragen, das hat richtig Bock gemacht.“ Und scherzhaft fügt er hinzu: „Ohne das Spiel von gestern hätte ich heute richtig Gas gegeben.“ Finde den Fehler. | Eva Willwacher Simon Zsebök hatte sich seine anvisierten Durchgangszeiten auf den Arm gedruckt, musste aber schon früh erkennen, dass er dieses Tempo nicht durchhalten würde. | Peter H. Eisenhuth Stöhnte unter den Temperaturen, wurde aber Zweitschnellster U-23-Athlet: Thorben Werner. | Peter H. Eisenhuth Alle Artikel von Leichtathletik