ronja kieffer | 25.04.2020

„Das lasse ich mir nicht von Corona kaputtmachen“

SPORTLEREHRUNG: Jason Osborne darf wieder ins Boot steigen. Für den Leichtgewichtsruderer des MRV beginnt damit die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. In Tokio will er nächstes Jahr mit Jonathan Rommelmann im leichten Zweier eine Medaille gewinnen.
Jason Osborne gehört zu den Glücklichen, die ihren Sport wieder ausüben dürfen...
Jason Osborne gehört zu den Glücklichen, die ihren Sport wieder ausüben dürfen... | Bernd Eßling
...wenn auch vorerst nur als Einzelkämpfer...
...wenn auch vorerst nur als Einzelkämpfer... | Bernd Eßling
...aber doch immerhin im Boot auf dem Wasser.
...aber doch immerhin im Boot auf dem Wasser. | Bernd Eßling

Die traditionelle Sportlerehrung der Stadt Mainz musste in diesem Jahr coronabedingt entfallen – SPORTAUSMAINZ.de stellt stattdessen einige der zu Ehrenden vor. Die Palette reicht von Rand- bis zu olympischen Kernsportarten.

 

Mainz. Kaum eine Geschichte beginnt derzeit ohne das Virus: In den vergangenen Wochen hat die Coronaepidemie bundesweit auch den Rudersport lahmgelegt. Auch in Mainz war das Training auf dem Wasser nicht erlaubt. Jetzt wird der Betrieb am Mainzer Winterhafen langsam wieder aufgenommen, allerdings erst mal nur für die Leistungssportler und unter strengen Auflagen: Trainiert werden darf ausschließlich im Einer, auf dem Bootsplatz und am Steg müssen die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden, die Gebäude – Bootshallen, Kraftraum, Umkleiden – bleiben geschlossen.

Jason Osborne ist froh, endlich wieder aufs Wasser zu dürfen. „Ich muss jetzt erst einmal wieder reinkommen und ein Bootsgefühl entwickeln“, erklärt der Mainzer Ausnahmeruderer. „Das geht nicht von jetzt auf gleich, aber wir können da ganz entspannt rangehen, wir haben ja keinen Zeitdruck.“ Denn selbst wenn die Europameisterschaften in Poznan im Oktober stattfänden, wäre dies der einzige Wettkampf in diesem Jahr.

Viel wichtiger: Die Olympischen Sommerspiele in Tokio, auf die Osborne und Jonathan Rommelmann, sein Partner im Leichtgewichts-Doppelzweier, sich seit Monaten vorbereiten, sind auf Juli/August 2021 verlegt worden. Jason Osborne nimmt es locker: „Man kann die Verschiebung auch positiv sehen: Dadurch haben wir mehr Zeit fürs Training und mehr Chancen, uns weiterzuentwickeln.“

Nach Olympia aufs Rad

Was für den 26-Jährigen und seinen Bootspartner in Tokio möglich ist, hat sich schon im vorigen Jahr angedeutet, als das Duo zweimal Edelmetall einheimste. Bei der EM in Luzern ruderten Osborne/Rommelmann in ihrem ersten gemeinsamen großen Rennen zum Titel, wenige Monate später gab's bei der WM in Linz Bronze. Eine Olympiamedaille wäre entsprechend der Höhepunkt in Osbornes Ruderkarriere – und gleichzeitig ihr Ende. Nicht (nur) weil das Leichtgewichtsrudern in Tokio wohl zum letzten Mal olympisch sein wird.

Osborne zieht es ohnehin vom Wasser auf die Straße: Er verfolgt eine Karriere als Radprofi, und erste Erfolge in Kombination mit dem berüchtigten Ehrgeiz des MRV-Akteurs lassen vermuten, dass eine solche durchaus im Bereich des Möglichen ist. In den vergangenen Wochen hat seine zweite sportliche Leidenschaft jedenfalls dafür gesorgt, dass er ohne Konditionsverluste wieder ins reguläre Training einsteigen konnte.

Er habe täglich mehrere Stunden auf dem Rad gesessen, berichtet Osborne: „Ich habe zu 80 Prozent auf dem Rad trainiert, ergänzt mit Einheiten auf dem Ruderergometer zu Hause.“ An Grundlagen fehle es ihm daher definitiv nicht. „Der Trainingsumfang ist auf dem Rad ist höher als beim Rudern, eine Standardeinheit dauert rund drei Stunden“, erklärt er. Lediglich die spezifische Belastung im Boot müsse er sich jetzt wieder erarbeiten.

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Nur kurz gehadert

Damit, dass er angesichts der Olympiaverlegung nun auch seine sportlichen Pläne um ein Jahr aufschieben muss, habe er nur kurz gehadert. „Ich habe anfangs natürlich schon überlegt: Was willst du jetzt?“, erzählt er. „Aber dann war mir schnell klar, dass ich zehn Jahre harter Arbeit nicht über den Haufen werfen will und es jetzt in Kauf nehmen muss, meine Radkarriere um ein Jahr zu verschieben. Die Olympiamedaille ist greifbar nahe, das lasse ich mir nicht von Corona kaputtmachen.“ Zumal er im Radsport ohnehin noch länger mitfahren könne: „Die meisten Radfahrer erreichen den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit erst in den Dreißigern.“

Eine weitere zumindest indirekte Folge des Virus war für Jason Osborne derweil nicht ganz so einfach zu verarbeiten: Statt wie ursprünglich geplant im September, nach Abschluss des Olympiazyklus, verlässt sein langjähriger Trainer Robert Sens nun schon nächste Woche den Winterhafen, um seine neue Stelle als österreichischer Nationaltrainer anzutreten. „Das war natürlich schon ein kleiner Schock“, gibt Osborne zu. „Aber wir haben mehrere Gespräche geführt, in denen Robert mir seine Lage erklärt hat. Ich kann seine Entscheidung verstehen, ein solches Angebot bekommt man nicht alle Tage.“

Tschäge übernimmt von Sens

Zudem reißt der Kontakt nicht ab, Sens wird sein individueller Trainer bleiben. Insofern ändere sich letztlich gar nicht so viel. „Ich habe schon immer viel selbstständig trainiert. Ob Robert in Bechtheim ist oder in Wien, ist eigentlich egal“, meint Osborne. Neue Trainerin des leichten Zweiers wird voraussichtlich Sabine Tschäge, derzeit bereits Heimtrainerin von Jonathan Rommelmann, die ihren Job als Junioren-Bundestrainerin wohl an den Nagel hängen wird, um sich ganz der Olympiavorbereitung des Duos zu widmen. „Von meiner Seite aus ist das voll in Ordnung“, bekräftigt Jason Osborne mit Blick auf den anstehenden Wechsel, der offenbar nur noch formal festgezurrt werden muss.

Auch in dieser Beziehung wird sich der Vorzeigeathlet des MRV in seinem letzten Jahr als Profiruderer wahrscheinlich nur auf kleinere Neuerungen einstellen müssen: „Unser Trainingssystem war bisher erfolgreich, daher machen wir ohne großartige Veränderungen weiter. Sabine sieht das genauso.“

 

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