Bundesliga | Peter H. Eisenhuth | 27.07.17

„Mir wird noch etwas beigebracht“

05-Torwart René Adler im „Interview der Woche“.
René Adler will kein Backup sein, sondern allwöchentlich zwischen den Pfosten stehen.
René Adler will kein Backup sein, sondern allwöchentlich zwischen den Pfosten stehen. | Peter H. Eisenhuth

Grassau/Mainz. René Adler ist die vielleicht spektaluärste Verpflichtung in der Geschichte des FSV Mainz 05. Eigene Akteure zu Nationalspielern zu formen, ist dem Verein schon öfter gelungen, doch einen ehemaligen deutschen Nationaltorhüter unter Vertrag zu nehmen, das gab's am Bruchweg noch nie. Im Gespräch mit SPORTAUSMAINZ.de erzählt der 32-Jährige, warum er vom HSV zu den 05ern gekommen ist, spricht über schwieriger werdendes Torwartspiel und erklärt, warum junge Profis ein intaktes soziales Umfeld benötigen.

 

Herr Adler, waren Sie überrascht, als sich vor einigen Wochen Rouven Schröder bei Ihnen gemeldet hat?

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten schon Überlegungen für die Zeit nach Hamburg angestellt, wir haben geguckt, was passen könnte. Und wir hatten schon den Gedanken gehegt, vielleicht noch mal im Ausland tätig zu werden, eine andere Sprache zu lernen, eine andere Kultur zu erleben, einfach noch ein bisschen Lebenserfahrung zu sammeln. Dann hat mich aber mein Berater über Rouvens Anruf informiert, und ich habe dann relativ schnell das persönliche Gespräch mit Rouven und auch mit Sandro gesucht, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Das war der ausschlaggebende Punkt. Ich habe das Ganze sacken lassen, und mich hat das Gefühl nicht mehr losgelassen, dass das echt Spaß machen könnte. Dass ich hier gewollt bin, dass ich wertgeschätzt werde und dass dies genau das ist, was im Moment am besten passen könnte.

Aber eigentlich ist es ja ungewöhnlich, dass Mainz 05 bei einem ehemaligen Nationaltorhüter anruft, bei dem jeder darüber spekuliert, ob er ins Ausland geht oder vielleicht als zweiter Mann zu den Bayern, wo er auch noch mal viel Geld verdienen könnte. 

Ja, aber das sind zwei Modelle, die immer wieder Thema waren gerade auch mit meiner Frau, meinem Bruder, einer Familie. Will ich bei einem großen Klub den Backup machen, weil man einfach zwei gute Torhüter braucht, und dann vielleicht auch auf meine Spiele zu kommen, weil man in England viele Spiele hat? Und das andere Modell ist einfach, jeden Tag hart zu trainieren und das dann am Wochenende auch zeigen zu können. Irgendwann war es meine Frau, die zu mir gesagt hat: Wenn du ehrlich bist, wirst du mit der Rolle als Nummer zwei nicht glücklich. Du brauchst die Wertschätzung, du willst spielen, du willst der Mannschaft aktiv auf dem Platz helfen können. Das hat mich im Endeffekt bewogen, alles noch mal zu überdenken und zu sagen: Hey, es stimmt. Solange es noch so viel Spaß macht und die Lust noch da ist, sich jede Woche mit den Besten zu messen, nehme ich lieber diese Herausforderung an. Und das Gesamtpaket hat dann einfach in Mainz am besten gepasst. 

Wie konkret waren zu diesem Zeitpunkt die Auslandspläne?

Wir hatten schon viele Anfragen, auch aus dem Ausland. Aber ich hatte bei keinem Verein das Gefühl, so gewollt zu sein, wie es mir Sandro und Rouven vermittelt haben. Das war mir letztlich mehr wert, als mit Krampf noch mal eine Auslandserfahrung zu machen, mit Krampf vielleicht noch ein paar Euro mehr mitzunehmen. Im Endeffekt geht es mir darum, glücklich zu sein und Fußball zu spielen.

Dass die Gespräche mit Rouven Schröder und Sandro Schwarz eine wichtige Rolle gespielt haben, sagen viele der neuen Spieler. Auch Abdou Diallo sagt, Schwarz habe den letzten Kick für seine Entscheidung gegeben. Was erzählt er denn so?

Sandro ist einfach authentisch und ehrlich. Er hat eine ganz klare Vorstellung davon, wie er Fußball spielen lassen will, und hat hier in Mainz eine Infrastruktur, die ihm diese Möglichkeit gibt: unaufgeregt, mit wenig Stress, auch wenn es mal nicht so läuft, sein Ding durchzuziehen, weil man überzeugt ist vom Trainer und der Art des Fußballs. Und diese Ruhe, auch einfach mal Dinge auszusitzen, die hat man in anderen Vereinen vielleicht nicht. Das ist ganz, ganz wichtig in diesem schnelllebigen Geschäft.

Das war in Hamburg anders.

In Hamburg war es anders. Da ist halt auch ein bisschen mehr Druck auf dem Kessel, aber das ist nicht immer gut. Die zahlreichen Wechsel bei Trainern und Sportdirektoren in den vergangenen Jahren haben sich in der fehlenden Konstanz der Mannschaft widergespiegelt.

Wie kann man so viel Geld wie der HSV ausgeben und dann fünf Jahre hintereinander im Abstiegskampf stecken oder sogar in die Relegation müssen?

Geld geht nicht immer mit Erfolg einher. Es müssen auch Strukturen geschaffen werden, in denen sich Spieler entwickeln können, in denen man in Ruhe arbeiten kann. Das war in den letzten Jahren in Hamburg nicht immer gegeben. Dann kommt eins zum anderen, und wenn die Negativspirale Fahrt aufnimmt, kommen die Erinnerungen ans Vorjahr hoch, dann kommen Ängste hoch beim Verein, bei den handelnden Personen, bei den Fans. Das spürst du dann auch als Mannschaft und dann agiert man vielleicht tendenziell eher aus einer Vermeidungshaltung statt aus einer proaktiven Haltung heraus. Vielleicht ist das eine Erklärung.

Wie waren denn die ersten drei Wochen bei Mainz 05? Haben sich Ihre Erwartungen nach den Gesprächen mit Rouven Schröder und Sandro Schwarz erfüllt?

Es macht extrem viel Spaß, die Jungs haben mich vom ersten Tag an total cool aufgenommen, mich direkt integriert. Ich habe versucht, meinen Teil dazu beizutragen, umgänglich zu sein, einfach ein Teil der Mannschaft zu sein. Es kommt mit gar nicht so vor, dass ich erst seit drei Wochen dabei bin, ob das im Umgang mit den Verantwortlichen oder den Spielern oder mit den Physios ist. Da ist schon eine gewisse Vertrautheit da, und die brauche ich, um mich wohlzufühlen. Angenehm sind auch die kurzen Wege vom Hotel zum Trainingsgelände oder mit den Jungs in der Mittagspause schnell was essen zu gehen. Hier in Mainz ist alles insgesamt unaufgeregt. Das fühlt sich alles sehr, sehr gut an, und ich genieße das gerade.

Was kann ein 32-Jähriger mit dieser Vita noch lernen?

Ich glaube, sehr, sehr viel. Und zwar jeden Tag. Das habe ich auch vom ersten Tag an gesagt. Ich schaue auch auf andere Torhüter, und ich hoffe, auch von unseren Jungs was zu lernen. Es wird immer gesagt, dass sie von mir lernen sollen, aber ich will auch von ihnen lernen. Es ist ja nicht so, dass ich alles besser kann als Jannik oder Flo oder Robin, insofern sehe ich es eher so, dass wir uns gegenseitig auf einen besseren Level heben, dass wir uns hochpuschen. Das ist unsere Aufgabe als Torwartgruppe. Wenn jeder Spieler so an die Arbeit rangeht, bringt das eine ganze Mannschaft weiter. Wenn man denkt, die Entwicklung sei vorbei, braucht man nicht mehr zu trainieren. Ich genieße es, nochmal den Schritt zu einem anderen Verein gemacht zu haben, einen neuen Torwarttrainer zu haben, neuen Input zu bekommen, neue Mitspieler – davon erhoffe ich mir noch einen Kick.

Ganz laienhaft gefragt: Wenn ein Trainer mit seiner Mannschaft taktische Dinge trainiert, gibt es so viele Varianten, die man üben kann. Aber was unterscheidet Torwarttrainer voneinander? Weil: Letztlich geht es ja immer darum, Bälle zu halten. Möglichst viele.

Ich glaube, gerade da ist diese Zusammenarbeit in der Torwartgruppe extrem wichtig. Ich war immer jemand, der es total gebraucht und geschätzt hat, ein eingeschworener Haufen zu sein, zu sagen, dass wir zwar alle um eine Position kämpfen, aber in allererster Linie Kollegen sind und uns gegenseitig besser machen wollen. Und der Torwarttrainer ist u n s e r Trainer. Er ist zwar auch Mitglied des gesamten Trainerteams, aber er stellt sich schützend vor die Truppe. Wir kriegen auch mal einen Anschiss von ihm, aber er begreift sich als Teil unserer Gruppe. Es geht darum, auch mal zu lachen, Spaß zu machen, alles im Hinblick auf die Entwicklung – und nicht zu denken, nur weil einer 32 ist und schon paar Bundesligaspiele hat, müsse man den nur noch beschäftigen. Mir wird noch etwas beigebracht. Das ist mir wichtig.

Was können die anderen von Ihnen lernen?

Das ist schwierig, ich will auch gar nicht so viel über mich sprechen. Ich halte es für wichtig, dass man im Training viel miteinander kommuniziert. Einen Teil macht natürlich die Erfahrung aus, das Stellungsspiel. Wie ist das, wenn einer alleine auf dich zukommt, wo stehe ich, gehe ich lieber ein Stück auf die Linie zurück, oder gehe ich dem Stürmer entgegen. Ich glaube, da hat jeder Torwart eine etwas andere Auffassung. So bastelt man sich dann seinen eigenen Stil zusammen, schaut sich dabei auch mal was ab. Dieser Stil ist aber nie fertig, mit der Zeit verändert man auch einzelne Dinge. Zum Beispiel, weil man je älter man wird auch leichter an Schnelligkeit einbüßt – aber dafür hat man ein ganz anderes Auge, man liest die Situation anders. Das ist es, was ich den jungen Torhütern vielleicht mitgeben kann. Und: Bei jedem Training trotz allem Spaß alles konzentriert anzugehen und alles bewusst zu genießen. Denn es kann durch eine Verletzung auch schnell vorbei sein. 

Das haben Sie in einer gewissen Form vor der WM in Südafrika erlebt, zu der Sie als Nummer eins gefahren wären – dann mussten Sie verletzt passen. Hatten Sie daran lange zu knabbern?

Das ist so eine Sache, die ich in gefühlt jedem Interview gefragt werde. Das nervt mittlerweile, dazu will ich auch gar nix mehr sagen, das ist sieben Jahre her. Ich bin auch grundsätzlich keiner, der fragt: Was wäre, wenn? Wäre ich zur WM gefahren, hätte ich wahrscheinlich meine Frau nicht kennengelernt. Und wenn ich jetzt die Wahl hätte, würde ich die WM für meine Frau sausen lassen.

Täuscht der Eindruck, dass die Torhüter in den letzten Jahren verstärkt in der Kritik stehen, dass mehr über Torwartfehler geredet wird als früher? Ist das Torwartspiel schwieriger geworden?

Gute Frage. Jedes Jahr wird es für uns Torhüter schwieriger, weil die Bälle vom Material her immer schwerer zu halten sind. Sie werden rutschiger, werden leichter, werden schneller. Das ist ja auch okay, weil das Spiel auf Tore ausgelegt ist und jedem ein 6:5 lieber ist als ein 1:0...

…außer Ihnen…

…außer mir, außer dem Torhüter. Wenn man allein die Entwicklung der Materialien sieht, wie die Bälle flattern, das wird irgendwann auch gesundheitsgefährdend, um es ein bisschen übertrieben auszudrücken. (lacht) Aber das ist okay, da muss man einfach mitgehen. Das Spiel entwickelt sich, es wird immer schneller, und es wird auch schwieriger, sich dem anzupassen als Torhüter. Man kann versuchen, seine Reaktionszeiten zu verbessern, und wenn die Bälle schneller fliegen, dann geht halt mal einer rein, weil die Jungs einfach schnell schießen oder immer kräftiger werden. Das ist aber ja auch die Challenge, die man braucht und die man sucht. Ich nehme es nicht als bewussten Trend wahr, dass die Torhüter mehr in der Kritik stehen als früher.

In Mainz hatte vorige Saison Jonas Lössl von Anfang bis Ende einen sehr schweren Stand – er hatte allerdings auch das Pech, direkt auf einen überragenden Loris Karius zu folgen. Bei Lössl wurde schon relativ viel über einzelne Fehler geredet...

…aber das ist kein allgemeines Problem, sondern ein Problem des Vergleichs. Wenn man Loris Karius haben wollte, hätte man ihn nicht gehen lassen dürfen, so einfach ist das. Aber wenn man sich entscheidet, einen anderen Torhüter zu holen, macht der vielleicht Dinge anders als der Vorgänger. Manche schlechter, aber manche auch besser. Ich glaube, da muss man auch einfach ein bisschen offen gegenüber neuen Leuten sein. 

Wenn Sie mit Ihren 32 Jahren ihre Zeit als Profi Revue passieren lassen, die Entwicklung des Fußballgeschäfts: Ist das alles noch gesund, oder ist dieser ganze Hype schon auf dem Weg in den Irrsinn?

Ich spiele in diesem System mit, und ich profitiere auch davon, aber ich glaube, es ist schon wichtig, das richtig einordnen zu können. Aber hier kann man nicht Äpfeln mit Birnen vergleichen. Wenn man das Gehalt eines mittelmäßigen Fußballers in Relation zum Gehalt eines top Arztes setzt,  dann ist das total übertrieben, weil die Leistung des Fußballers in keinem Verhältnis zur Arbeit und Verantwortung des Arztes steht, der Menschenleben rettet. Aber in der Marktwirtschaft gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage, und die Nachfrage nach Fußball ist nun mal so brutal groß, dass einfach jeder damit werben will und präsent sein will, und so kommen auch die Preise zustande. Natürlich ist das irgendwo nicht mehr gesund, sondern irrational. Wenn man jetzt über Transfers für 200 Millionen Euro spricht, kommt mir das vor wie Chips beim Pokern. Was man mit diesem Geld auf der Welt machen könnte, wie man Menschen helfen könnte – aber da sind wir wieder bei Äpfeln und Birnen. Die Jungs können nix für diese Ablösesummen; im Endeffekt sind die Spieler einfach Figuren im Markt.

Wie kann man dann gerade jungen Spielern helfen, in diesem Geschäft am Boden zu bleiben?

Wichtig ist ein gewisses soziales Umfeld, aber das ist nicht immer gewährleistet. Es ist auch nicht immer einfach, wenn man mit 18 Jahren schon viel mehr Geld verdient als beispielsweise die eigenen Eltern. Dann hast du schnell viele Leute um dich herum, die auf einmal deine Freunde sind, die die besten Anlageideen haben und wissen, wie man noch mehr Steuern sparen kann. Bei mir war das ähnlich. Meine Eltern hatten keinerlei Bezug zu solchen Summen; ihr Lebensziel war es einfach, das Haus abzubezahlen. Dann ist es wichtig, vertrauensvolle Leute um sich herum zu haben, die wirklich nur dein Wohl im Blick haben und nicht profitgetrieben in ihre eigene Tasche wirtschaften. Wo viel Geld ist, da sind auch viele Haie; das ist leider Gottes so, und es ist auch für einen jungen Profi gar nicht einfach, da einen klaren Blick zu bewahren.

Sind die Vereine in der Pflicht, den jungen Spielern zu helfen, oder muss letztlich doch jeder für sich selbst klarkommen?

Also, ich finde das gut, wenn schon in der Jugend ein gewisses Bewusstsein geschärft wird für das, was kommen könnte – in allen Bereichen. Auch im Umgang mit der Presse. Viele kippen aus den Latschen, wenn in der Jugend alles super ist und sie dann zum ersten Mal medialen Gegenwind bekommen. Das dann einfach als Teil des Geschäfts zu akzeptieren, damit zu spielen, das erfordert eine entsprechende Vorbereitung. Deshalb ist es wichtig, dass eine ganzheitliche Schulung  stattfindet. Das wird sicherlich heute schon in den Nachwuchsleistungszentren viel, viel besser gemacht als vor zehn Jahren, aber auch da ist noch Luft nach oben.

Sie haben in Mainz einen Zweijahresvertrag unterschrieben, aber danach muss Ihre Karriere noch lange nicht zu Ende sein. Haben Sie schon Pläne oder Ideen für das Leben, das nach dem Fußball kommen könnte?

Aktuell konzentriere ich mich auf meinen Job hier. Ich will Spaß und Erfolg haben, und nach zwei Jahren setze ich mich mit der Familie hin, schaue mir den Status quo an und denke darüber nach, wie es weitergehen könnte, was für alle Beteiligten das Beste ist, und was sich am besten anfühlt. Dann werde ich die Möglichkeiten bewerten und entscheiden, wie ich es jetzt gemacht habe. Vor allen Dingen selbstbestimmt. Das war mir bei meinem HSV-Abgang wichtig, und das wird mir auch beim nächsten Mal wichtig sein. Wie das dann aussehen wird, weiß ich noch nicht – das ist ja noch eine halbe Ewigkeit.

Das Gespräch führte Peter H. Eisenhuth.

 

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