Peter H. Eisenhuth | 17.10.2014

„40 Grad im Schatten, 1500-mal bücken“

Norbert Kramer, Vorsitzender des 1.MGC Mainz, über Minigolf als Leistungssport, die geplante Bebauung am Hartenbergpark, seine Arbeit im Stadtsportverband und die 50-Jahr-Feier seines Klubs.
Der Chef: Norbert Kramer (mit einem Ball der EM 1992 im schweizerischen Grenchen) steht seit 2005 an der Spitze des 1.MGC Mainz.
Der Chef: Norbert Kramer (mit einem Ball der EM 1992 im schweizerischen Grenchen) steht seit 2005 an der Spitze des 1.MGC Mainz. | Peter H. Eisenhuth
Als die Minigolfanlage im Volkspark noch adrett war: Mitglieder des 1,MGC Mainz in den 60er-Jahren.
Als die Minigolfanlage im Volkspark noch adrett war: Mitglieder des 1,MGC Mainz in den 60er-Jahren. | MGC Mainz
Mitbegründer und Mitglieder des 1.MGC Mainz im Jahr 1965 (v.l.): Friedrich Egli, Dietmar Pertgen, Mildred Weiß, Sylvia Hauser, Manfred Stapf, Monika Stapf, Monika Jertz, Günther Jertz, Heinz Paucken, Ingeborg Bäcker, Willi Schumacher.
Mitbegründer und Mitglieder des 1.MGC Mainz im Jahr 1965 (v.l.): Friedrich Egli, Dietmar Pertgen, Mildred Weiß, Sylvia Hauser, Manfred Stapf, Monika Stapf, Monika Jertz, Günther Jertz, Heinz Paucken, Ingeborg Bäcker, Willi Schumacher. | MGC Mainz

Mainz. Die Vielzahl der nationalen und internationalen Erfolge aufzulisten, die der 1.MGC Mainz in seiner bisherigen Geschichte gesammelt hat, würde selbst im Internet den Rahmen sprengen. 2014 ist gleichwohl ein besonderes Jahr für die Minigolfer aus dem Hartenbergpark: Sie feiern das 50-jährige Bestehen ihres Vereins. SPORTAUSMAINZ.de sprach darüber mit dem Vorsitzenden Norbert Kramer (58).

Herr Kramer, wann hatten Sie zum ersten Mal einen Minigolfschläger in der Hand?

(wie aus der Pistole geschossen) 1970.

Sehr gut. Wissen Sie auch noch den Tag?

(lacht) Das Datum weiß ich nicht mehr, nein. Aber ich bin in der Göttelmannstraße aufgewachsen, da ist die Minigolfanlage im Volkspark ja nebenan, das habe ich zusammen mit meinem Cousin angefangen, Minigolf zu spielen. Mein Cousin ist nach einem Jahr abgesprungen, ich bin dabei geblieben.

Und irgendwann Vorsitzender geworden…

…2005. Nachdem ich schon 15 Jahre Zweiter Vorsitzender war.

Wie verlief die Entwicklung von dem Jungen, der in seiner Freizeit mal zum Minigolfen über die Straße in den Park geht, bis hin zu einem Mann, der in Amt und Würden kommt?

Wir hatten damals sehr engagierte Vorstandsmitglieder, zum Beispiel Gernot Eller, der leider viel zu früh mit 44 Jahren plötzlich verstorben ist. Er hat sich rührend um die damals drei, vier Nachwuchsleute gekümmert, er hat uns mitgenommen. Wir waren von Ostern bis Oktober jedes Wochenende irgendwo auf einem Turnier. Das hat großen Spaß gemacht.

Also sind haben Sie relativ schnell den Einstieg ins „professionelle“ Minigolfen gefunden.

Das war damals schon der MGC?

Richtig. Die „Pistenteufel“ haben sich 1970 vom MGC abgespalten…

…aber beide Vereine haben im Volkspark gespielt?

Bis 1975 die Anlage im Hartenbergpark gebaut wurde und wir umgezogen sind.

Sie feiern jetzt 50-Jähriges. Was bedeutet das für den Verein?

Man muss sehen, dass wir eine sehr junge Sportart sind. Minigolf gibt es in organisierter Form erst 60, 65 Jahre. Insofern sind wir ein Verein, der relativ früh dabei war und sich stetig weiterentwickelt hat. Ich kann schon stolz sagen, dass wir der erfolgreichste Verein bundesweit sind, was die sportlichen Erfolge angeht. Und von der Mitgliederzahl her gehören wir zu der Handvoll Vereine, die über 100 Mitglieder haben. Und das alles ehrenamtlich, das macht einen schon stolz.

Wie viele Aktive sind unter den mehr als 100 Mitgliedern?

Von 120 Mitgliedern haben mehr als die Hälfte einen Spielerpass. Den bracht man, um Turniere spielen zu dürfen. Insofern kann man ganz gut zwischen Aktiven und Passiven unterschieden. Bei den Passiven sind viele Ehemalige, die auch jetzt zur Jubiläumsfeier kommen, die dem Verein noch nach Jahrzehnten die Stange halten, obwohl sie gar nicht mehr in Mainz sind. Das zeigt ja auch, dass sie sich bei uns wohlgefühlt haben, sonst würde sie austreten und die Mitgliedsbeiträge sparen. Aber sie bleiben dabei und unterstützen uns.

Minigolf wird in der Regel als Freizeitvergnügen wahrgenommen – da geht man mal über die Straße zum Spielen in den Park – aber nicht als Sport. Das sehen Sie wahrscheinlich ganz anders.

Mit dieser Annahme werden wir ständig konfrontiert. Ich bringe dann immer das schöne Beispiel: Europameisterschaft in Portugal bei 40 Grad im Schatten, da sollen sich die Leute mal hinstellen und sich 1000-, 1500-mal am Tag bücken. Wer’s packt, der weiß hinterher, was er getan hat. Und es ist ja nicht nur die körperliche Anstrengung, sondern man muss auch mental fit sein. Diese Kombination zwischen körperlicher Fitness und geistiger Anspannung, macht Minigolf zum Leistungssport. In der Spitze, nicht in der Breite.

Wer spielt Minigolf auf gehobenem Niveau? Woher kommen ihre Aktiven?

Wir rekrutieren viele Leute über Mund-zu-Mund-Propaganda, sprich, ein Mitglied bringt mal jemanden mit, der dann Gefallen daran findet. Wir haben auch viele Mitglieder über unser Jedermann-Turnier gewonnen, das es schon auf der alten Anlage im Volkspark gab.

Oder man heißt Szablikowski und ist qua Geburt dabei…

Auch die ganzen Szablikowskis haben wir übers Jedermann-Turnier gewonnen, die sind das beste Beispiel dafür. Das zeigt, dass man an die Öffentlichkeit gehen muss. Wir haben transportable Bahnen, wir treten bei der „Meile des Sports“ und anderen Veranstaltungen auf, um für unseren Sport zu werben. Das klappt eigentlich ganz gut.

Der MGC weist gerne mal darauf hin, der erfolgreichste Mainzer Sportverein zu sein. Fühlen Sie sich als solcher auch ausreichend gewürdigt, oder haben Sie Grund, zu klagen?

Also, von Politik und Öffentlichkeit werden wir gewürdigt, da können wir uns nicht beschweren. Sie haben ja beispielsweise auch gesehen, dass der Oberbürgermeister zu unserer Sportlerehrung gekommen ist. Das sind kleine Zeichen der Würdigung, die den Aktiven natürlich guttun. Woran es hapert, sind Sponsoren. In dieser Hinsicht kriegen wir einfach keinen Fuß auf den Boden, aber da tun sich ja auch andere Randsportarten wie die Radballer oder die Kunstradfahrer schwer. Wir können unseren Sportbetrieb finanzieren, weil wir die vereinseigene Anlage im Hartenbergpark haben.

Die wirft Geld ab?

Ja, die wirft ein bisschen Geld ab. Unsere Leute arbeiten ehrenamtlich beziehungsweise mit einer geringen Aufwandsentschädigung auf 400-Euro-Basis.

So ganz billig ist es ja wahrscheinlich nicht, die Aktiven zu den Ligaspieltagen und Turnieren zu schicken.

Zu Bundesligaspieltagen wird grundsätzlich donnerstags angereist, das sind dann schon mal drei Übernachtungen für die Mannschaft. Eventuell fahren die Spieler schon am Wochenende vorher hin, um zu trainieren, falls es eine unbekannte Anlage ist. Das geht schon ins Geld. Um eine Größenordnung zu nennen: Wir haben Mitgliedseinnahmen von 6000 Euro im Jahr, und der Spielbetrieb kostet um die 40.000 Euro. Dieses Geld muss über den kleinen Gewinn auf dem Minigolfplatz, aber auch über Spenden und Sponsoren hereinkommen. Da ist natürlich auch der Vorsitzende gefragt beim Klinkenputzen.

Das heißt, Sie laufen mehr von Tür zu Tür als von Bahn zu Bahn…

Leider. Ich würde gerne wieder spielen, ich war ja auch früher sehr erfolgreich. Aber wenn ich auf die Anlage komme, warten so viele Mitglieder mit ihren Anliegen. Und wenn ich etwas mache, mache ich es richtig.

Von welchem Alter an nehmen Sie Mitglieder auf?

Nicht unter acht Jahren. Besser ein bisschen reifer, weil ein gewisses Maß an Disziplin muss dabei sein. Wenn die Kinder zu jung und zu verspielt sind, ist der Betreuungsaufwand zu groß. Dann wären wir eher ein Kindergarten als ein Sportverein… Wir bieten im Sommer ja Ferienkartenturniere an, es gibt an Pfingsten das Familiensportfest, und wir weisen auch niemanden ab, der mittwochs zu unserem Trainingsnachmittag kommt und da mal reinschnuppern will.

Und bis zu welchem Alter hat es Sinn, einzusteigen, wenn man gut werden will?

Unsere erfolgreichsten Spieler haben in der Jugend angefangen. Es geht auch noch später, aber man stößt irgendwann an Grenzen.

Der Aufwand ist gewaltig, wenn man sieht, mit welchen Ballkoffern die Spieler unterwegs sind.

Sagen wir mal so: Von der Optik her ist das manchmal bisschen abstoßend.

Oh, ich hätte gesagt: beeindruckend.

Hm, es hält auch den einen oder anderen ab, wenn er sich ausrechnet, wie viele Bälle er sich kaufen muss und dass ihm das zu teuer wird.

Wie teuer sind Bälle?

16 Euro der normale Ball. Und wenn es ein guter Ball ist, geht der Preis bis 70, 80 Euro hoch. Aber den kaufen wir auch nur einmal im Verein und geben den beim Turnier weiter. Klar, wenn ein Spieler mit 300 Bällen herumläuft, sind das locker 5000 Euro. Aber wir stellen am Anfang ja Bälle zur Verfügung – es muss sich also niemand in Unkosten stürzen.

Es gab seit 1970 zwei Minigolfvereine…

…es g i b t zwei Vereine

Ach. Den MSV Pistenteufel gibt es noch?

Auf dem Papier existiert er noch. Aber viele Spieler aus dem Volkspark trainieren bei uns, und wir lassen sie spielen. Wir sind da großzügig.

Die Anlage im Volkspark ist ja auch ein wenig heruntergekommen…

…und leider werden wir dafür verantwortlich gemacht. Die Leute meinen, es gehöre alles zusammen.

Ich erinnere mich, dass auch der Oberbürgermeister bei Ihrer Meisterehrung erzählt hat, ihm sei zu Ohren gekommen, Ihre Anlage sei nicht in Ordnung – und sich dann über den tadellosen Zustand gewundert hat.

(lacht) Ja, da hat er nebendrangegriffen.

Wie viel Zeit stecken Sie in den Erhalt der Anlage?

Wir haben momentan einen Mitarbeiter, der sich jeden Morgen zwei, drei Stunden um die Sauberkeit des Platzes. Alles andere müssen wir in gemeinsamen Aktionen machen, und die beschränken sich meist aufs Wochenende.

Sie engagieren sich außerdem im Stadtsportverband…

…ich habe mich früher mehr engagiert, aber ich habe mich in diesem Frühjahr etwas zurückgezogen, weil ich ein bisschen frustriert bin über die Art und Weise, wie schon in diesem Bereich politisch gehandelt wird. Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen, nur um politisch etwas durchzusetzen. Deshalb bin ich ins zweite Glied zurückgetreten und nur noch als Beisitzer aktiv. Wenn ein Politiker vor mir steht, und erzählt mir etwas vom Krieg, und ich weiß genau, dass ich es besser weiß – das ist keine Welt für mich. Deshalb habe ich mich etwas zurückgenommen, wobei ich aber die Notwendigkeit sehe, dass der Stadtsportverband daran mitwirkt, den Sport voranzubringen. Im Großen und Ganzen klappt das auch. Aber ein paar Sachen gefallen wir nicht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Schlammschlacht um die geplante Bebauung am Hartenbergpark. Da wird von beiden Seiten nicht offen und ehrlich miteinander gesprochen. Da gibt es viele Termine mit Politikern, aber die rücken alle nicht mit dem heraus, was sie wissen. Dabei ist das alles, glaube ich, beschlossene Sache.

Wie verhält sich der MGC in dieser Frage?

Wir sind in dieser Sache neutral, weil die Bebauung uns im Prinzip nicht betrifft. Was uns betrifft, aber das ist existenziell, ist die Parkplatzproblematik. Bislang konnten wir, wenn wir beispielsweise Deutsche Meisterschaften ausgerichtet haben, die 20 Parkplätze vor der Peter-Jordan-Schule mit einem Gitter sperren und komplett für die Teilnehmer reservieren. Diese Parkplätze sollen im Zuge der Bebauung wegfallen, und ich weiß nicht, ob wir jemals wieder eine Großveranstaltung ausrichten können, ohne dass wir da oben Parkplätze haben.

Gibt es keinen Ersatz?

Bürgermeister Günter Beck hat gesagt, es sei kein Problem, er könne uns 30 Stellplätze im Parkhaus in der Wallstraße besorgen.

Aber?

Nee, das ist zu weit weg. Wenn man zig Ballkoffer schleppen muss, braucht man Parkplätze in der Nähe. Aber das ist auch unser einziges Problem mit der Bebauung. Ansonsten darf man die Sache nicht zu sehr verteufeln – vielleicht fällt sogar das ein oder andere neue Mitglied für uns ab, wenn neue Wohnungen entstehen.

Jetzt steht erst einmal die Jubiläumsfeier bevor. Was ist geplant?

Wie haben ins Restaurant des Landtages zu einer Jubiläumsveranstaltung eingeladen, für die 134 Leute zugesagt haben, unter anderem kommen 25 Ehemalige aus ganz Deutschland zusammen. Von Hamburg bis München kommen sie angereist und freuen sich alle aufs Wiedersehen. Es wird aber keine akademische Feier, bei der die Leute nur herumsitzen und Reden zuhören, sondern wir werden das auflockern mit Gesprächsrunden über die Geschichte, die sportlichen Erfolge und die Perspektiven des Vereins reden. Klaus Hafner hat sich bereiterklärt, die Moderation zu übernehmen – das wird mit Sicherheit eine lockere Sache werden. Als zweiten großen Block nach der Hauptspeise haben wir Mitmachaktionen geplant, in die alle Gäste einbezogen werden. Unter anderem auch Quizfragen zu unserem Jubiläumsfilm, den wir am Anfang der Feier zeigen.

Mit Szenen aus der Gründerzeit?

In der Bauzeit 1975 sind viele Super-8-Filme gedreht worden, die habe ich alle digitalisieren lassen, und einzelne Sequenzen haben wir im Jubiläumsfilm aneinandergereiht. Eine sehr schöne Szene ist zum Beispiel die Einweihungsrede des damaligen Baudezernenten Dr. Dahlem, der sich schon vor der Veranstaltung Bier und Schnaps gegönnt hat und dann bei seiner Rede fast nach hinten vom Podest gekippt ist. Die Leute hatten großen Spaß. Daran können sich zwar höchstens noch 15 Mitglieder erinnern, aber dieser Ausschnitt durfte im Film nicht fehlen.

Sie sind Einsatzleiter der Polizei, am Samstag spielt Mainz 05 gegen den FC Augsburg, und die Gästefans haben eine Demonstration angemeldet…

Ich sehe dem Tag mit Schrecken entgegen, aber ich hoffe für die Kollegen, dass alles friedlich bleibt. Ich selbst habe am Samstag frei, aber ich komme aus dem Nachtdienst. Mir macht der Beruf immer noch Spaß, aber es wird zunehmend anstrengend. Aber mit 60 darf ich in Pension gehen, weil ich die ganzen Jahre im Wechselschichtdienst tätig war.

Und dann haben Sie wieder Zeit, Minigolf zu spielen.

Dann habe ich wieder Zeit zu spielen, aber ich vermute, dass dann auch noch andere Aufgaben auf mich zukommen. Unsere Platzwarte sind nicht mehr die Jüngsten – die freuen sich, wenn irgendwann der Nachwuchs kommt…

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

 

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