Verbandsliga | Guido Steinacker | 05.03.14

Ein Wandervogel, nicht immer ganz freiwillig

Die erste Saisonpartie absolvierte Amin Ouachchen noch im Trikot des VfB Bodenheim. Den Rauswurf von Bruder und Mannschaftskollege Samir beantwortete er kurz vor dem Ende der Wechselfrist mit dem gemeinsamen Abgang nach Bingen. Dort klappte es mit der vorgesehenen Rolle als Sturmpartner von Ailton nicht wie erhofft. Jetzt ergänzt der Mittelstürmer bei Fortuna Mombach das Team seines früheren Coaches Thomas Eberhardt. Mit ihm hatte er 2010 den Verbandsligaaufstieg mit dem VfB gefeiert.
Amin Ouachchen war bei derPunktspielpremiere mit Fortuna Mombach wie die gesamte Offensivreihe des Tabellenzweiten wenig am Spiel beteiligt.
Amin Ouachchen war bei derPunktspielpremiere mit Fortuna Mombach wie die gesamte Offensivreihe des Tabellenzweiten wenig am Spiel beteiligt. | G. Steinacker
Amin Ouachchens jüngerer Bruder Samir gilt als fußballerisch hoch talentiert, aber durch Trainern nur schwer zu führen. Der 21-Jährige soll das Mittelfeld der Fortunen offensiver gestalten, saß in Morlautern aber zuächst auf der Bank.
Amin Ouachchens jüngerer Bruder Samir gilt als fußballerisch hoch talentiert, aber durch Trainern nur schwer zu führen. Der 21-Jährige soll das Mittelfeld der Fortunen offensiver gestalten, saß in Morlautern aber zuächst auf der Bank. | G. Steinacker
Einen unnötigen, von Innenverteidger Marcel Kostadinov verursachten Strafstoß nutze der SV Morlautern durch Waldemar Schneider zur Führung.
Einen unnötigen, von Innenverteidger Marcel Kostadinov verursachten Strafstoß nutze der SV Morlautern durch Waldemar Schneider zur Führung. | G. Steinacker

 

Mombach. Seine Punktspielpremiere in Blau verlief ganz und gar nicht so, wie sich ein Stürmer das vorstellt. Kaum einmal einen klassischen Angriff brachte Fußball-Verbandsligist Fortuna Mombach am Sonntag beim völlig gerechten 0:2 (0:1) im Nachholspiel beim SV Morlautern zustande. Bei seinem ersten Auftritt für die Mombacher sah sich Mittelstürmer Amin Ouachchen weitgehend abgemeldet durch die Defensive eines engagierten und kampflustigen Tabellensechsten.

„Es ist schwer vorne drin, wenn der Ball kaum einmal auf dem Boden ist“, bemängelte der 27-Jähríge das erstaunlich planlose Offensivspiel des Tabellenzweiten mit unzähligen, meist auch noch ungezielten hohen Anspielversuchen aus dem Mittelfeld. Es werden sicherlich bald bessere Spiele mit der Fortuna kommen, in denen Ouachchen beweisen kann, dass sein Wechsel die Erwartungen von Trainer Thomas Eberhardt erfüllt. Der Fortuna-Coach wusste sehr genau, wen er da holen könnte, als Ouachchen im Herbst zusammen mit Bruder Samir, beide offiziell noch bei Landesligaabsteiger Hassia Bingen unter Vertrag, im Training der Mombacher einstieg. Amin Ouachchen war in der Saison 2009/10 schließlich mit 14 Treffern entscheidend am Verbandsligaaufstieg des VfB unter Trainer Eberhardt beteiligt gewesen.

Finthen, Bodenheim, Schott, Bodenheim, Bingen

Die Mombacher fehlten Amin Ouachchen noch in seinem Portfolio. Ansonsten hat er mit 27 Jahren bei fast allen Vereinen im Mainzer Gebiet, die sich auf Verbands- und Landesligaebene bewegen, schon seine Offensivkünste bewiesen. Ob in der Verbandsliga mit Fontana Finthen, in der Landesliga und – nach dem Aufstieg 2010 – erneut in der Verbandsliga mit dem VfB Bodenheim, dann beim Ligakonkurrenten TSV Schott, erneut beim VfB Bodenheim und zuletzt bei Hassia Bingen: Stets entstand der Eindruck, dass Ouachchen nicht gerade als Ausbund von Treue zum jeweiligen Verein gelten darf.

Am 1. Dezember, beim trostlosen 0:5 der Hassia beim FC Speyer, stand Amin Ouachchen letztmals im Binger Kader. Der Abgang war da längst vorbereitet, und so kam es, dass er und Bruder Samir (21) seit Jahresbeginn das dritte Trikot in dieser Saison tragen. „Nach den Abgängen einiger Spieler brauchte ich im Angriff einen Ersatz“, erläutert Thomas Eberhardt den Bedarf an einer neuen Offensivkraft. Mit den vier Abgängern zur Winterpause – die Offensiven Fatmir Pupalovic, Adam Gomina und Emir Draganovic sowie Abwehrmann Niklas Grimm haben den Tabellenzweiten verlassen – war dieses Analyseergebnis naheliegend, auch wenn sich keiner dieser Spieler in der Torschützenliste vorne platziert hatte.

Fortuna ist keine Notlösung

Seine Bindung an die Mombacher gelte für diese und die kommende Saison, sagt Amin Ouachchen und stellt klar, dass die Fortuna für ihn keine Notlösung ist. Warum auch, schließlich verbesserte er sich mit dem Wechsel von einem taumelnden Landesligaabsteiger zu einem starken Verbandsliga-Neuling sportlich. Das Wandervogel-Image, das er sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hat, wird durch die jüngsten Monate natürlich geschärft. Aber es war anders gedacht, als er und Samir im August den Verlockungen des Ailton-Klubs erlagen und den Absprung vom VfB Bodenheim wagten, beteuert Ouachchen.

„Der Verein hat mit seinem Sportgelände eigentlich beste Voraussetzungen – ein Umfeld, das Mainzer Vereine nicht bieten können“, sagt der Stürmer. Die Versprechungen der neuen Hassia-Führungsriege nach dem Abgang von Manager Stefan Seidel klangen gut. „Es wurde zum Beispiel versprochen, dass sich bei der Hassia nicht mehr alles um Ailton drehen werde“, berichtet der Neu-Mombacher, der zusammen mit dem einstigen Bundesligatorschützenkönig eine Woche nach dem Blitztransfer zum Punktspiel an den Guckenberg zurückkehrte und beim 3:1-Sieg gegen seine Eben-noch-Teamkameraden zum 2:0 für die Binger traf.

"Es ging doch nur um Ailton"

Das ließ sich gut an für Ouachchen; das ungleiche Offensivduo der Binger schien sich prima zu ergänzen. Aber „es hat sich dann doch im Verein alles nur um Ailton gedreht“, sah er diesen Punkt der Zusagen schon nach wenigen Wochen als nicht erfüllt an. Die Bedingungen für das Training wurden immer schwieriger am Hessenhaus. „Die Breite fehlte bei der Hassia, wir standen manchmal nur mit sechs, sieben Spielern auf dem Trainingsplatz – und Ailton war höchstens einmal die Woche dabei“, schildert Ouachchen. Das Rückspiel gegen die Bodenheimer sagte die Hassia dann unter fadenscheinigen Angaben ab, es wird am Donnerstag (19.30 Uhr) nachgeholt.

Der Wechsel vom VfB zur Hassia funktionierte zu jenem Zeitpunkt nur noch über Amateurverträge, aus denen er und Bruder Samir nun erst einmal wieder herauskommen mussten. „Wir haben dafür auf Geld verzichtet“, betont Amin Ouachchen. Dass das Brüderpaar gemeinsam von Verein zu Verein geht, ist nichts Ungewöhnliches. Seitdem Amin und Samir beim TSV Schott Mainz erstmals gemeinsam in einem Team standen, bewegen sich die Ouachchens meist im Doppelpack.

Vom Gonsenheimer Verbandsligisten ging es für Amin zur Saison 2012/13 zurück zum VfB Bodenheim, Samir kam nach einer erfolglosen Hinrunde beim Oberligisten SV Gonsenheim in der Winterpause nach. Beide zogen im August nach Bingen und nun eben nach Mombach weiter. Für den Abschied vom VfB spielte alleine die Situation seines Bruders eine Rolle, betont Amin. „Es hat mir selbst in Bodenheim an nichts gefehlt. Aber dann hat mein Bruder Probleme mit Trainer Jockel Weinz bekommen. Der Rauswurf von Samir war nicht gerechtfertigt“, bleibt Amin Ouachchen auch ein halbes Jahr nach den Entwicklungen bei seiner Sicht der Dinge.

Hüter seines Bruders Samir

Ebenso wiederholt er die Begründung „Blut ist dicker als Wasser“ dafür, dass er den Weg seines Bruders lieber mitging als den 21-Jährigen alleine ziehen zu lassen. Aus der Rolle des vom großen Bruder behüteten Talents „sollte Samir sich langsam lösen“, empfiehlt Thomas Eberhardt dem offensiven Mittelfeldakteur. Die Probleme, die Samir Ouachchen mit Weinz bekam, scheinen allerdings mit jedem ambitionierten Trainer programmiert, der auf Trainingsfleiß und Disziplin besteht. Auch beim TSV Schott war für ihn nach einer Suspendierung durch Trainer Bert Balte der Endpunkt erreicht.

Dass Samir offenbar auch bei seiner neuen Station Mombach an sich arbeiten muss, sieht man daran, dass der streng nach Trainingseindruck aufstellende Eberhardt ihn anders als seinen älteren Bruder in Morlautern zunächst auf der Bank sitzen ließ. Erst die Verletzung von Igor Heizmann verhalf dem 21-Jährigen nach 54 Minuten zur Fortuna-Premiere. „Er sollte offensiv noch einmal etwas bewegen, und das war ja dann auch durchaus der Fall“, sieht Eberhardt den Auftritt des starken Technikers positiv. „Samir weiß, dass er einiges ändern muss“, betont Amin Ouachchen. Vielleicht gelingt der Reifeprozess ja in Mombach.

Vielleicht hilft es den beiden Neuen, dass Eberhardt sein Team nach der schwachen Vorstellung in der Pfalz im Meisterschaftskampf aus dem Rennen sieht. Bewusst hatte der Trainer das Spiel in Morlautern im Vorfeld zum Startpunkt eines Angriffs auf Tabellenführer TSV Schott erklärt. „Genauso, wie ich das herausposaunt habe, um noch ein paar Prozent aus der Mannschaft herauszukitzeln, rudere ich jetzt eben zurück", zog er die Konsequenz aus dem Auftritt beim 0:2.

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