Bundesliga | Gert Adolphi | 21.10.2021

Auf dem Weg zum stärkeren Ich

IM PORTRÄT | Vor zwei Jahren debütierte Ashot Shahbazyan für den ASV Mainz in der Bundesliga. Nach der coronabedingten Pause arbeitet sich der junge Freistilringer in die 66-Kilo-Klasse hinein. Und nach acht Jahren in Deutschland wartet der gebürtige Armenier ungeduldig auf seine Einbürgerung.
Ashot Shahbazyan  (l.) ist selbstbewusst, aber nicht überheblich. Er weiß: „Ich habe noch einen langen Weg vor mir.“
Ashot Shahbazyan (l.) ist selbstbewusst, aber nicht überheblich. Er weiß: „Ich habe noch einen langen Weg vor mir.“ | Bernd Eßling

Mainz. In seine neue Gewichtsklasse muss sich Ashot Shahbazyan erst noch hineinarbeiten. Der Ringer des ASV Mainz 88 sollte schon im vorigen Jahr ins Leichtgewicht aufsteigen, doch da die Bundesligasaison früh abgebrochen wurde, blieb er ohne Einsatz. In dieser Runde ist er bislang gesetzt und gewann die beiden letzten seiner fünf Kämpfe.

Von einer Steigerung zu sprechen, wäre vorschnell, zu unterschiedlich waren die Gegner, doch Shahbazyan befindet sich in einem Lern- und Aufbauprozess. „Erst kürzlich hat mir ein Freund gesagt, dass 66 Kilo zu wiegen und in der 66-Kilo-Klasse zu ringen, zwei völlig verschiedene Dinge sind“, erläutert der 20-Jährige. „Mir fehlt noch die physische Kraft.“

Sein Bundesligadebüt gab Shahbazyan vor zwei Jahren im 61-Kilo-Limit, zunächst sogar stilartfremd im Greco. Als er in der Rückrunde im Freistil randurfte, blühte er geradezu auf und gewann alle fünf Kämpfe. Erst in den Play-offs traf er auf ihm überlegene Gegner, hielt seine Niederlagen aber in Grenzen.

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Vom Lockdown hart getroffen

„Meine erste Bundesligasaison war eine gute Sache“, sagt er. „Ich konnte gegen Topleute viel Erfahrung sammeln und habe mich im Verlauf der Runde stark verbessert.“ Das habe sein Selbstbewusstsein gestärkt, und auf eine ähnliche Steigerung setzt er auch jetzt. „Ich hoffe, dass am Ende der Saison ein ganz anderes Ich auf die Matte geht.“

Die Coronakrise traf Shahbazyan hart. Bereits als Fünfjähriger hatte er in seiner früheren Heimat Armenien mit dem Ringen begonnen, mit neun oder zehn trainierte er zweimal täglich, einmal vor, einmal nach der Schule. Der Übungseifer hielt nach der Übersiedlung nach Deutschland an, wo er bei den 88ern ein neues sportliches Zuhause fand.

Doch im ersten Lockdown musste er plötzlich auf diese Routinen verzichten. „Nicht nur Turniere wurden abgesagt, wir durften auch nicht zum Training auf die Matte“, sagt er. Anfangs konnte er das noch locker nehmen; wegen einer gebrochenen Nase, die er sich bei der Rheinland-Pfalz-Meisterschaft zugezogen hatte, musste er sowieso eine Pause einlegen. „Auf die Dauer war das aber nicht gut. Mir haben die Kontakte zu den Freunden gefehlt.“

Fachabitur mit exzellenten Noten

Shahbazyan hielt sich mit Laufen und Kraftübungen fit, trug zudem mit seinem Bruder Josif im Garten Sparringskämpfe und Partnerübungen aus. Als die Ringer wieder auf die Matte durften, konnte er auch wieder an seiner Technik und der sportartspezifischen Kondition arbeiten. „Die Luft, die man zum Ringen braucht, bekommt man nicht vom Joggen.“

Dennoch bedeuteten der Abbruch der vorigen Saison und der fast vollständige Wegfall von Turnieren für den 20-Jährigen einen Rückschritt. „Ich habe die Wettkampferfahrung und auch mein Selbstbewusstsein wieder verloren“, erzählt er. Shahbazyan fühlt sich benachteiligt gegenüber Nationalkaderathleten, die zu Lehrgängen eingeladen wurden und auch zu Wettkämpfen oder Trainingslagern ins Ausland reisen durften.

Auch an Deutschen Meisterschaften durfte er noch nicht teilnehmen, da er noch nicht eingebürgert ist. Wenn er die Fakten seiner gelungenen Integration auflistet, hört man die Ungeduld, einen deutschen Pass zu bekommen, heraus. „Ich lebe seit acht Jahren in Deutschland, spreche meiner Meinung nach sehr gut Deutsch, ich habe mein Fachabitur mit exzellenten Noten abgeschlossen und absolviere eine Ausbildung.“ Shahbazyan steht bei der Sparkasse Mainz im zweiten Lehrjahr zum Kaufmann im E-Commerce.

Saisonbeginn war befreiend

Da der Deutsche Ringer-Bund von sich aus nicht auf das Talent aufmerksam wurde, bat der Shahbazyan seinen Vereinstrainer Davyd Bichinashvili, sich für ihn einzusetzen. Auf Initiative der 88er wurde er tatsächlich zum Kaderturnier und zu einem einwöchigen Lehrgang in Heidelberg eingeladen. „Für mich war das Umfeld ungewohnt, die anderen kannten das schon“, sagt er, „aber nur so entwickelt sich etwas.“

Den Saisonbeginn empfand er wie eine Befreiung: „Es war toll, nach der langen Pause wieder vor Zuschauern ringen zu dürfen.“ Diese Freude dämpften auch die Niederlagen, die er und seine Mannschaft in den ersten Begegnungen kassierten, nur geringfügig. Trotz der angespannten Personalsituation habe sich das Team gegen so starke Gegner wie Alemannia Nackenheim und die Red Devils Heilbronn gut geschlagen.

Beim Lokalkonkurrenten verlor Shahbazyan gegen den 24-jährigen Viktor Lyzen, der bereits den Sprung in den Nationalkader geschafft hat. „Viktor ist einige Jahre älter als ich und ein ziemlich erfahrener Ringer. Aber er ist einer der Konkurrenten, an denen ich vorbeimuss, wenn ich an die Spitze will.“

Zweimal Rückstände gedreht

Es folgten Niederlagen gegen starke internationale Ringer. Im Heimkampf gegen den RC Düren-Merken aber platzte gegen Purya Jamali-Esmaeili-Kandi der Knoten, in Bad Kreuznach legte der 88er gegen Scott Gottschling gleich den nächsten Sieg nach. Auffällig: Gegen seine beiden deutschen Konkurrenten drehte Shahbazyan Rückstände. Gegen Jamali kassierte er in der zweiten Runde das 1:2, gewann aber noch 8:3, das 8:4 gegen Gottschling kam dank einer taktischen Umstellung nach dem 2:4-Pausenrückstand zustande.

„Ich hatte kurz nicht aufgepasst, das hat mein Gegner genutzt“, erklärt er, warum er sich zunächst von Kreuznacher hatte überrumpeln lassen. „Das liegt auch an der fehlenden Routine nach der Coronapause.“ Deshalb freue er sich derzeit über jeden Sieg, mit jedem Erfolg wachse das Vertrauen in die eigenen Stärken wieder. „Ich bleibe nicht stehen, ich bin motiviert, gebe Gas. Ich habe noch einen langen Weg vor mir.“

Auch seinem Team traut er in dieser Saison noch viel zu. „Wir sind ja nicht irgendeine Mannschaft, wir sind Mainz 88“, betont Shahbazyan und verweist darauf, dass der ASV vor zwei Jahren gegen Heilbronn ein eigentlich schon verlorenes Viertelfinale im Rückkampf gedreht hatte und zum wiederholten Mal ins Halbfinale eingezogen war. Deshalb vertraut er Trainern und Betreuern, dass sie auch die laufende Runde zu einem erfolgreichen Abschluss führen. „In den Play-offs hat der schlechte Saisonstart dann keine Bedeutung mehr.“

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