Bundesliga | red | 03.03.17

Strutz hört auf. Demnächst.

Der 05-Präsident kündigt den Verzicht auf eine erneute Kandidatur an. Auf einen sofortigen Rückzug verzichtet er allerdings auch.
Will nicht mehr kandidieren: Harald Strutz.
Will nicht mehr kandidieren: Harald Strutz. | Eva Willwacher

Mainz. Um kurz vor 10.30 Uhr am Freitagvormittag ging die Pressemitteilung des FSV Mainz 05 mit einer Erklärung des Präsidenten Harald Strutz ein. Sie bestand nur aus zwei Sätzen, die aber waren unmissverständlich formuliert.

„Im Interesse meiner Familie und im Interesse des Vereins Mainz 05 habe ich den Entschluss gefasst, zur Wahl des Vereinsvorsitzenden von Mainz 05 bei der nächsten Mitgliederversammlung nicht mehr zu kandidieren. Bis dahin werde ich die Umstrukturierung des Vereins weiter verantwortungsvoll begleiten und mich für die Gründung einer Fanabteilung einsetzen.“

Harald Strutz, der dienstälteste Präsident aller deutschen Profiklubs, zieht damit einen Schlussstrich, nachdem er lange Zeit so wirkte, als wolle und könne er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe aussitzen.

Sponsoren machten Druck

Nach Angaben der Vereinspressestelle stand Strutz für weitere Aussagen nicht zur Verfügung. Deshalb bleibt es zunächst Spekulation, was ihn zu diesem endgültigen Schritt veranlasst hat. Zu vermuten ist, dass ihm zuletzt der vereinsinterne Gegenwind zu stark wurde, nachdem auch Sponsoren Druck machten. Pentahotels hatte das Ende seines Engagements zum Saisonende angekündigt und dies mit Verweis auf das imageschädigende Verhalten Strutz‘ begründet.

„…da wir anhaltend negative Rückmeldungen aus unserem Geschäftskundenumfeld in Zusammenhang mit der Vereinsführung erhalten haben und es zu mehreren Situationen gerade mit Präsident Harald Strutz kam, in denen wir uns als langjähriger Sponsor nicht angemessen behandelt gefühlt haben“, zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Unternehmenssprecher.

Womöglich wäre auch dies noch am Präsidenten abgeglitten – angesichts des Sponsoringvolumens der Hotelkette von rund 200.000 Euro jährlich wäre der 05-Etat durch den Rückzug des Geldgebers nicht in eine Schieflage geraten. Doch auch der Hauptsponsor meldete sich zu Wort. Sein Unternehmen sei sehr besorgt wegen der vielen negativen Schlagzeilen, schrieb die FAZ nach einem Gespräch mit Peter Mrosik, dem geschäftsführenden Gesellschafter des Fensterherstellers Kömmerling. Mrosik forderte zwar weder explizit den Rückzug Strutz‘ noch drohte er mit einem Ende des Sponsorings, sagte aber: „Wir vertrauen darauf, dass die Gremien von Mainz 05 zu einer Lösung finden werden, die die beste Option für den Verein darstellt.“ Diplomatisch formuliert, bedeutet aber letztlich nichts anderes als: Entweder Strutz geht – oder wir.

Gut getroffen

Jetzt geht Strutz. Ob aus der Einsicht heraus, Schaden von jenem Verein abwenden zu müssen, den er nach seiner Amtsübernahme im Jahr 1988 mit seinen Mitstreitern vor dem Untergang bewahrt hatte oder weil ihn selbst die langjährigen Weggefährten dazu gedrängt hatten oder weil er die ganzen Diskussionen tatsächlich sich und seiner Familie nicht mehr zumuten möchte, sei dahingestellt.

Noch kurz vor Fastnacht jedenfalls hatte nichts auf einen solchen Schritt hingedeutet. Den ihm gewidmeten Motivwagen an Rosenmontag hatte er noch lässig weggesteckt. „Mein Gesicht ist gut getroffen“, kommentierte er die „Mainz klebt auf seinen Plätzen“-Nummer. „Jetzt fahre ich eben mal überlebensgroß durch die Stadt. Als Mainzer muss ich akzeptieren, was auch Politiker erdulden müssen.“

Weichen schienen gestellt

Tatsächlich hatte es auch schon lange nicht mehr den Anschein gehabt, als könne der ewige Präsident über die 9000 Euro Aufwandsentschädigung plus die 14.000 Euro juristisches Beraterhonorar stolpern, die ihm der Verein in den vergangenen Jahren monatlich überwiesen hatte. Auch die halbe Stelle als Justiziar des Landessportbundes (LSB) schien dazu nicht mehr geeignet; obschon die Gegenleistungen sich offenkundig in einem extrem bescheidenen Rahmen bewegten und zu Strutz‘ Image als Nimmersatt beitrugen, liegt das rechtliche Problem in diesem Fall beim LSB.

Dass er sich an anderen Stellen im eigenen Klub schadlos hielt oder gehalten haben soll, konnte er als Bagatellen abtun oder aber es gab keine handfesten Belege. Und erst recht niemanden, der mit Insiderwissen öffentlich nach außen trat. Oder eine organsierte Opposition, die rund um die Struktur- und Satzungsdiskussion erkennbar geworden wäre und einen Gegenkandidaten aufgebaut hätte.

Spätestens als die jüngste Mitgliederversammlung den Antrag ablehnte, das künftige Gehalt des Vereinschef solle nicht der Aufsichtsrat, sondern die Mitgliederversammlung festlegen, schienen die Weichen für weitere Jahre mit Harald Strutz an der Spitze gestellt.

Bis jetzt.

Mit seinem angekündigten Rückzug überraschte Harald Strutz selbst engste Weggefährten. „Ich wusste nichts davon“, sagte Vizepräsident Peter Arens im Gespräch mit SPORTAUSMAINZ.de, der mit Strutz seit Ende der 80er Jahre im Vorstand arbeitet. „Ich habe in den letzten Tagen viele Gespräche mit Harald geführt, ich habe ihm auch gesagt, dass die Stimmung in der Stadt gegen ihn ist. Und dass die Sponsoren sich nicht bei einem Verein mit negativem Image engagieren wollen – wir waren bis vor Kurzem ja auch immer der sympathische Verein.“

Kein klarer Schnitt

Der Vorstand habe über all die Jahre hinweg sehr gute Arbeit geleistet und dazu beigetragen, dass aus einem am Boden liegender Klub ein etablierter Erstligist geworden sei, sagt Arens. „Zuletzt war unser Ruf aber in Gefahr, darüber haben wir auch geredet. Es hatte sich aber nicht abgezeichnet, dass Harald jetzt so handeln würde.“ Auch wenn der Vorstand dem Präsidenten ganz offenkundig den Rückzug empfohlen hatte. Selbst Sportdirektor Rouven Schröder, der sich in dieser Frage lange bedeckt hielt, sagte zuletzt: „Es ist wichtig, dass wir intern den richtigen Weg einschlagen. Der Verein muss über allem stehen, auch über jeder einzelnen Person.“

Das scheint Harald Strutz jetzt auch eingesehen zu haben. Auch wenn der Hinweis auf die verantwortungsvolle Begleitung der Umstrukturierung des Vereins bis zur nächsten Mitgliederversammlung wahrlich kein klarer Schnitt ist. Und die 23.000 Euro monatlich werden bis dahin wohl auch weiterfließen.

 

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