Guido Steinacker | 13.06.14

Nur beim Elfmeter kippte die Stimmung kurz um

Beim „Public Viewing" während des Eröffnungsspiels zwischen Brasilien und Kroatien (3:1) am „Mainzstrand" war die Fangemeinde des WM-Gastgeberlandes deutlich größer als die des europäischen Herausforderers. Für die eher wenigen original Brasilianer im Publikum war das Spiel vor allem eine tolle Gelegenheit, sich wieder einmal gemeinsam beim Fußball zu vergnügen.
Feiern in Mainz: Brasilianer feierten mit Freunden zusammen am Mainzstand den 3:1-Auftaktsieg ihrer Elf bei der Weltmeisterschaft
Feiern in Mainz: Brasilianer feierten mit Freunden zusammen am Mainzstand den 3:1-Auftaktsieg ihrer Elf bei der Weltmeisterschaft | Guido Steinacker
Gespannte Erwartung vor dem Anpfiff, der Fast-Vollmond am Mainzer Himmel schaut auch zu.
Gespannte Erwartung vor dem Anpfiff, der Fast-Vollmond am Mainzer Himmel schaut auch zu. | Guido Steinacker
Entsetzen bei den brasilianischen Fans nach dem 0:1: Aber nur kurz störte das die Freude am Fußballfest.
Entsetzen bei den brasilianischen Fans nach dem 0:1: Aber nur kurz störte das die Freude am Fußballfest. | Guido Steinacker
Freude über den entscheidenden Treffer zum 3:1 auch bei einer anderen brasilianischen Gruppe am Mainzstrand
Freude über den entscheidenden Treffer zum 3:1 auch bei einer anderen brasilianischen Gruppe am Mainzstrand | Guido Steinacker
Am Ende waren die Südamerikanerinnen wie meistens nach wichtigen Spielen des Dritten der Weltrangliste hoch zufrieden.
Am Ende waren die Südamerikanerinnen wie meistens nach wichtigen Spielen des Dritten der Weltrangliste hoch zufrieden. | Guido Steinacker

Mainz. Brasilien spielt, und Brasilien muss gewinnen. Im Austragungsland der Fußballweltmeisterschaft ist die Erwartungshaltung hoch, was den Erfolg des eigenen Teams bei den Titelkämpfen angeht. Dieser Eindruck mag aber auch nur ein Zerrbild der Medien sein. Wie die Protestbewegung, die sich in den vergangenen Monaten in dem Land aufgebaut hat, deutlich zeigt, sind die Brasilianer nicht durchweg von der Idee begeistert, ein milliardenschweres Ereignis in einem Staat mit so großen sozialen Problemen auszutragen.

Wenn der Ball erst einmal rollt, spielt Politik freilich keine Rolle mehr. Jetzt wird die Leidenschaft für den Fußball gelebt –und das unter den brasilianischen Einwohnern unserer Region keineswegs in Erwartung des sechsten WM-Titels verkrampft, sondern als Partyevent. Eine super Gelegenheit für sie, unter der großen Klammer Fußball wieder einmal zusammenzukommen. So jedenfalls der Eindruck beim so genannten „Public Viewing“ zum Eröffnungsspiel der WM am Donnerstagabend am „Mainzstrand“.

Brasilien-Anhänger klar in der Überzahl

Dort wollte sich nach gesicherten Informationen von SPORTAUSMAINZ der Großteil der Mainzer Brasilianer das Spiel auf Großleinwand anschauen. Nun muss man von vorneherein sagen, dass geschätzte 80 Prozent der gelb-grünen Trikots im Publikum auf teutonischen Körpern klebten. Deren Eigentümer hängen der in Deutschland weit verbreiteten Meinung an, dass die Brasilianer einfach den coolsten Fußball der Welt spielen. Die kroatischen Unterstützer setzen sich dagegen aus Landsleuten zusammen, die im Vergleich zu den Brasilianern zwar ein Vielfaches an Bürgern in Mainz stellen, am Mainzstrand aber deutlich in der Minderheit blieben. Nur beim geschenkten Elfmeter kippte die Stimmung unter den neutralen Zuschauern kurzzeitig um, die Mehrheit wünschte Neymar bei Anlaufen einen kapitalen Lattentreffer.

Die „wahren“ Brasilianer blieben während des Eröffnungsspiels am Mainzstrand schon deshalb klar in der Minderheit, weil es so viele von ihnen hierzulande nun einmal nicht gibt. Die Bevölkerungsstatistik weist für das gesamte Rheinland-Pfalz Ende 2013 nur 1784 Bürger mit brasilianischem Pass aus, davon 75 Prozent Frauen und nur drei Prozent über 65 Jahren. Diese Relationen dürften ungefähr dem entsprechen, was sich an „original“ Brasilianern am Donnerstag am Mainzstrand einfand: durchweg junge Menschen (was allerdings für die gesamte Zuschauermasse zutrifft), die Frauen klar in der Überzahl.

Brasilianer aus der Region kamen zusammen

Etwa ein Dutzend Männer und Frauen umfasst die größte brasilianische Fangruppe des Abends am Mainzstrand, die sich aus einem Freundeskreis aus der gesamten Umgebung zusammensetzt. Ihre Mitglieder wohnen zum Teil in Kastel und Rüsselsheim, „man trifft sich bei solchen Gelegenheiten“, erläutert Sagal Liban. Die ist nun wiederum gebürtige Deutsche mit somalischen Wurzeln, aber eben als Nachbarin einer der Brasilianerinnen voll dabei.

Auch die Paraguayerin Gala Guerin fiebert in der Gruppe mit, „ich habe schließlich vier Jahre in Brasilien gelebt“, erläutert sie. Und im fernen Europa wächst eben die südamerikanische Verbundenheit. Zumal „ihre“ Nationalelf es dieses Mal nicht zur WM geschafft hat. Die Gruppe steht die schwache Anfangsphase der Brasilianer in der Partie, mit dem Eigentor zum 0:1 als Höhepunkt, locker durch. Wie überhaupt deutlich wird, dass auch ein lange drohendes 1:1 selbst der besonders mitfiebernden Brasilianerin Antonia Franca den Spaß am gemeinsamen Abend nicht verdorben hätte.

Nächstes Treffen an anderem Ort

Die große brasilianische Flagge, die Guerin lange als Trikotersatz um sich gewickelt hat, kommt erst gegen Spielende zum Einsatz. Natürlich wird der 3:1-Sieg dann doch heftig gefeiert von der Gruppe – aber auch nicht allzu lange, denn der Mainzstrand leert sich mit dem Schlusspfiff sehr bald, Mitternacht ist vorüber. Die Gruppe wird sich wiedertreffen zum nächsten Spiel ihrer Elf, aber wohl an anderer Stelle, denn der Freundeskreis nutzt die WM, um sich einige „Public Viewing“-Orte der Umgebung anzuschauen.

Ganz verlustfrei war der Abend am Mainzstrand für die Pflege der südamerikanischen Kultur in der Landeshauptstadt übrigens nicht. Am Donnerstag ist dort schließlich Salsa-Party angesagt, und die musste wegen der Fußballübertragung früher als sonst zu Ende gehen. An diesem Abend war das zumindest für die Anhänger der brasilianischen Fußballkunst freilich gut zu verschmerzen.

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