Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 24.11.16 Warum erst jetzt? Aggressiv, gewalttätig, pyroman: 05-Vorstand droht der „aktiven Fanszene“ mit Entzug der Privilegien - und die Betroffenen verzichten von sich aus. Warum Strutz und Kollegen aber mit Stadionverbotlern über eine Fanabteilung verhandeln, müssten sie noch erklären. 05-Fans in Anderlecht. Könnten aber auch 05-Fans in Saint-Etienne oder sonstwo sein. | Peter H. Eisenhuth Mainz. Originell gewählt ist der Zeitpunkt schon: Am Dienstag hat sich der Vorstand des FSV Mainz 05 mit einer E-Mail an die „aktive Fanszene“ gewandt, in dem er das Verhalten eines Teils der 05-Fans in jüngster Zeit kritisierte und für den Wiederholungsfall den Entzug von Privilegien angedroht. Die Reaktion der betroffenen Fans: Sie veröffentlichten das Schreiben, montierten ihre Vorsängerpodeste in der Arena am Europakreisel ab, brachten sie in die Vereinsgeschäftsstelle und kündigten an, von sich aus auf alle weiteren Privilegien zu verzichten. Als da wären: der Stand der Ultra-Szene Mainz (USM) im Stadion, die Lagerung von Materialien in einem Stadionraum und die Zufahrts- und Parkgenehmigungen zur und an der Arena. Dauerkartenrückgang im Q-Block Die von der 05-Spitze angesprochenen Punkte sind größtenteils nicht neu, traten aber anscheinend in jüngster Zeit gehäuft auf. Zum Beispiel Beschwerden eigener (nicht organisierter Fans) „über das intolerante und vermehrt aggressive Verhalten von Teilen unserer aktiven Fanszene“. Mehrere Hundert Fans hätten deswegen im vergangenen Sommer sogar darauf verzichtet, ihre Dauerkarten für den Q-Block zu verlängern; auch auf Auswärtsfahrten verzichteten etliche Anhänger wegen der eigenen aktiven Fanszene. Aggressiv hätten sich die kritisierten Fans gegenüber Medienvertretern und Vereinsmitarbeitern verhalten, aggressiv und gewalttätig gegenüber gegnerischen Stadionbesuchern. Hinzu kamen ein unerlaubter Blockwechsel in Augsburg, der mehrmalige Pyrotechnikeinsatz unter anderem in Anderlecht (wodurch dem Verein wegen der zu zahlenden Strafe auch ein wirtschaftlicher Schaden entstehe). „Wir als Verein stehen in der Pflicht, die übergroße Mehrheit unserer Fans zu schützen. Die für die Vorkommnisse verantwortlichen Mitglieder der Fanszene haben für das oben genannte Verhalten keinen Rückhalt bei Mainz 05 und auch nicht bei der übergroßen Mehrheit unserer Fans und Mitglieder“, schreibt der Vorstand. Feigheit vor dem Fan? Wie gesagt, neu ist das alles nicht. Das macht die Worte und das Vorgehen der Klubverantwortlichen („Mit diesen Vorfällen ist unsere Toleranzgrenze erreicht, wir akzeptieren dieses Verhalten nicht“) nicht falsch. Aber es drängt sich die Frage auf, warum das Schreiben erst jetzt auf den Tisch kommt. Den Brief hätte der Vorstand ja auch schon in der Woche nach dem Spiel in Leipzig (wo die Fans ein Werbebanner im Innenraum abrissen) absenden können. Handelt es sich also um Feigheit vor dem Fan? Denn, nur mal so als Szenario: Wäre der Vorstand noch vor der jüngsten Mitgliederversammlung in die Offensive gegangen, hätte das womöglich Auswirkungen auf das Abstimmungsverhalten betroffener Fans gehabt. Diese hatte der amtierende Präsident und Vorsitzende in spe im Laufe der monatelangen Strukturdiskussion auf seine Seite gezogen, unter anderem mit der Zusage, eine Fanabteilung ins Leben zu rufen und den Fans einen Platz im Aufsichtsrat zu versprechen. Wohl auch deshalb scheiterte bei der Mitgliederversammlung der Antrag, die Mitglieder sollten künftig das Gehalt des Vorsitzenden festlegen – an 21 Stimmen. Mit „Ludwisch“ am Verhandlungstisch Aus Vereinskreisen war allerdings zu hören, die Führung habe die ganze Angelegenheit gar nicht öffentlich machen, sondern lediglich mit den Fans diskutieren wollen. Die Fanvertreter hingegen hätten das Gesprächsangebot abgelehnt – und veröffentlichten den Brief des 05-Vorstandes selbst. Wie zu hören ist, hat der Vorstand des FSV Mainz 05 Fragen wie die Gründung einer Fanabteilung unter anderem mit dem ehemaligen Q-Block-Vorsänger „Ludwisch“ beraten, der gerade zum zweiten Mal in seiner „Ultra“-Karriere ein bundesweites Stadionverbot absitzen soll. Wenn das stimmt, müssen sich Harald Strutz und seine Vorstandskollegen die jahreszeitlich formulierte Frage gefallen lassen, ob sie noch alle Kerzen am Christbaum haben. Nachsatz: Den freiwilligen Verzicht auf ihre Privilegien hat die „aktive Fanszene“ keinen Tag zu früh verkündet. Angesichts des Pyro-Einsatzes am Donnerstagabend in Saint-Etienne hätte der Verein diesen Schritt ansonsten wohl unternommen. Alle Artikel von Fußball (Bundesliga)