Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 13.05.2024

Motivator mit Plan

Auch wenn Bo Henriksen gerne in die Schublade des Einpeitschers gesteckt wird: Der Trainer des FSV Mainz 05 ist viel mehr als das. Er findet die richtigen taktischen Ansätze, und er macht seine Spieler besser.
Auch gegen Borussia Dortmund war Bo Henriksen an der Seitenlinie fast durchgehend aktiv.
Auch gegen Borussia Dortmund war Bo Henriksen an der Seitenlinie fast durchgehend aktiv. | Eva Willwacher

Mainz. Am Samstag trat Bo Henriksen erstmals um 17.14 Uhr in Aktion. Bevor er sich zum „Sky“-Interview am Spielfeldrand begab, lief der Trainer des FSV Mainz 05 auf die fast vollbesetzte Westkurve zu, schleuderte den Fans seine Arme entgegen, stieß die Fäuste in die Luft, versetzte die Kurve in Wallung. Solche emotionalen Ausbrüche des Dänen sind in den knapp drei Monaten seit seinem Amtsantritt schon Kult geworden, und wer Henriksen in dieser Zeit des Öfteren erlebt hat, weiß, dass daran nichts gekünstelt ist.

Der Nachfolger des taktisch versierten, aber verkopften Jan Siewert und Nachnachfolger seines Landsmanns Bo Svensson, der nach zwei erfolgreichen Jahren zunehmend lustloser wirkte, ist authentisch, wenn er lange vor Spielbeginn den Anhängern einheizt und während der 90 Minuten dauerhaft unterwegs ist. Dann treibt er seine Mannschaft nach vorne, applaudiert, schlägt nach misslungenen Aktionen schon mal die Hände vors Gesicht, wirkt aber sogleich wieder positiv auf die Spieler ein. Und wenn die Unterstützung von den Rängen laut, aber für seinen Geschmack nicht laut genug ist, rudert er mit den Armen für einen noch stimmgewaltigeren Support.

„Ich wusste nicht so recht, was mich erwarten würde“, sagt Christian Heidel, auf sein erstes Treffen mit Henriksen angesprochen. Der Mainzer Sportvorstand befand sich im Februar auf der Suche nach einem Trainer, der zunächst in die Köpfe der Spieler kommen könne, um die Blockaden zu lösen, die sich im Laufe der Saison breitgemacht hatten. „Die Mannschaft musste wieder mit dem Gedanken auf den Platz gehen, dass sie gewinnen kann. Und nicht, dass sie nicht verlieren darf.“

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Erst mal alle heißgemacht

Vor der Zusammenkunft in einem Mainzer Hotel am Fastnachtssonntag habe er sich bei Leuten erkundigt, die den 49-Jährigen schon länger erlebt hatten. „Und nachdem wir zehn Minuten zusammensaßen, hatte ich das Gefühl, das alles, was ich über Bo gehört hatte, zutrifft.“ Begeisterungsfähig, emotional, sehr offener Charakter – diesen Eindruck gewann Heidel sehr schnell von dem kurz zuvor beim Schweizer Super-League-Klub FC Zürich ausgeschiedenen Henriksen. „Als ich abends gegangen bin, war ich mir sicher, dass wir genau den Mann gefunden haben, den wir brauchen.“ An Rosenmontag erfolgte die Vertragsunterzeichnung.

Fünf Tage später gewannen die Mainzer ihr Heimspiel gegen den FC Augsburg mit 1:0, und aus der seitherigen Entwicklung lässt sich schließen, das dieses Matchglück kein Zufall war. Henriksen war es gelungen, die verunsicherten Spieler starkzureden, ihnen den Glauben an ihr Leistungsvermögen zurückzugeben. Den ließen sie sich in dieser Partie auch nicht durch einen verschossenen Strafstoß nehmen, und die 20-minütige Spielunterbrechung wegen Wurfmaterials aus den Fanblöcken steckten sie ebenfalls weg.

Wegen seiner extrovertierten Art, seines gestenreichen Auf und Ab an der Seitenlinie und der wilden Tänze, mit denen er Tore feiert, bei denen ihm das halblange Haar nicht minder wild um den Kopf fliegt, steckte mach einer ihn rasch in die Schublade des reinen Motivationstrainers. Tatsächlich bestanden auch seine ersten Pressekonferenzen vor allem aus Aussagen, die seine Spieler und die Fans heißmachen sollten auf die nächsten Aufgaben.

Sehr gut auf Mainz 05 vorbereitet

Eine solche Einordnung aber wurde und wird Bo Henriksen nicht gerecht. Damit allein wäre es den Mainzern nicht gelungen, sich am vorletzten Spieltag in die Lage zu versetzen, den Klassenverbleib aus eigener Kraft und ohne Umweg über die Relegation zu schaffen – nach dem furiosen 3:0 gegen Borussia Dortmund brauchen sie dafür am letzten Spieltag maximal einen Punkt. Deren zwölf hatten sie, als Henriksen übernahm, zwölf Punkte aus 21 Partien. Unter seiner Leitung kamen aus zwölf Spielen 20 Zähler hinzu.

Das hat viel mit den taktischen Vorgaben zu tun, die der Däne und sein Trainerstab erarbeiten und mit denen sie nur einmal danebenlagen, als sie beim 1:8 in München ins offene Messer rannten und obendrein kläglich verteidigten. Doch das blieb eine von nur zwei Niederlagen nach dem unglücklich zustande gekommenen 1:2 in Leverkusen. Von den zurückliegenden acht Begegnungen haben die Rheinhessen keine mehr verloren. Und etliche Spieler, allen voran Innenverteidiger Sepp van den Berg, hat der Däne besser gemacht.

„Zu Beginn war mir nicht hundertprozentig klar, wofür Bo inhaltlich steht“, sagt Christian Heidel. „Aber er hatte einen klaren Plan. Er war sehr gut auf Mainz 05 vorbereitet. Schon in Zürich hatte ja alles zusammengepasst“. Den FC hatte Henriksen als Abstiegskandidaten übernommen, gerettet und an die Tabellenspitze geführt. In solchen Dimensionen denkt am Bruchweg selbstredend niemand.

Parallelen zu Klopp

Henriksen habe immer ein Lächeln im Gesicht und gehe auf alle Leute offen zu, sagt der Manager. „Er ist ein Menschenfängertyp.“ Der bislang letzte 05-Trainer, der sich mit diesem Begriff charakterisieren ließ, war Jürgen Klopp, und auch wenn es Zufall ist, gibt es weitere Parallelen zwischen dem Dänen und der lebenden Mainzer Legende.

Beide kamen an Fastnacht ins Amt, beide sind beziehungsweise waren als dritter Trainer binnen einer Saison – der vom Spieler zum Coach beförderte Klopp folgte 2001 auf René Vandereycken und Eckart Krautzun – die letzte Patrone. Klopp hielt die 05er in der Zweiten Liga. Mit Henriksen ist die Mannschaft auf einem guten Weg, der Zweiten Liga zu entgehen.

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