Dritte Bundesliga | Gert Adolphi | 05.05.15 „Die Abteilung hat mich im Regen stehen lassen“ Patrick Jahn, der ausgeschiedene Tischtennis-Chef des FSV Mainz 05, über den sportlichen Höhenflug der vergangenen Jahre, die fehlende Unterstützung aus den eigenen Reihen, das geplante Leistungszentrum und über die Chance, die sein Rückzug dem Verein bietet. Mit dem Ende der Saison verabschiedeten sich nicht nur die Drittligaspieler Frederick Jost, Ondrej Bajger und Benjamin Bator vom FSV Mainz 05. Auch Abteilungsleiter Patrick Jahn (2.v.l.), der die Abteilung aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat, zog sich nach fünf Jahren an der Spitze zurück. | Gert Adolphi Mainz. Die Tischtennis-Abteilung des FSV Mainz 05 hat eine neue Führung: Werner Döbbelin ist Nachfolger von Patrick Jahn, der bei der jüngsten Abteilungsversammlung nicht mehr kandidierte. In Jahns fünfjähriger Amtszeit hat sich ein deutlicher Aufschwung vollzogen. Dank einer stärkeren Professionalisierung stieg die Erste Mannschaft von der Oberliga bis in die Zweite Bundesliga auf und musste nur wegen der Ligareform zurück in die neu gegründete Dritte Liga. Auch die Zweite Mannschaft erlebte einen Höhenflug, schaffte es aus der Verbandsliga bis in die Regionalliga, aus der sie allerdings am Ende der abgelaufenen Runde wieder abgestiegen ist. Zum Ende seiner Amtszeit schob der 35-jährige Risiko-Controller einer Bank noch ein neues Projekt an: Unter dem Dach von Mainz 05 soll ein Tischtennis-Leistungszentrum entstehen. SPORTAUSMAINZ.de sprach mit Jahn über dieses Projekt und seine Arbeit in den vergangenen Jahren. Herr Jahn, was haben Sie bei Ihrem Amtsantritt bei Mainz 05 vorgefunden? Wir hatten damals vier Herrenmannschaften und eine halbe Jugendmannschaft. Ich habe gemerkt, dass die Mannschaften in sich ziemlich geschlossen waren und sich weitgehend selbst organisiert haben. Wie haben Sie die Abteilungsleitung wahrgenommen, bevor Sie sich für das Amt zur Verfügung gestellt haben? Mein Vorgänger Thomas Fleischer war in einer ähnlichen Situation wie ich jetzt; er konnte aus beruflichen und familiären Gründen nicht präsent sein. Die Mannschaften waren daher sehr sich selbst überlassen, es gab wenig Durchlässigkeit. Ich hoffe, ich konnte das in den vergangenen fünf Jahren etwas aufbrechen. Was hat Sie damals bewogen, die Abteilungsleitung zu übernehmen? Die Erste Mannschaft war in die Oberliga abgestiegen, die Zweite spielte in der Verbandsliga weit unter ihren Möglichkeiten. Ich dachte mir: Wenn man es schafft, die Leute an einen Tisch zu bringen, könnte man eine Solidargemeinschaft erzeugen und ein gemeinsames sportliches Ziel ausgeben. Dann könnte man Synergien erzeugen und die Mannschaften auch in anderen sportlichen Bereichen etablieren. Ich muss auch sagen, dass Vorstand des Vereins die Abteilung in den fünf Jahren super unterstützt hat. Sie haben honoriert, dass sich die Abteilung professionalisiert hat. Aus meiner Sicht haben Sie die Abteilung aus einem langandauernden Dornröschenschlaf geweckt. Vielen Dank! Was man nicht vergessen darf: Damals kamen 20 Zuschauer. Es wurde nichts angeboten. In diesem Jahr hatten wir wieder einen sehr enttäuschenden Zuschauerschnitt, was auch daran lag, dass ich nicht mehr so präsent war und nicht mehr die Werbetrommel gerührt habe. Umso wichtiger ist es jetzt, dass man das nicht weiter einschlafen lässt. Man hat das auch an den Spielern gemerkt, die in dieser Saison gerade so ihr Soll erfüllt haben. Es gab Partien, bei denen ich gesagt habe: So darf sich die Mannschaft nicht präsentieren. Das habe ich offen angesprochen, und das ist auch angekommen. Es gab dann auch Spiele, in denen man gesehen hat, dass es deutlich besser und runder laufen kann. Mit welchen Zielen sind Sie vor fünf Jahren angetreten? Ich hatte gar nicht das Ziel, die Mannschaften in eine bestimmte Liga zu bringen. Es hat sich so ergeben, dass wir als Zweiter von der Oberliga in die Regionalliga aufgestiegen sind. Ich habe dann dafür gesorgt, dass wir die Klasse halten konnten. Im Jahr darauf, als ich schon etwas mehr Vorlauf hatte, habe ich es erneut geschafft, uns auf Platz zwei zu bringen. Man muss aber auch sagen, dass alles glücklich gelaufen ist. Benny Bator kam damals zu uns und wollte eigentlich gar nicht voll spielen, hat das dann aber gemacht. Das macht natürlich riesig was aus. Und so haben wir es geschafft, auch in die Zweite Liga aufzusteigen. Ziel war immer, als Nummer eins in Rheinhessen den besten Spielern aus dem Verband eine Plattform zu bieten. So war es ein Stück weit auch in den vergangenen Jahren. Der Verein hat die sportlichen Leistungen immer honoriert und hat uns geholfen, dass wir uns bei den gestiegenen Anforderungen in der höheren Klasse auch etablieren konnten. Ich habe damals die Abteilung gefragt: Wollt ihr wirklich in die Zweite Liga aufsteigen? Da haben alle hier geschrien: „Das wollen wir auf jeden Fall.“ Aber nach einer gewissen Anfangseuphorie war die Hilfsbereitschaft doch sehr enttäuschend, die Abteilung hat mich im Regen stehen lassen. Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass es mir jetzt nicht so schwerfällt, mein Amt niederzulegen. Nichtsdestotrotz habe ich mit den Erfolgen auch Früchte geerntet. Es hat mir Spaß gemacht, dass die Erste Mannschaften meist über den Erwartungen abgeschnitten hat. Das ist etwas, was einen auch in seiner Arbeit bestätigt und dafür entschädigt, dass man mehr investiert, als man eigentlich möchte. Wie war das Verhältnis zum Hauptverein über die Jahre? Das muss ich wirklich sagen: Es war ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Man muss sich erst mal gegenseitig kennenlernen, man muss ja erst mal erkennen, wie die Leute ticken, was ihre sportlichen Ansprüche sind. Ich musste auch erst mal wissen, welche Pläne der Hauptverein mit der Tischtennisabteilung hat, und ich kann mich nur bedanken für das Vertrauen. Mainz 05 steht als Verein nicht umsonst so gut da. Da agieren kompetente Leute, die wissen, was Luftschlösser sind und was realistisch ist. Natürlich habe ich verschiedene Wege aufgezeigt, die die Tischtennisabteilung nehmen kann. Wir haben das gemeinsam diskutiert und sind gemeinsam zu einem Ergebnis gekommen, was im Rahmen der Abteilung möglich ist. Wenn Mainz 05 wollte, könnte der Verein natürlich in der Ersten Liga spielen. Aber warum sollte man das tun, wenn man dann mit drei auswärtigen Leuten antreten würde und der Identifikationsfaktor fehlt? Dafür müsste erst mal ein sportliches Umfeld da sein, ein Jugendleistungszentrum, da müsste sich auch der Verband stärker engagieren. Das ist ein riesen Rattenschwanz. Es bringt ja nichts, einfach mal Erste Liga zu spielen, nur weil man das könnte. Es müsste auch eine Grundlage vorhanden sein. Sie sind neue Wege gegangen beziehungsweise Wege, die nach dem Rückzug Ihres Vor-Vorgängers Volker Hanf lange verschüttet waren. Wie viel Erfahrung hatten Sie in diesem Bereich? Was Sportmanagement angeht, war es für mich schon Neuland. Ich kann zwar organisieren, ich war ja auch während meines Studiums selbstständig und habe Tischtennisartikel verkauft. Dadurch hatte ich ein bisschen Erfahrung und die ein oder andere Verhandlungsfähigkeit erworben. Aber Verbindungen musste ich erst aufbauen. Wer hat Sie beraten, hat Ihnen dabei geholfen? Wer mir sehr geholfen hat, war Arthur Baum, der ja leider nicht mehr ist. Er hat Mainz 05 und mich persönlich unterstützt, er hat mir geholfen, Kontakte herzustellen. Arthur hatte ja ein riesiges Netzwerk, und er war derjenige, mit dem ich mich am vertrauensvollsten ausgetauscht habe. Man baut sein eigenes Netzwerk auch aus, spricht mit anderen Leuten. Durch die Bundesligatagungen gab es einen Austausch mit anderen Vereinsmanagern. Das war ein sehr guter Dialog, bei dem im Vordergrund stand, den Tischtennissport nach vorne zu bringen, weiterzuentwickeln, zuschauertauglicher zu machen, ja, einfach bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Das fand ich sehr bereichernd. Die Vereine haben sich gegenseitig mit Ideen und Tipps weitergeholfen. Auch der DTTB hat Workshops angeboten, wie man Dinge angehen, wie man Probleme lösen könnte. Da wäre es natürlich schöner gewesen, wenn die Abteilung selbst mehr mitgezogen hätte. An Ideen mangelt es hier überhaupt nicht, es gibt sehr viele gute Ideen und Konzepte. Jetzt ist es wichtig, dass sich mehr Leute einbringen. Dass ich nicht mehr Abteilungsleiter bin, ist auch eine Chance. Viele Leute haben sich auf mich verlassen, aber wenn man seinen Platz räumt, sind die anderen gefragt. Wie fällt Ihr Gesamtfazit für die fünf Jahre aus? Wir hatten bis vor zwei Jahren einen echten Höhenflug. Das war oft auch eine glückliche Fügung, dass wir aufgestiegen sind und die Klasse gehalten haben. Dieser Eindruck ist erst zuletzt etwas getrübt worden. Der Abstieg der Ersten Mannschaft im Vorjahr war einkalkuliert, die Zweite Mannschaft hatte den Aufstieg in die Regionalliga geschafft, die Verbandsligamannschaft die Klasse gehalten. Dann gab es leider ein paar Abgänge, die auch der Tatsache geschuldet sind, dass einige Studenten bei uns spielen. Dadurch hatten wir Personalprobleme, es entstand eine gewisse Unzufriedenheit. Natürlich auch dadurch, dass ich vor zwei Jahren zum ersten Mal Vater geworden bin und danach im Verein einfach nicht mehr so präsent war, um gewissen Strömungen entgegenzuwirken. Bedauerlich ist der große Aderlass in den unteren Mannschaften vor der vergangenen und auch vor der kommenden Saison. Bei den oberen Mannschaften gibt es eigentlich keine großen Probleme. Man kann vielleicht sagen, dass wir im Vorjahr den Aufstieg in die Regionalliga nicht hätten wahrnehmen sollen. Aber gut, wir waren Meister, die Mannschaft wollte das auch so. Rückblickend hätten wir es vielleicht besser bleiben lassen, dann wären wir in diesem Jahr auf einem etwas gesünderen Gerüst aufgestellt. Wenn man eine Saison lang nur auf die Ohren bekommt, muss man das auch erst einmal psychisch verarbeiten. Aber was will man machen? Ich habe immer auf die Spieler gehört, da wäre es blöd gewesen zu sagen: Nein, wir steigen jetzt nicht auf. Da bin ich aber mit mir im Reinen. Ich habe das Beste für die Abteilung herausgeholt. Kurz vor Ihrem Abschied haben Sie noch einmal ein neues Konzept auf den Weg gebracht. Was gab den Anstoß dazu? Als ich meinen Abschied angekündigt habe, wollte ich den Leuten die Möglichkeit geben, die Zukunft zu planen. Ich habe zu einer Sitzung eingeladen, bei der wir über das sportliche Konzept und die Zukunft der Abteilung sprechen wollten. Mit Trainer Uwe Höfer und Verbandstrainer Chris Pfeiffer hatte ich mich über Leistungssport und die Möglichkeiten des FSV Mainz 05 unterhalten, und diese beiden hatten eine neue Idee an mich herangetragen. Wir haben festgestellt, dass es im Verband für Herren kein Leistungstraining gibt. Und für das Jugend-Leistungstraining gibt es nur einen Standort in Gau-Odernheim. Aber im stärksten Kreis, in Mainz, gibt es keinen Jugendleistungsstandort. Da können wir mit den Mitteln von Mainz 05 für den Tischtennissport etwas für die Region tun. So kam es, dass Uwe Höfer und Chris Pfeiffer ein Konzept ausgearbeitet haben, das in der Abteilung und im Vereinsvorstand Anklang gefunden hat. Wir wollen langfristig ein Leistungszentrum, kurzfristig eher eine Leistungsgruppe etablieren. Das ist kein Konzept, das in einem Jahr realisiert wird, sondern ein Projekt für fünf Jahre, in denen wir das vorantreiben und entwickeln möchten. Ich sage „wir“, spreche dabei aber für die Abteilung, weil ich mich im nächsten Jahr komplett zurückziehen werde. Tischtennis spielen Sie noch weiter? In der nächsten Saison eher nicht. Ich habe schon in den vergangenen zwei Jahren nur noch sporadisch gespielt, und ich glaube, so werde ich es auch weiter halten. Ganz aufhören werde ich nicht, aber ich werde Tischtennis hintenanstellen. Jetzt, wo das Konzept gerade angeschoben wird, würde es Sie nicht reizen, das Projekt federführend zu begleiten? Ich würde es vielleicht machen, wenn ich mehr Zeit hätte, aber meine Familie mit zwei kleinen Kindern fordert mich schon. Natürlich würde es mich reizen, weil sich hier kompetente Leute engagieren. Auch weil ich das Gefühl habe, dass es mehr Leute innerhalb der Abteilung gibt, die Mainz 05 weiterbringen wollen. Ein solcher Schritt ist aber auch nur möglich, wenn ich mal meinen Platz räume. Dann haben auch andere Leute mehr Luft, sich stärker einzubringen, die sich ansonsten mehr auf mich verlassen würden. Ich bin auch gespannt, ob der Verband mitzieht und kooperiert, denn es ist eine super Chance für den Tischtennis-Sport in Rheinhessen. Davon profitieren alle. Das vorhandene Potenzial ist lange Jahre ungenutzt geblieben. In welcher Form bleiben sie der Tischtennisabteilung erhalten? Ich bin weiterhin Mitglied. Alles andere, was da noch kommt, ob ich mich in der Abteilungsleitung in irgendeiner Weise engagiere, lasse ich mal offen. In der kommenden Saison werde ich mich auf alle Fälle nicht engagieren. Das Gespräch führte Gert Adolphi. Mehr aktuellen Sport aus Mainz lesen Sie hier. Alle Artikel von Tischtennis